Matthäus warnt Hitzfeld: «Mein Sohn erzählt mir alles über die Schweizer Nati»

  • Publiziert: 20.03.2011, Aktualisiert: 02.01.2012
  • Von Andreas Böni, Max Kern (Text) und Toto Marti (Fotos) aus München

Exklusiv für SonntagsBlick trifft sich Nati-Coach Ottmar Hitzfeld mit Bulgariens Trainer Lothar Matthäus. Ein Gespräch über das Spiel der Wahrheit, alte Bayern-Zeiten und Lothars Frauen.

Hotel Kempinski am Münchner Flughafen, Suite 4149. Ottmar Hitzfeld (62) steht im hell eingerichteten Raum neben Lachs- und Thunfisch-Schnittchen sowie Früchtespiesschen mit ein wenig Melone und Erdbeeren. Hitzfeld nippt an einem Glas Wasser. Es ist kurz nach 16 Uhr, als Lothar Matthäus (wird morgen 50) den Raum betritt.

«Ach, der Meister», ruft Matthäus. «Wie lange ist das her, dass wir uns gesehen haben?» Hitzfeld freut sich ebenfalls, sagt: «Das war 2008 in Israel, bei unserem Quali-Spiel, als du da Trainer warst.» Lothar lacht, sagt: «Stimmt, da habt ihr 2:2 gespielt, in letzter Minute einen kassiert. Unentschieden, das bringt nächste Woche keinem von uns was.»

Es ist Dienstag, ein paar Stunden vor dem Champions-League-Kracher Bayern gegen Inter. Matthäus läuft im Anzug auf. Hitzfeld sagt: «Wenn ich gewusst hätte, dass du so gepflegt kommst, hätte ich mich auch noch umgezogen …» Matthäus: «Ich bin eben heute Abend wie du bei Sky auch beim TV. Ich bin Experte bei Al-Dschasira.»

In sechs Tagen kommts zum alles entscheidenden Länderspiel Bulgarien gegen Schweiz. Matthäus gegen Hitzfeld. Die beiden Trainer nehmen auf der hellbraunen Couch Platz. Zum exklusiven Doppelinterview für SonntagsBlick.

Herr Hitzfeld, wie würden Sie Lothar Matthäus charakterisieren?
Ottmar Hitzfeld:
Ich war sehr stolz, als ich nach Bayern kam, Lothar in der Mannschaft zu haben. Ihn trainieren zu können, den deutschen Rekordnationalspieler, den ich immer geschätzt und bewundert habe. Ich habe ihn als gradlinigen, offenen und ehrlichen Menschen kennengelernt. Der sich auch immer nach schlechten Spielen gestellt hat. Es gibt ja viele Spieler, die stellen sich nur vor die Kamera, wenn sie gewonnen haben.

Herr Matthäus, Sie deuteten mal an, so einer sei Jürgen Klinsmann gewesen.
Lothar Matthäus:
Sagen wirs mal so: Er war einer, der sich bei schlechten Leistungen eher nicht der Presse gestellt hat.

Herr Matthäus, was macht Hitzfeld aus?
Matthäus:
Ich habe viele grosse Trainer erlebt. Aber der kompletteste war Ottmar. Weil er die ganzen Steinchen in der Mannschaft so zusammengesetzt hat, dass man immer das Bestmögliche erreichte. Er war immer ehrlich zu den Spielern. Auch schwierige Entscheidungen, die dem Spieler sicher wehtaten, hat er stets offen kommuniziert. Dadurch hat er immer eine hohe Anerkennung unter den Spielern gehabt. Was mir besonders imponiert hat, ist, dass er auch auf die privaten Dinge eines Spielers eingegangen ist.

War das bei Ihnen auch so?
Matthäus:
Ich hatte zum Beispiel damals eine schwierige Zeit mit meiner Trennung von Lolita, wollte ab und zu meinen Sohn Loris in der Schweiz, also in Crans-Montana, sehen. Dann hat man offen gesprochen, und Ottmar hat mir auch mal einen Tag mehr frei gegeben. Weil er gespürt hat: «Was soll ich mit einem unzufriedenen Menschen, der gerne mal seinen Sohn sehen will?» Er hat in solchen Dingen immer eine Lösung gefunden, ohne, dass er das Gesicht vor der Mannschaft verlor. Drei Jahre unter diesem Trainer, das war einfach eine tolle Zeit. Die Spieler – auch jene mit grossen Namen – hätten für ihn das letzte Hemd gegeben.

Ihr Sohn Loris hat den Schweizer Pass. Wem hilft er bei Bulgarien gegen Schweiz?
Matthäus:
Er wird in Sofia nicht die Schweizer Flagge tragen, hoffe ich. Er wird sicher zum Spiel kommen. Und ich hoffe, dass er mir die Daumen drückt. Er ist jetzt 18 Jahre alt und füttert mich mit allen Informationen zur Schweizer Nationalmannschaft. Er ist der grösste Inter-Mailand-Fan, den es gibt. Immer noch, fast 20 Jahre, nachdem ich da gespielt habe. Bei der WM war er in Südafrika dabei, da half er der Schweiz, klar. Aber er ist schon Italien-fokussiert. Seine Mutter ist ja gebürtige Italienerin, er hat einen deutschen Vater und Namen und einen Schweizer Pass.

Ihr Verhältnis zu Lolita …
Matthäus:
… ist sehr gut. Wir waren zuletzt gemeinsam bei einem Boxkampf in Stuttgart. Sie wäre am Sonntag gerne zu meinem Geburtstag gekommen, kann aber leider nicht. Ich werde am Montag 50 – da wir uns dann aber in Bulgarien treffen, feiere ich von Sonntag auf Montag rein.

Lassen Sie uns über Bulgarien – Schweiz reden. Wer am Samstag verliert, ist aus der EM-Quali raus. Einverstanden?
Hitzfeld:
Es ist schon ein Weg weisendes Spiel. Jeder weiss, dass die drei Punkte lebensnotwenig sind, um nochmals im Kampf um die EM-Plätze einzugreifen. Jedem ist der Ernst der Lage bewusst. Bulgarien hat sich mit dem Sieg in Wales zurückgemeldet, da wird jetzt schon wieder mehr Begeisterung da sein.
Matthäus: Der Fussball war in den letzten zwei Jahren in Bulgarien am Boden. Es gab kaum Erfolgserlebnisse, dafür Pleiten wie das 1:4 in Zypern. Die Zeiten, als Bulgarien mit einem Stoitschkov, Balakov oder Letchkov uns 1994 bei der WM aus dem Viertelfinale warf, die sind vorbei. Nicht nur der Fussball ist am Boden, das ganze Land ist wirtschaftlich in einer Krise. Aber das letzte Ergebnis – auch wenns nur ein 1:0 in Wales war – hat den Spielern wieder Selbstwertgefühl gegeben. Man glaubt wieder an die Nationalmannschaft. Aber es sind nicht mehr die Spieler wie vor 10, 15 Jahren da.

Spielen Sie beide voll auf Sieg?
Matthäus:
Ich bin mir ganz sicher, dass wir beide drei Punkte holen müssen.
Hitzfeld: Es gibt immer verschiedene Mittel und Möglichkeiten, um erfolgreich zu sein. Bulgarien ist sowieso eine Mannschaft, die nach vorne spielt. Das wird uns die Möglichkeit geben, unsere Stärken auszuspielen. Das sind die Kompaktheit und das schnelle Umschalten nach vorne. Lothar wird sicher aggressives Forechecking machen, um uns unter Druck zu setzen. Das kann ein Vorteil für uns sein, da wir schnell kontern können.
Matthäus: Beide Trainer werden ihre Hausaufgaben machen. Aber aufgrund der personellen Besetzung und der Erfahrung hat die Schweiz gewisse Vorteile. Von der Turnier-Erfahrung, von den Klubs her, bei denen sie unter Vertrag stehen, sind die Schweizer uns überlegen. Andererseits haben wir ein Heimspiel und genug Potenzial, um nicht als krasser Aussenseiter ins Spiel zu gehen.

Herr Matthäus, wäre es für Sie eine Befriedigung, Ihren Ex-Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld zu schlagen?
Matthäus:
Natürlich weiss ich, dass hier im deutschsprachigen Raum sich alles um dieses Duell dreht. Aber für mich geht es darum, für meinen Arbeitgeber einen guten Job zu machen, um nichts anderes.

Lesen Sie das gesamte Interview in der gedruckten Ausgabe des SonntagsBlick.

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