Letztes Jahr kandidierte Sarah Palin in den USA für das Amt der Vizepräsidentin. Sie hat bei uns den Begriff «Hockey Mom» bekannt gemacht. Als Hockey Mom (je nach Gegend auch Soccer Mom genannt) werden in den USA Frauen bezeichnet, die nicht berufstätig sind und grosse Autos fahren. Die Hockey Mom verbringt den Tag damit, ihre Kinder zu Freizeitaktivitäten zu chauffieren. Früher brauchte es keine Hockey Moms, weil Kinder noch in der Lage waren, unbegleitet ins Sporttraining und in die Klavierstunde zu gehen.
Im Schweizer Sport sind gegenwärtig nicht die Hockey Moms im Gespräch, sondern die FCZ-Schwiegermütter. Wir lesen zum Beispiel Silvan Aegerter habe das Dossier seiner Vertragsverlängerung der Schwiegermutter übergeben. Nur wegen der Schwiegermutter habe sich der FCZ nicht längst mit Aegerter einigen können. Gleichzeitig heisst es auch, Johan Vonlanthens Karriere hänge an einem seidenen Faden, weil ihn seine fromme Schwiegermutter immer tiefer in ihre Religionsgemeinschaft ziehe.
Was Hockey Moms und FCZ-Schwiegermütter gemeinsam haben, ist ihre schlechte Presse. Auf sie werden die negativen Emotionen des Fussvolks projiziert. Die Schwiegermütter seien die Bösen und die wehrlosen Schwiegersöhne stünden unter ihrem schlechten Einfluss, heisst es am Stammtisch. Das ist ungerecht. Schwiegermütter sind in der Regel viel besser als ihr Ruf. Es ist nicht ihre Schuld, wenn manche Fussballprofis unselbständig sind wie F-Junioren. Ein Hoch auf die Schwiegermütter!
Kopfstoss von Pedro Lenz: «Keine Vertragseinigung wegen Schwiegermutter»
BLICK-Kolumnist Pedro Lenz über den Einfluss von Schwiegermütter auf einen Sportler - wie bei Johan Vonlanthen oder Silvan Aegerter.
Kolumne vom 14.12.2009
Kolumne vom 07.12.09
Nun wurde also unsere Nationalmannschaft an der Fussball-WM einer Gruppe mit lauter Spanisch sprechenden Gegnern zugelost. Das muss uns allerdings nicht zwingend spanisch vorkommen. Die Spanischlastigkeit der Gruppe hat vor allem mit der Popularität des Fussballs in Lateinamerika zu tun. Mit einer anderen Sprache hätte uns das kaum passieren können. Für eine deutschsprachige Gruppe zum Beispiel hätten sich neben Deutschland noch Liechtenstein und Österreich qualifizieren müssen, was uns doch eher überrascht hätte.
Doch nun, da die Gruppe H schon vom Spanischen dominiert ist, könnte es vielleicht nützlich sein, wenn Schweizer Spieler und Fans ein paar minimale Kenntnisse der Sprache von Cervantes mit in die Stadien bringen. Zu diesem Zweck seien an dieser Stelle einige der gebräuchlichsten spanischen Fussballbegriffe erläutert:
Quíper (meint Keeper und heisst Torwart), Güing (kommt von Wing und heisst Flügel), Orsaí (ist die spanische Ausspracheart für Offside), Chutar (ausgesprochen Tschuttar, kommt von to shoot und heisst das Gleiche wie im Schweizerdeutschen Tschutte), Refi (kommt von Referee und meint den Schiedsrichter), Goal, Corner und Penalty heissen auf Spanisch Gol, Córner und Penalty.
Was zeigt uns diese kleine Schnellbleiche in spanischer Fussballsprache? Unsere Nationalmannschaft braucht sich nicht vor Verständigungsproblemen zu fürchten. Die Gruppe H mag noch so dominiert sein vom Spanischen, die Fussballsprache bleibt Englisch, for ever.
Kolumne vom 30.11.2009
So wie es im Leben Moden und Spleens gibt, die rasch vergehen, so gibt es natürlich auch Dinge, die lange Bestand haben. Zu den beständigen Werten in unserem Land zählt zum Beispiel die Ovomaltine.
Mit diesem Getränk sind ganze Generationen von Hobby- und Spitzensportlern aufgewachsen. Egal ob im Sommer im Freibad oder im Winter auf der Kunsteisbahn, die Ovo hat uns ständig begleitet und fit gehalten. Doch was vor allem zählt: Es gibt sie noch immer.
Es kann deshalb unmöglich Zufall sein, dass unser Ski-Star Didier Cuche genau diese Getränkemarke auf seinem Helm trägt. Manchmal will es einem nämlich vorkommen, Cuche sei ebenfalls schon immer da gewesen.
Würde mir heute einer erzählen, Cuche sei seinerzeit gegen Bernhard Russi und Karl Schranz gefahren, ich müsste es vermutlich glauben. Das hat nichts mit dem wirklichen Alter besagter Herren zu tun. Nein, das ist nur eine Frage des Gefühls.
Wer will schon wissen, ob Didier Cuche 25, 35 oder 45 ist? Vielleicht ist er ja noch älter. Manche seiner Gegner auf der Skipiste könnten biologisch betrachtet seine Kinder sein. Aber für ihn scheint das überhaupt keine Rolle zu spielen. Er trinkt seine heisse Ovo, steht auf die Latten und trocknet alle seine Konkurrenten ab.
Es gibt Gerüchte, gemäss denen Cuche nach dieser Saison zurücktreten will. Wir mögen es nicht glauben. Eher wird man von Ovomaltine betrunken, als dass es Skirennen ohne Didier Cuche gibt. Wir heben den weissen Kunststoffbecher und rufen: «Prost Meister, immer weiter so!»
Kolumne vom 23. November
Eigentlich wollte ich wetten, dass ich in dieser Spalte mindestens sieben Mal das Wort Wettskandal unterbringen kann. Doch angesichts der Dimensionen dieser Affäre, kriege ich es allmählich mit der Angst zu tun. Ich möchte fast wetten, dass mir so eine Wette falsch ausgelegt werden könnte. Vielleicht sollte ich eher darauf wetten, dass ich in meinem Leben nie mehr wette. Oder soll ich wetten, dass wir es bestimmt nicht mit dem letzten Wettskandal zu tun haben? Und wie hoch wäre meine Quote, wenn ich darauf wetten würde, dass ich selbst mich niemals für einen Wettskandal einspannen liesse?
Es ist zum Verzweifeln!
Nehmen wir einmal an, ich wettete 100 Franken darauf, dass ich beim Wetten niemals betrüge. Gewänne ich die Wette, erhielte ich, sagen wir mal, 1000 Franken. Aber kurz vor Wettschluss bekäme ich vielleicht ein Angebot, trotzdem zu betrügen. Dann verlöre ich meine Wette. Je nachdem wie hoch das dubiose Angebot wäre, könnte ich allerdings mehr als die 1000 Franken gewinnen. Das wäre dann auch wieder ein Wettskandal.
Beim Wetten teilen sich zwei ungleiche Geschwister die Hauptrolle: der Zufall und die Mathematik. Gesellt sich zu den beiden noch die Manipulation, haben wir es unweigerlich mit einem Wettskandal zu tun. Meine Wette mit dem siebenmaligen Anbringen des Wortes Wettskandal, habe ich hiermit noch nicht gewonnen. Einmal Wettskandal fehlt noch. Voilà. Das war natürlich auch Manipulation. Aber wenigstens kommt bei dieser Wette niemand zu Schaden.
Kolumne vom 16. November 09
Fussball ist ein Ausdruck von Lebensfreude. Mit Fussball verbinden wir Jugendlichkeit, Verspieltheit, Anmut, also lauter Dinge, die zum Diesseits gehören. Wer zum Fussball geht, will seine Spieler jubeln sehen. Fussball ist Leben. Gedanken an den Tod sind im Fussball nicht vorgesehen.
Der Suizid des deutschen Nati-Goalies Robert Enke hat uns erschüttert. Wir waren auf diese Todesnachricht nicht vorbereitet. Hinterher haben viele Experten Kritik geübt. Das Fussballgeschäft sei herzlos, konnten wir lesen, weil dort Depressionen keinen Platz hätten. Das mag stimmen. Aber möglicherweise ist das nicht die Schuld des Fussballs. Depression, Suizid und Tod sind Tabuthemen, nicht nur im Fussball, sondern im Alltag überhaupt.
Wer gibt schon Einblick in seine inneren Abgründe? Wer traut sich mit seinen seelischen Problemen an die Öffentlichkeit zu treten? Fast niemand. Das ist nicht nur im Sport so. Die wenigen Fussballer, die es dennoch gewagt haben, über ihre Krankheit zu sprechen (Ergic, Deisler), haben das Tabu nicht brechen können. Es ist schlimm, dass ein Fussball-Star sterben musste, damit wir endlich anfangen, offen über Depressionen zu reden. Jetzt weiterschweigen wäre allerdings noch viel schlimmer.
Kolumne vom 09. November 09
Mit den Nati-Aufgeboten geht es uns wie mit den Panini-Alben: Wir konzentrieren uns nicht auf die, die drin sind, sondern auf die, die uns fehlen. Wie im Album fehlen aber nicht allen Sammlern die gleichen Bildchen. Dem einen fehlt Magnin, dem andern fehlt Nkufo, und wieder ein anderer kann mit Magnin oder Nkufo überhaupt nichts anfangen, weil ihm ganz andere fehlen.
Der Nati-Trainer ist vergleichbar mit der Verpackerin, die in der Druckerei die Panini-Briefchen füllt. «Hier ein Degen und da ein Frei und... was haben wir dort? Nehmen wir einen Huggel, und da passt noch ein Wölfli rein...» Am Ende sind alle Briefchen abgefüllt. Doch weil im Album nur eine beschränkte Anzahl Kleber Platz hat, kann es unmöglich von jedem potenziellen Nationalspieler ein Bildchen geben. Wer lange genug Panini-Bildchen gesammelt hat, weiss etwas mit Bestimmtheit: In jedem Album finden wir Spieler, die dann am Turnier überhaupt keine Rolle spielen.
Als Kinder haben wir nach den Turnieren jeweils Fussballer, die zwar im Album, aber nicht an den WM waren, mit Zeitungsbildern anderer Spieler überklebt. Ästhetisch war das nicht optimal, dafür stimmte es sportlich. So gesehen braucht uns das aktuelle Aufgebot nicht zu beunruhigen. Wir können ja zur Sicherheit jetzt schon die Fotos der U17-Helden aus der Zeitung ausschneiden. Gesammelt, geklebt und überklebt wird sowieso erst im nächsten Sommer.
Kolumne vom 02. November 09
In allen Mannschaftssportarten wird die Legende vom Teamgeist hochgehalten. Trainer beschwören diesen Teamgeist so eindringlich, dass kaum jemand auf die Idee käme, am Teamgeist-Gedanken zu zweifeln.
Besonders in hiesigen Eishallen tummeln sich viele Teamgeist-Prediger. Eishockey-Trainer sind die Oberpriester des Teamgeistes. Manche dieser Oberpriester schreiben Bücher und treten an Symposien auf. Was der Heilige Geist für das Christentum, ist der Teamgeist für das Eishockey.
Nun könnten wir annehmen, der grösste Feind des Gläubigen sei der Andersgläubige. Aber das stimmt nicht. Weder Eishockey noch Christentum sind von aussen gefährdet. Die wirkliche Gefahr kommt von innen! Der Antichrist oder Anti-Teamgeist steckt im System. Wie sollen wir Hockey-Gläubigen an den Teamgeist glauben, wenn unser Glaube auf derart plumpe Weise erschüttert wird? Was wollen wir mit einem Teamgeist, der es zulässt, dass Spieler mitten in der Meisterschaft über Nacht den Klub wechseln?
Die Transfer-Praxis muss dem eingefleischten Eishockey-Fan vorkommen wie eine Religionspraxis, bei der die Heiligen von heute auf morgen die Konfession wechseln. Da soll uns Fans doch niemand mehr den Teamgeist predigen. Dieser Geist ist längst verdrängt vom Gespenst des Scheckbuchs. Wer im Eishockey noch an den Teamgeist glaubt, ist naiv. Wenn wir trotzdem ins Stadion gehen, tun wir es aus Gewohnheit. Schliesslich muss auch nicht jeder, der eine Kirche betritt, zwingend an den Heiligen Geist glauben.
Kolumne vom 26.10.2009
Während uns die Skistars wieder zittern und jubeln lassen und während im Eishockey längst um Punkte gefightet wird, erreicht uns noch eine letzte Sportmeldung aus dem Spätsommer: Anfangs September haben offenbar drei Schweizer Fussballfans in der lettischen Hauptstadt Riga ein bedeutendes Denkmal angepinkelt. Nachdem ein lettischer Polizist sie darauf aufmerksam gemacht hatte, dass ein Denkmal kein Pissoir ist, haben die Eidgenossen den bedauernswerten Ordnungshüter kurzerhand verprügelt.
Die Nachricht weckte Erinnerungen an öffentliche Erleichterungsszenen während der Euro 08 in Bern. In der Bundesstadt wurden damals weniger die Denkmäler angebrunzt, als vielmehr die altehrwürdigen Sandsteinmauern. Deutlich bleibt einem die Szene in Erinnerung, als etwa ein Dutzend holländische Schlachtenbummler nebeneinander die Fassade der Heiliggeistkirche mit einer öffentlichen Toilette verwechselten. Ein erzürnter Passant drohte den orange gekleideten Brunzern, er werde nach Holland fahren und ihnen jeden Tropfen in gleicher Währung heimzahlen.
Es braucht keine spezifischen Medizinkenntnisse, um einen Zusammenhang zwischen Urin und Bier herzustellen. Oder, um es salopp zu sagen: Wo gebechert wird, da wird geseicht. Und weil viele Fussballfans nun mal dem Bier zusprechen, ist das Harnlassproblem vor allem ein Fussballproblem. Seien wir also froh, dass jetzt wieder Skisport angesagt ist. In Skigebieten wird eher Ovo getrunken. Das lässt sich leichter behalten.
Kolumne vom 19. Oktober
Fussball erzählt Geschichten. Fussball hat Geschichte. Beides ist vielen, die Geld in den Fussball stecken, wurstegal. Geschichte oder Geschichten, damit können Buchhalter und Geldsäcke nichts anfangen. Deswegen wurde auch kaum ein Sponsor verlegen, als der Schweizer Cup vor einigen Jahren kurzfristig den Namen eines Telefonanbieters erhielt.
Im Augenblick heisst der Schweizer Cup wieder Schweizer Cup, aber nicht aus Einsicht, sondern weil noch kein neuer Sponsor gefunden wurde. Wer weiss, vielleicht reden wir bald schon vom Salami-Soundso-Cup oder vom Energy-Drink-Light-Cup.
Die schönsten Geschichten des Cups wurden in der Provinz geschrieben. Besuche grosser Mannschaften bei Dorf- oder Quartiervereinen haben manchen Spieler oder Fan für immer geprägt. Besonders schön hören sich alle Geschichten von Amateuren an, die einer Profimannschaft ein Bein stellen konnten.
«Cup auf dem Land war ein Jahreshöhepunkt»
Brachte der Cup ein grosses Los, kam der Dorfmetzger kaum nach mit Wursten und der Gipsermeister stellte alle seine Gerüstelemente für eine Zusatztribüne zur Verfügung. Cup auf dem Land war ein Jahreshöhepunkt für Verkehrskadetten, Blasmusik und Lokalreporter.
Dass manche Klubs inzwischen aus finanziellen Überlegungen auf ihr Heimrecht verzichten, ist nur der bislang letzte Schritt einer Entwicklung, die den Cup immer fragwürdiger erscheinen lässt. Doch schon bevor die Klubs für dreissig Silberlinge Seele und Heimrecht verkauften, war der Geist verdorben.
Fliegende Papierschnitzel an der Cup-Übergabe sind kein Ersatz für fehlendes Geschichtsbewusstsein. Animation und Moderation, wie wir es neuerdings an Cupfinals erleben, finden nur die cool, die ein Fussballspiel nicht von einer Werbefahrt unterscheiden können. Der Cup ist faul geworden, er stinkt nach Geld.
Kolumne vom 12. Oktober
Beinahe wäre die Nachricht im helvetischen Siegestaumel nach dem Luxemburg-Spiel untergegangen: Unser aller Lieblingsfeind, der türkische Nationalcoach Fatih Terim, will zurücktreten.
Der Imperatör geht, und die Fussballwelt weint! Der Sport wird um eine Attraktion ärmer. Am Mittwoch wird Terim im bedeutungslosen Spiel gegen Armenien zum letzten Mal an der Seitenlinie stehen.
Wir können Fatih nicht mehr böse sein
Wir werden ihn vermissen! Fatih Terim, der Mann mit dem tadellosen Brillantinen-Haarschnitt, hatte ein besonderes Verhältnis zur Schweiz. Wir erinnern uns, wie er rund um das legendäre WM-Ausscheidungsspiel Türkei – Schweiz die eine oder andere verbale Steilvorlage spielte.
Nicht immer traf er mit seinen wortreichen Ausbrüchen ins Schwarze. Doch unterhaltsam war es allemal.
Eine Weile lang hatte der Imperatör hierzulande kaum noch Freunde. Er sei ein Brandstifter, wurde ihm unterstellt. Er habe mit seinem Verhalten die Ereignisse der legendären Schlacht von Istanbul provoziert. Aber das ist lange her.
Wir können ihm nicht mehr böse sein, im Gegenteil. Wer auch nur eine kleine Ahnung von Psychologie hat, weiss, dass die Schweizer vor vier Jahren ohne Terims Provokationen kaum zu einem derartigen Exploit fähig gewesen wären.
Terim als Mentalcoach zur Schweizer Nati
Ab nächstem Mittwoch ist Fatih Terim also wieder auf dem Arbeitsmarkt verfügbar. Jetzt müsste der Schweizerische Fussballverband sofort handeln und diesen temperamentvollen Fachmann als Mentalcoach einstellen. Mit Terim hätte die Schweizer Fussball-Nati eine grosse Zukunft vor sich.
Niemand könnte unsere Stars so heiss machen wie der Vulkan vom Bosporus. Fragen Sie zum Beispiel mal Beni Huggel, der seinerzeit in Istanbul derart kochte, dass er danach von der Fifa für längere Zeit auf Eis gelegt werden musste.
Kolumne vom 05. Oktober
Bern ist die Stadt der Stänkerer. Jahrelang waren an YB-Spielen praktisch nur negative Kommentare zu vernehmen. Lange vor dem Spiel jammerten manche Tribünengäste schon präventiv über die erwartete Niederlage. Nein, auch diesmal werde es nicht reichen, sagten die selbsternannten Experten zwischen zwei Bissen in die fettige YB-Wurst. Der eine sei ausser Form, der andere sei sowieso nicht gut genug, der Trainer habe keine Ahnung und überhaupt sei man nur ans Spiel gekommen, weil der Kollege einen überredet habe.
Selbst im letzten Frühling, als YB im Cupfinal gegen Sion zwei zu null führte, waren fast alle sicher, dass YB den Match noch verliert. Wer seit Jahren regelmässig an die YB-Spiele ging, hatte sich längst daran gewöhnt, dass am Ende meistens die andern lachten. Aber es waren nicht die Niederlagen, die wirklich schmerzten, sondern dieser unglaubliche Pessimismus auf den Rängen, der wie ein böser Virus alle angesteckt zu haben schien.
Inzwischen ist der böse Virus besiegt. Die gelbschwarzen Fans sind keine Stänkerer mehr. Die Medizin hat viele Namen, aber der Doktor heisst Vladimir Petkovic. Der ehemalige Sozialarbeiter bringt an Pressekonferenzen regelmässig die schönsten Sätze:
«Das war gute Frage, aber ich gebe Ihnen jetzt gutes Antwort!», «Ich sage es Deutsch und ich sage es deutlich!», «Wenn wir kommen sechs, sieben, acht, neun Mal schnell mit viel Spieler in Strafraum, gibt es Tor oder gibt es Penalty, aber etwas gibt es immer!»
Oft wurde geschrieben, Vladimir Petkovic sehe aus wie der Filmstar George Clooney. Das ist dummes Gerede. Wer Vladimir Petkovic genau ansieht, bemerkt, dass er aussieht wie ein Meistertrainer. In seinen Augen funkelt der Glanz des Meisterpokals. Sagen wir es Deutsch und sagen wir es deutlich: Petkovic hat längst die gelbschwarze Meisterrakete gezündet!
Kolumne vom 28. September
Es geschah vor einigen Tagen in einem Wirtshaus im östlichsten Osten eines osteuropäischen Landes. Wo er denn herkomme, wurde der Fremde von den Einheimischen gefragt. Er sei Schweizer, sagte der Fremde. Es dauerte eine Weile, bis die Osteuropäer reagierten. Aber dann fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen. Rasch war ihnen eine grosse Begeisterung anzuhören: «Switzerland? Switzerland! Oh, oh, Stéphane Lambiel! Super!»
Im Laufe des Abends wurde dem Reisenden aus der Schweiz immer klarer, dass Lambiel der berühmteste Schweizer in jenem östlichen Land ist. Mehr noch, Lambiel ist fast der einzige Schweizer, den dort alle kennen. Die Menschen im Osten scheinen unseren Eislauf-Prinzen zu lieben und zu bewundern. Und wenn der Schweizer Gast sie fragte, ob ihnen ausser Lambiel noch sonst ein Schweizer bekannt sei, fiel höchstens noch der Name Wilhelm Tell: «Oh, oh, Wilhelm Tell! Super!»
Als hätte Stéphane Lambiel geahnt, dass er seinen Ruhm im Osten höchstens mit Wilhelm Tell teilen muss, hat er nun die beiden berühmtesten Schweizer verschmolzen. Diese Verschmelzung hat am Olympia-Qualifikations- Wettkampf in Oberstdorf Publikum und Jury restlos begeistert. Offensichtlich hat der feinfühlige Eiskunstläufer in der Figur des freiheitsliebenden Armbrustschützen die perfekte Ergänzung gefunden. Lambiel ist super, Wilhelm Tell ist super, und entsprechend muss Lambiels neue Kür supersuper sein.
Trotzdem bleibt der Walliser bescheiden: Er sei erst bei 70 bis 80 Prozent, gab er an. Er müsse noch versuchen, seine Gefühle zu kontrollieren, denn das alles sei sehr emotional für ihn. Das glauben wir ihm gerne. Umso mehr drücken wir unserem Rückkehrer schon heute für Olympia die Daumen. Möge ihn die Nervenstärke und Präzision von Wilhelm Tell zum Sieg führen. Oder frei nach Friedrich Schiller: «Zu dieser Goldmedaille muss er kommen.»
Kolumne vom 21. September
Die Politik warnt uns vor einer Überalterung der Gesellschaft. Soziologen rechnen vor, dass Schweizer im Durchschnitt nur noch wenig mehr als ein Kind zeugen. Die Männer sind faul und schlaff geworden. Sie fürchten sich vor der Verantwortung der Vaterschaft. Alle Männer? Nein! In einem Dorf in der Innerschweiz lebt einer, dem die Zukunft der Heimat nicht einfach egal ist. Hakan Yakin erfüllt auf und neben dem Platz eine Vorbildfunktion. Bereits erwartet er sein viertes Kind, und wer weiss, was noch kommt?
Wie auf dem Rasen, wo wir Hakan als Instinkt-Fussballer lieben und bewundern, scheint er auch im Bett seinem Instinkt zu vertrauen. «Was heisst hier geplant?», hat er die Journalisten gefragt, als sie wissen wollten, ob die Schwangerschaft seiner Freundin Tanja vorsätzlich zustande kam. Was für eine Frage! Ein Genie wie Hakan Yakin geht doch nicht planmässig vor. Seine Stärke liegt ja gerade im spontanen, schnellen Entschluss.
Wir freuen uns mit Hakan Yakin und haben eigentlich nur noch eine kleine Sorge. Wie schafft es Grossmutter Emine, die Kontrolle über ihre Enkelschar zu behalten? Was hat die legendäre Mama von Murat und Hakan Yakin schon für Reisen auf sich nehmen müssen, um ihren Buben den Znüni an den Spielfeldrand zu bringen! Gegenwärtig arbeitet der eine in Thun und der andere in Luzern. Ihre Enkelkinder sind verstreut über mehrere Mütter und Regionen. Da können wir der sympathischen Emine bloss viel Kraft und Übersicht wünschen.
Aber zurück zum künftigen Vierfach-Vater Hakan. Der Mann ist ein Phänomen. Er trifft und trifft und trifft. Während andere Ballkünstler in seinem Alter allmählich abbauen, scheint er erst richtig aufzublühen. Seine Fruchtbarkeit auf und neben dem Platz ist vorbildlich. Gerade in dieser Krisenzeit sollten wir Männer solche Leistungen als persönlichen Weckruf verstehen. Worauf warten wir noch?
Kolumne vom 14. September
In manchen Gegenden der Welt symbolisieren die Hoden Eigenschaften wie Mut oder Tapferkeit. Ist jemand ein Feigling, sagt man in solchen Ländern, der Betreffende habe keine Eier.
Wie es diesbezüglich um die Eierstöcke steht, bleibt unklar. Sicher scheint bloss, dass im Allgemeinen eher über Eier geredet wird als über Eierstöcke.
Bei der südafrikanischen Mittelstreckenläuferin Caster Semenya kommen wir nun offenbar nicht darum herum, auch über Eierstöcke zu reden. Die Weltmeisterin über 800 Meter sei ohne dieses Attribut zur Welt gekommen, wird von einer australischen Zeitung behauptet.
Diese Meldung heizt gegenwärtig die Diskussion um Semenyas Weltmeistertitel neu an. Dies wiederum muss den südafrikanischen Sportminister derart geärgert haben, dass er mit einem dritten Weltkrieg gedroht hat.
Semenya ist unglaublich tapfer
Ob Semenya tatsächlich Eierstöcke hat oder nicht, mag noch für längere Zeit Gegenstand von Untersuchungen und Spekulationen sein. Eines aber können wir jetzt schon sicher sagen: Die junge Frau ist unglaublich tapfer. Was sie durchgemacht hat und immer noch durchmacht, ist allein eine Goldmedaille wert.
Hätten die Bosse des internationalen Leichtathletikverbands IAAF auch Eier, würden sie alle medizinischen Untersuchungen an Semenya nun einstellen und die Diskussionen um ihren Weltmeistertitel beenden.
Die Südafrikanerin wurde Weltmeisterin, weil sie als Erste durchs Ziel lief. Ob sie diese Leistung mit oder ohne Eierstöcke erbracht hat, braucht uns nicht zu kümmern.
«Eier haben» ist eine innere Haltung
Denn eines werden uns die, denen die Redensart mit den Eiern leicht über die Lippen rutscht, bestätigen können: Eier haben ist keine Frage des biologischen Geschlechts. Eier haben ist eine Frage der inneren Haltung.
Und wer nun – wie die Leichtathletik-Verbandsbosse – eine Athletin so lange allen möglichen Spekulationen aussetzt, hat definitiv keine Eier.
Der Autor
Kolumne vom 31. August
Als Kinder spielten wir oft dieses Geografiespiel, bei dem es darum ging, einen Flussnamen zu kennen, der mit A anfängt, oder einen Berg mit B. Wenn alle Flüsse, Berge, Seen und Länder durch waren, kamen die Städte dran.
«Wer weiss einen Stadtnamen mit M?» Wir Kinder vom Land kannten höchstens Madiswil, Mümliswil oder Münchenbuchsee. Allerdings war umstritten, ob es sich dabei wirklich um Städte handelte.
Die heutige Jugend hat es einfacher. Junge können locker drei Städtenamen mit M nennen: Madrid, Mailand und Marseille. Freilich ist auch denkbar, dass sie gar nicht wissen, dass es sich dabei um Städte handelt. Denn vielleicht können sie nicht zwischen Fussball und Geografie unterscheiden.
So wie jener YB-Fan, der mir vor ein paar Wochen erklärte, er fahre nach Athletic, um das Auswärtsspiel der Young Boys zu sehen. Oder so wie jener Tourist, der mir einmal sagte, er kenne erst zwei Schweizer Städte: Grasshoppers und Xamax.
Das Losglück hat nun also dem FCZ für die europäische Königsklasse die drei grossen M beschert. Jetzt haben die Zürcher die einmalige Chance, historisch und geografisch etwas zu lernen.
Playstation und Reiseführer für FCZ-Spieler
Dies bedingt jedoch, dass die Kicker vom Letzigrund für die Exkursionen in die weite Fussballwelt neben der Playstation auch den einen oder anderen Reiseführer einpacken. Nur so werden sie kulturell und menschlich bereichert vom Abenteuer Champions League zurückkehren.
Denn was die sportlichen Aussichten betrifft, brauchen wir uns um den FCZ ohnehin keine Sorgen zu machen. Wer – so wie die Zürcher am Samstag – einen 0:1 Pausenrückstand im Aarauer Brügglifeld noch ausgleichen kann, muss sich international vor keinem Gegner fürchten.
Kolumne vom 24. August
Während langer Zeit stand eine kleine Karibikinsel für Reggae und Rauchwolken. Wer Jamaika sagte, dachte unweigerlich an Dreadlocks, Jimmy Cliff oder Joints. Rastaman Vibration war weit mehr als der Name eines Bob-Marley-Songs.
Die Lebensart Jamaikas hatte die Welt erobert. Vor dreissig Jahren vibrierte der Reggae von Kingston bis Kirchlindach und noch weiter. Doch nicht nur in Jamaika hat der Wind inzwischen gedreht. Auf die Gemütlichkeit der langen Locken folgt nun die Epoche der Beschleunigung.
Von Wasserpfeifen zu Nagelschuhen
Die Kiffer von einst spielen kaum noch eine Rolle, hier nicht und in Jamaika sowieso nicht.
Die Altersgruppe des gläsernen Blicks ist abgelöst worden von der Generation der stählernen Muskeln. Wasserpfeifen wurden von den Nagelschuhen verdrängt.
Statt mit Hanf berauschen sich die Jungen im heutigen Jamaika an der Geschwindigkeit. Pasta statt Rasta lautet das Motto der Gegenwart. Und trotzdem: Nicht alles, was die Reggae-Kultur hervorgebracht hat, wird von der jamaikanischen Jugend abgelehnt. Die Lebensfreude und das Gefühl für den Rhythmus sind aktuell geblieben.
Zauberei auf blauem Tartan
Wer Usain Bolt und seinen Landsleuten in den letzten Tagen beim Sprinten zugeschaut hat, wird bestätigen müssen, dass der Sprint nicht mehr die Disziplin ist, die wir von früher kannten. Aus dem harten Kampf um Millisekunden und Millimeter ist eine höchst ästhetische Show geworden.
Der Tanz der karibischen Inselkinder in Berlin war kein Wettkampfsport im eigentlichen Sinn, sondern eine Art Zauberei auf blauem Tartan.
Für uns Fans, die wir sowohl den Reggae, als auch die Leichtathletik lieben, hat der Sprint dank Usain Bolt & Co. eine neue Dimension erhalten. Die Sprint-Wettkämpfe an dieser Weltmeisterschaft haben uns fast restlos glücklich gemacht.
Schade ist bloss, dass die Rekorde ständig tiefer fallen. So bleibt uns immer weniger Zeit, die einzelnen Läufe genüsslich auszukosten.










































