Kahn: Matthäus polternd, Beckenbauer sanft

  • Aktualisiert am 03.01.2012

MÜNCHEN – Deutschland am Tag danach – nach Klinsmanns Entscheidung gegen Oliver Kahn. Die üblichen Verdächtigen melden sich zu Wort. Allerdings nicht immer so, wie man das erwartet hätte.

Für Lothar Matthäus ist klar: «Das ist eine üble Klüngelei, die seines Gleichen sucht. Das hat mit privaten Interessen zu tun. Das hängt alles mit privaten Verbindungen zusammen.» Dies sein Kommentar über die Entscheidung von Bundestrainer Jürgen Klinsmann, Jens Lehmann gegenüber Oliver Kahn den Vorzug zu geben.

Gegenüber der Münchner «Abendzeitung» sagte der ex-Bayern-Captain, es sei seit Klinsmanns Antritt alles gegen Kahn gelaufen. «Er hat mit Kahn ein Spiel getrieben. Ein ganz mieses Machtspiel.»

Matthäus weiter: «Mit jeder Entscheidung hat Klinsmann gezeigt, wie er tickt. Er hat Sepp Maier als Bundestorwarttrainer rausgeworfen. Der war ihm immer ein Dorn im Auge, weil er wegen seines Jobs bei Bayern natürlich ein Kahn-Vertrauter ist. Und Andreas Köpke ist eher pro Lehmann.»

Unterstützung erhält der Bayer vom ehemaligen deutschen Nati-Goalie Uli Stein: «Dieser Plan war von Anfang an in Klinsmanns Kopf drin, das war keine spontane Geschichte.» Wenn er nun an Kahns Stelle wäre, «würde ich sofort meinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklären».

Kritisch über Klinsmann äusserte sich auch der frühere Nationalkeeper Toni Schumacher. «Für mich war klar, dass Oliver Kahn spielt, weil es keine sportlichen Gründe gab, ihn rauszunehmen. Aber Klinsmann hat wohl mehr als nur die Leistung bewertet.»

Besonnen und ungewohnt diplomatisch reagierte Franz Beckenbauer auf den Entscheid: «Es ist gut, dass jetzt endlich für alle Beteiligten Klarheit besteht. Nachdem dieses Thema Gott sei Dank vom Tisch ist, können wir uns wieder auf den Fussball konzentrieren.» Der «Kaiser» weiter: «Ob Jürgens Festlegung auf Jens Lehmann richtig oder falsch war, wird man erst nach der WM wissen. Für Oliver Kahn ist es natürlich sehr bitter.»

Presse-Stimmen zum Klinsmann-Entscheid

Hamburger Abendblatt: «Klinsmanns Wahl ist nachvollziehbar. Lehmanns Spielweise passt bestens zur offensiven Ausrichtung der DFB-Auswahl, im Gegensatz zu Kahn befindet sich der Torwart von Arsenal London ausserdem seit Monaten im Formhoch und untermauert das auch in der Champions League. Fussball-Deutschland täte gut daran, Klinsmanns Entscheidung zu respektieren. Und der demontierte Ex-Titan Kahn täte gut daran, seinen Rücktritt von der Nationalmannschaft zu erklären.»

Sächsische Zeitung: «Jürgen Klinsmann hätte keinen besseren Zeitpunkt für seine Entscheidung in der Torwart-Frage finden können. Oliver Kahn offenbarte seit einigen Tagen ungewohnte kleinere und grössere Schwächen. Der Herausforderer Jens Lehmann konnte sich im Fernduell somit begnügen, fehlerlos zu bleiben. Das war nicht schwierig, denn hinter der Superabwehr von Arsenal London hätte auch der Fahrer des Mannschaftsbuses keine schlechte Figur abgegeben.»

Abendzeitung (München): «Innerlich muss Klinsmann gegrinst haben beim vorletzten Akt des Kahn-Dramas, das eine lang angelegte Demontage des einst besten Torwarts der Welt war und dessen Schlussgong Kahns Rücktritt sein wird. Dass es ihm die Bayern so leicht machten, indem sie im für Kahn schlechtesten Moment auf die Entscheidung drängten, hat Klinsmann gnadenlos ausgenutzt – und sich stillos von einer Institution getrennt. Gewiss ist es das Recht des Trainers, Lehmann für den besseren Torwart zu halten, doch Fairness gegenüber Kahn und Respekt vor dessen Verdiensten wären seine Pflicht gewesen. So bleibt, wenn er nicht Weltmeister wird, von Klinsmanns Intermezzo nur eines hängen: Er war der Killer des Titans.»

Münchner Merkur: «Sicher ist, dass die Stunde der Verschwörungstheoretiker schlagen wird. Hat Jürgen Klinsmann, genannt Killer-Klinsi, den vormaligen Spielerkollegen Kahn über knapp zwei Jahre demontiert, gemobbt, terrorisiert? Wollte er Jens Lehmann, der beim selben Berater, einem Schweizer Rechtsanwalt, unter Vertrag steht, ins Torwart-Amt heben? Man kann vieles vermuten hinter der Entscheidung, aber man muss auch festhalten: Sportlich ist sie zu vertreten.»

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