Köbis Erbe

  • Publiziert: 16.06.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Andreas Böni und Max Kern
play Marionette? Assistenztrainer Michel Pont lässt Chef Köbi Kuhn nach dem Sieg gegen Portugal gefeiert werden. (Benjamin Soland)

Noch 14 Tage, dann ist Ottmar Hitzfeld (59) unser neuer Nati-Coach. BLICK sagt, was sich unter ihm nach dem EM-Aus ändern muss.

Tschüss Köbi, Grüezi Ottmar! Beim nächsten Schweizer Spiel am 20. August gegen Zypern sitzt der Welt-Trainer erstmals auf der Bank. Doch bis dahin muss sich nach den insgesamt enttäuschenden EM-Spielen einiges ändern.

Punkt 1: Seilschaften dürfen nichts mehr zählen!
Köbi Kuhn hielt oft krampfhaft an den Stammspielern fest. Es war Fluch und Segen zugleich. Patrick Müller beispielsweise dankte es ihm mit starken Leistungen, der nicht fitte Tranquillo Barnetta machte eine eher schwache EM.

Johan Djourou (21) beklagte sich im «Le Matin» bitterböse, dass er keine Chance erhalten habe. Der Arsenal-Söldner: «Das Problem kommt vom Trainer. Es gibt keine Konkurrenz und das ist nicht normal. Man wusste vier Monate vorher, wer spielen wird! Im Klub kämpft man im Training, um einen Platz im Team zu haben. Hier, mit der Nati, bringt es nichts, wie ein Verrückter alles zu geben – man kennt die Mannschaft ja bereits im Voraus!»

Auch Hakan Yakin, der dreifache EM-Torschütze, beklagte sich über mangelndes Vertrauen von Kuhn (im BLICK). Und Lille-Söldner Stephan Lichtsteiner sagt: «Nach sieben Jahren haben sich Gewohnheiten eingeschlichen, das ist normal. Aber jetzt kommt ein neuer Trainer, jeder muss sich beweisen. Die Mannschaft ist noch nicht gemacht.»

Nur: Haben Yakin und Djourou mit ihrem Nachtreten schon ein Eigentor geschossen? Hitzfeld ist bekannt dafür, solche Aussagen knallhart zu bestrafen. Als Bayerns Captain Oliver Kahn zuletzt Luca Toni und Franck Ribéry («Bayern ist nicht Florenz oder Marseille») kritisierte, suspendierte er ihn für ein Spiel und brummte ihm 25 000 Euro Geldbusse auf.

Ein heisser Punkt im ganzen Gefüge der Seilschaften ist auch Assistenz-Trainer Michel Pont.

Punkt 2: Kontakt zu den Spielern!
Köbi Kuhn ist ein Mann der heimischen Scholle, viel Reisen nicht sein Ding. Erst in den Monaten vor der EM besuchte er die Spieler regelmässig, gelegentlich auch im Ausland. Hitzfelds Aufgabe ist es, sich mehr vor Ort bei Spielern zu zeigen, vor allem auch im Ausland. Einerseits, um sie in ihrem täglichen Umfeld zu beobachten, andererseits, um ihnen das Gefühl zu geben, wichtig zu sein für den Nati-Trainer. Mit ein paar Telefonanrufen ist es nicht gemacht.

Punkt 3: Nur noch willige Spieler mitnehmen!
Marco Streller hat nach ein paar Pfiffen seinen Rücktritt für nach der EM angekündigt. Brauchen wir ihn wirklich oder setzt Hitzfeld lieber auf junge, hungrige Spieler, die willig sind und auch mal im Gegenwind ausharren? Alex Frei sagte gestern, man habe «fünf, sechs Stürmer, welche die Qualität für die Nationalmannschaft mitbringen».

Köbi Kuhn hat immer wieder Talente aus dem Nachwuchs eingebaut. Von Barnetta über Gökhan Inler bis Gelson Fernandes, um nur einige zu nennen. Diesen Weg muss Hitzfeld konsequent weitergehen. Nachwuchs-Talente in den Startlöchern: Fabian Lustenberger (Hertha BSC), Pirmin Schwegler (Leverkusen), Valentin Stocker (FCB), Marco Schönbächler, Almen Abdi (FCZ).

Punkt 4: Die Kommunikationsarbeit muss professioneller gestaltet werden!
Ob bei der Verletzung von Streller oder der notfallmässigen Spitaleinlieferung von Alice Kuhn – immer wieder informierte der Verband zu spät, ungenügend oder gar nicht. Das Resultat: Die Tagesschau spekulierte, Frau Kuhn habe eine Hirnblutung. Die Spieler kolportierten, sie habe ein Blutgerinnsel. Andere Zeitungen gaben sie schon fast als tot. Unter Hitzfeld muss transparenter informiert werden – proaktiv, wie der gewesene Teamberater Adrian Knup oft sagte und nie tat. Ein erster Schritt ist gemacht: Der Journalist Marco von Ah von der Neuen Luzerner Zeitung ersetzt Pierre Benoit als Medienchef.

Punkt 5: Lieber Ottmar, bring uns das deutsche Glück mit!
Die Schweizer Nationalmannschaft war zuletzt sicher nicht vom Glück begünstigt. Captain Alex Frei formulierte es gestern aber richtig: «Man redet immer vom Glück der Bayern und vom Glück der Deutschen. Aber das ist kein Zufall, man kann es erzwingen.»

Bringt uns Ottmar Hitzfeld das bei? Schliesslich kommt er aus dem Land des Glücks. Bei der Auslosung für die WM 2010 hat er das deutsche Glück ja schon mal mitgebracht: Es hätten durchaus schwerere Gegner als Griechenland, Israel, Moldawien, Lettland und Luxemburg kommen können.