Vier Monate nach dem Abgang beim FCB «Ich geniesse die Aufmerksamkeit in Moskau»

Nach seinem bitteren Abgang beim FCB hat Murat Yakin in Russland zu sich selbst zurückgefunden. Ein Besuch in Muris neuer Heimat.

Spartak-Trainer Yakin: «Hier lässt es sich wunderbar leben.»

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Der Ball rauscht direkt über die Bande. Landet im neuen Stadion von Spartak irgendwo im Nirgendwo. Murat Yakin zögert nicht lange, trabt lässig los. Mit einer eleganten Bewegung schlüpft er unter der Abschrankung durch, krallt sich den Ball und wirft ihn zurück aufs Feld. Ungläubig stehen die Sicherheitsleute neben ihm, trauen ihren Augen nicht. Hat sich der Cheftrainer von Spartak-Moskau gerade tatsächlich unter einem Zaun hindurch gebückt, um einen Ball zu holen?

In Russland ein Bild mit Seltenheitswert. Hier, wo der Trainer Chef ist. Hier, wo Trainer nur am Feldrand stehen und beobachten. Oder auch gar nicht am Training teilnehmen. Der Umgang mit den Spielern – distanziert. Die Hierarchie klar. Ich Chef – du Spieler. Ich entscheide – du machst. Der Stellenwert des Trainers, er ist in Russland viel höher als in der Schweiz. Ein Klaps auf die Schulter? Aufmunternde Worte, was besser gemacht werden soll? In Moskau verwundert Yakin seine Spieler mit solchen Gesten.

Wurde seine Art in Basel als distanziert, verhalten, unnahbar wahrgenommen, gilt sie hier als angenehm, sympathisch, fast schon fremd. «Das war für einige hier was ganz Neues, dass sie im direkten Kontakt mit dem Trainer stehen», sagt Yakin. Und lächelt.

Man sieht es dem 40-Jährigen an: Er fühlt sich wohl hier. Hier in Moskau, in der Ferne, wo Yakin nach seinem Abgang beim FCB ein neues Abenteuer beginnen wollte. Weit weg. Weg von allem. Ohne all die Vorurteile gegen den in der Schweiz bekannten Muri, dafür mit viel Respekt für den Trainer Yakin.

SonntagsBlick durfte ihn als erste Zeitung in seiner neuen Heimat besuchen. Als einzige Journalisten überhaupt dürfen wir dem russischen Rekordmeister im neuen Stadion bei der Einheit zuschauen. 14 Mann stehen neben Yakin auf dem Feld. Fünf Assistenten, ein Arzt, zwei Masseure, ein Materialwart, zwei Teammanager, ein Videoanalyst und ein Dolmetscher. Sie kümmern sich um den Betrieb, schauen, dass Yakin im Neuland sein Wissen an den Mann bringen kann. Der Dolmetscher ist dabei unverzichtbar. Denn die Sprache ist das grösste Problem. «Russisch ist wirklich schön, aber wirklich schwierig. Vor allem die Schrift», sagt Yakin.

Gut sieht er dabei aus. Entspannt. Der nachdenkliche, manchmal müde und matt wirkende Yakin aus seinen letzten Monaten beim FC Basel ist verschwunden. Das Lachen ist zurück auf seinen Lippen. Der Schalk blitzt wieder auf in seinen Augen. Yakin hat sich in Moskau zurechtgefunden. «Im Moment stimmt einfach alles», sagt er.

Auch wenn er die Familie in der Schweiz vermisst, scheint es ihm gut zu tun, endlich einmal all die turbulenten Jahre in der Schweiz hinter sich zu lassen und Distanz zwischen sich und die Heimat zu bringen. Mama Emine war zwar noch nicht zu Besuch. «Sie wird es sich sicher nicht entgehen lassen, mich hier zu besuchen», sagt Yakin. Dafür hats Ehefrau Anja schon zu ihrem Schatz geschafft. Einen Monat lang war die schwangere Schönheit bei Muri zu Besuch, feierte am letzten Montag mit ihm seinem 40. Geburtstag und wird vor der Geburt ihres ersten gemeinsamen Kindes im Dezember noch einmal nach Moskau zurückkehren.

«Ob sie danach zu mir nach Moskau ziehen wird, wird die Zeit zeigen», sagt Yakin. Ein Nest für die Familie müsste erst gefunden werden.

Für die gemeinsame Zeit mit Anja mietete Muri in der Innenstadt in einem Hochhaus ein Appartment.

Eine Ausnahme. Sonst wohnt Yakin im Trainingszentrum am Stadtrand im Osten Moskaus. Wie jeder Spieler besitzt auch er dort eine eigene Wohnung. Mit Küche, Wohn- und Schlafzimmer. Die praktischste Lösung in der 12-Millionen-Metropole. Denn angekommen ist Yakin in Moskau gefühlsmässig schnell. Sonst aber wirds nichts mit dem schnell Ankommen.

Der Verkehr: ein Wahnsinn! Ein schneller Kaffee in der Innenstadt? Unmöglich! Allein der Weg vom Trainingszentrum am Stadtrand ins Zentrum kann auf den bis zu achtspurigen (!) Strassen zum Spiessrutenlauf werden. «Man kann 90 Minuten haben. Man kann aber auch über zwei Stunden unterwegs sein», erzählt Yakin. «Und die Orientierung ist sowieso schwierig.»

Jeder hat einen Chauffeur

Die Mannschaft fährt deshalb schon am Vorabend eines Heimspiels in die Nähe des Stadions, um sicher zu gehen, dass sie am Spieltag pünktlich ankommt. Fahren tun Trainer und Spieler dabei sowieso nie selber. Jeder hat seinen eigenen Chauffeur. 24 Stunden am Tag zu seinen Diensten, immmer bereit, ihm jeden Wunsch von den Lippen abzulesen.

Als das Training zu Ende ist, warten die zwei schwarzen Mini-Vans schon. Es ist kurz vor 15 Uhr. Zusammen mit dem Staff gehts in die Innenstadt. Ein Spaziergang über den Roten Platz. Vorbei am wiedereröffneten Lenin-Museum. Auch wenn Yakin mit Spartak erst ein Heimspiel ausgetragen hat, wird er überall erkannt. Ein Autogramm da, ein Selfie mit einem Fan dort. Yakin geniesst die fast schon ehrfürchtige und diskrete Art der Russen. Freut sich, als zwei türkische Touristen auf ihn zustürmen, um mit ihm für ein Foto zu posieren. «Ich geniesse die Aufmerksamkeit, die einem hier entgegengebracht wird», sagt er und richtet seine blaue Daunenjacke.

Es ist frisch geworden. Die Sonne schon fast weg. Die Temperaturen schon unter 10 Grad. Frisch genug für die Einheimischen, die Winterroben hervorzuholen. Frisch genug, um sich in einem Restaurant aufzuwärmen. Yakin wählt einen Italiener. Antipasti, Pasta, eine Fleischplatte. Alles so, als wäre es direkt aus Italien importiert.

«Ich habe hier bisher noch nie etwas gegessen, was mir nicht geschmeckt hat. Es gibt für jeden Geschmack gute Restaurants», sagt der Geniesser und Mitinhaber eines Restaurants in Basel. Ein guter Tropfen Rotwein dazu, er darf beim Geniesser nicht fehlen. Auch wenn er total überteuert ist. Die Flasche, fast immer 100 Franken teurer als in der Schweiz. Das Glas gibts ab 25 Franken.

Geld? Es spielt in Moskau keine Rolle. Es öffnet alle Türen. Auch für Yakin, der sich sein Abenteuer in Russland mit über zwei Millionen Franken netto pro Jahr fürstlich entlöhnen lässt. Stören tut sich daran niemand. «Hier wird Reichtum nicht versteckt», sagt Yakin.

Die Nacht bricht langsam über Moskau herein. Die Ferraris stehen mittlerweile schon vor dem Restaurant nebeneinander in Reih und Glied. Noch bevor Yakin das Restaurant verlässt, läuft ihm die Serviertochter verlegen nach, hält ihm ihren Bestellblock hin und fragt schüchtern nach einem Autogramm. Yakin schaut sie an, unterschreibt, und lässt sein Lächeln aufblitzen.

Der charismatische Muri, er hat in Moskau zu sich selbst zurückgefunden.

Publiziert am 21.09.2014 | Aktualisiert am 24.09.2014
Yakin präsentiert die neue Spartak-Arena

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3 Kommentare
  • Michael  Rudolf 21.09.2014
    Die Russische Kyrillische Schrift kann man in wenigen Stunden lernen - die Sprache ist schon wesentlich schwieriger. Hoffentlich weiss Yakin bei anderen kulturellen Dingen besser Bescheid.
  • Bob  Stauffer 21.09.2014
    Cool, ich mag es Muri so was von gönnen.
    Ich störte mich ab und zu an der defensiven Taktik in Basel, muss aber zugeben, in Basel hat er einen hervorragenden Job gemacht.
    Danke Muri für all das was du mit dem FC Basel geleistet hast. Hier in Moskau wünsch ich dir alles alles Gute und komm irgendwann mal nach Basel zurück.
  • Claudio  Hammer aus Zürich
    21.09.2014
    Cool Muri - geniess es - hat heute leider nur zu einem 1:1 Heimuntenschieden gelangt gegen Grosny - bin ja gespannt wie es weitergeht - habe heute zum ersten mal russische Liga im Internet geschaut.