Exklusiv Hitzfeld: «Jetzt schreibe ich»

Liebe Leserinnen und Leser! Ich bin stolz, Schweizer Nati-Coach zu sein. Ich bin stolz, dass wir nun zur WM in Südafrika fahren. Und ein bisschen denke ich dabei immer an meinen Vater.

  • Publiziert: 16.10.2009, Aktualisiert: 19.01.2012

Meine Stimme ist seit Dienstag etwas schwächer geworden, ich bin leicht heiser. Das kommt daher, dass ich viel mit den Spielern geredet habe und erkältet bin. Darum habe ich übrigens den Glücksmantel auch nicht getragen – es war zu kalt dafür.

Ich muss ehrlich gestehen: Am Mittwoch war ich bei der Schweizer Nationalhymne sehr gerührt. Wenn sie gespielt wird, kommen mir fast die Tränen. Ich werde dann sentimental und denke oft an meinen verstorbenen Vater. Mit ihm habe ich viele Länderspiele der Schweiz zusammen erleben dürfen. Ich denke, dass er irgendwo an einem anderen Ort zuschaut.

Diese Schweizer Mannschaft ist für mich eine absolute Herzensangelegenheit geworden. Ich fühle mich als halber Schweizer, bin in Lörrach mit «Schwiizerdütsch» aufgewachsen, habe in Engelberg meinen Zweitwohnsitz.

Es ist unglaublich schön, wie die Menschen mich hier behandeln. Ich bekomme viele Briefe. Am meisten rührt mich daran, dass die Leute mich mit «Unser Nationaltrainer» anschreiben. Das ist emotional anders wie als Vereinstrainer. Ich bin Repräsentant für ein ganzes Land.

Das grösste Glück meines Lebens ist meine Familie. Mein Sohn Matthias ist
jetzt 30 Jahre alt, ist ein bescheidener und toller Mensch geworden. Obwohl es für ihn nicht immer einfach war, mit dem Namen Hitzfeld aufzuwachsen. Er arbeitet heute bei Adidas.

Übrigens: Auch meine Frau Beatrix ist sehr stolz auf die Schweizer Nationalmannschaft. Wir sind jetzt seit 34 Jahren verheiratet und sie begrüsst es, dass ich als Nati-Trainer mehr Zeit für sie habe. Sie musste früher auf enorm viel verzichten. Heute kann ich viel zu Hause arbeiten. Und wenn Uli Hoeness mal wieder anruft und fragt, ob ich verfügbar wäre, sagt sie sofort: «Nein, das machen wir nicht mehr!» Wir können uns nicht mehr vorstellen, die Region Lörrach noch einmal zu verlassen.

Jetzt werden mein Staff und ich die Weltmeisterschaft 2010 planen. Zehn Quali-Spiele sind vorbei, wir haben uns durchgesetzt. Völlig euphorisiert bin ich aber noch nicht. Nach einem Titelgewinn ist etwas abgeschlossen, man fängt etwas Neues an. Wir aber sind jetzt auf halbem Weg – die WM kommt ja erst. Wir wollen sicher mal die Gruppenphase überstehen.

Was wäre, wenn wir gegen Deutschland spielen würden? Das wäre schlecht für Deutschland. Nein, im Ernst: Von der Emotion her wäre es gewaltig. Und eine Riesen-Challenge. Die Deutschen wären natürlich Favorit – die Schweiz hat ja zuletzt gegen sie nicht allzu grossartige Ergebnisse erreicht.

Ich freue mich sehr, dass die Mannschaft beim 0:0 gegen Israel die ganze ausgefallene Achse verkraften konnte. Diego Benaglio hat mit Tränen in den Augen gesagt, dass er nicht spielen kann. Es spricht für ihn, dass er so jung eine solche Entscheidung trifft. Alex Frei und Beni Huggel wollten spielen. Als junger Trainer hätte ich sie vielleicht aufgestellt. Aber mit der Erfahrung von heute weiss ich, dass Spieler nach einem Virus stark angeschlagen sind. Da tust du den angeschlagenen Spielern bei einem Abnützungskampf wie gegen Israel keinen Gefallen.

Nun denken wir an die WM in Südafrika. Und ich kann versprechen: Wir wollen uns zum Favoritenschreck entwickeln.

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