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Der Tritt kommt heftig. Und von hinten. Desole schreit, er hat Schmerzen. Gerade hat ihn kein geringerer als Milan-Star Massimo Oddo brutal umgesenst. Es ist die Revanche für einen Tunnel, den er Sekunden zuvor vom jungen Schweizer verpasst bekam.
Die Szene ereignet sich in Milanello, dem legendären Trainingszentrum der AC Milan. Die Primavera (Junioren) haben ein Trainingsspiel gegen die Profis. Nach dem Kick geht Desole in den Kraftraum. Dort muss sich Oddo von Kollege Alessandro Nesta nach der Majestätsbeleidigung im Trainingsspiel Sprüche anhören: «Mach die Beine zu, Junge.» Desole kann sich ein Grinsen kaum verkneifen.
Der ehemalige GC-Junior ist angekommen zwischen den Stars. «Aber ich muss Geduld haben», sagt der 17-Jährige. Er klingt erstaunlich reif. Kein Wunder, schliesslich wagt Desole schon mit 15 den Sprung nach Italien. Zunächst geht er zu Inter. Den italienischen Scouts war er vor allem bei den Länderspielen mit den Schweizer Nachwuchsteams aufgefallen. Er durchläuft die U15, U16, U17 und war da Captain.
Doch der Anfang in Mailand ist hart, verdammt hart. Ganz alleine in der grossen Stadt. Der Sprache kaum mächtig. «Es war keine Mami da, die mir gekocht oder die Wäsche gemacht hat. Das war zunächst sehr schwer für mich», erinnert sich Mattia. Auch im Klub hat er es nicht leicht. Kaum einer redet mit ihm, der Druck ist riesig. «Entweder du bist einer oder du bist keiner», sagt er. Erst nach drei Monaten, als seine Mutter nach Mailand kommt, wird es langsam besser.
Er kommt zu Einsätzen in der Startelf, doch so richtig warm wird er bei Inter nie. Nach zwei Saisons wechselt Desole. Ausgerechnet zum grossen Erzrivalen Milan. «Am Anfang musste ich mir als ehemaliger Interisti ein paar Sprüche anhören. Aber jetzt ist alles gut.»
Mattia sitzt in einem Cafe, trinkt Cappuccino und liest die «Gazzetta dello Sport». «Pflichtlektüre für jeden Fussballer», lacht er. Mittlerweile spricht er fliessend italienisch, geht zudem dreimal die Woche zum Englischunterricht. Eine ältere Frau sieht, dass er für den SonntagsBlick-Fotografen posiert und schiesst selbst ein Bild. Dann will sie seinen Namen wissen und fragt, wo er denn spiele. «Ein hübscher Junge», sagt sie. Und wünscht alles Gute.
Mattia kann das gebrauchen. Er ist kein begnadeter Techniker, der Linksverteidiger lebt vor allem von seiner Physis. «Andere haben mehr Talent als ich», sagt er selbstkritisch. «Das war schon immer so. Aber ich habe dafür mehr Willen als andere.»
Mittlerweile sitzt er auf dem Bett in seinem Zimmer im «Ata Hotel». Die erste Etage hat Milan komplett für ihre Nachwuchshoffnungen gemietet. Auf dem Gang hängen Fotos der grossen Milan-Stars: Baresi, Maldini, Gullit, Van Basten. Die rund 20 Quadratmeter teilt sich Desole mit zwei anderen Talenten, einem Spanier und einem Brasilianer. Mattia hat nicht mal einen eigenen Fernseher, alles ist spartanisch eingerichtet. Ein Bett, ein Tisch, eine kleine Küchenzelle. Immerhin ein Balkon. Es herrschen strenge Regeln. «Unter der Woche müssen wir um 22.30 Uhr zu Hause sein. Wenn nicht, bekommst du Probleme.»
Rund um die Uhr achtet ein Betreuer darauf, dass die Jungs keinen Blödsinn machen, zum Beispiel keine Frauen mit aufs Zimmer bringen.
Desole bekommt eine SMS. Es ist Alexander Merkel. Der 19-jährige Deutsche, der bereits geschafft hat, was Mattia erst schaffen muss: Er kickt bei den Profis der AC Milan. «Mit ihm verstehe ich mich prima. Wir gehen ab und zu essen oder unternehmen etwas.»
Auch die anderen Milan-Stars sieht Mattia fast jeden Tag in Milanello. «Die sind in Ordnung. Inzaghi sagt zum Beispiel immer freundlich ‹Hallo›, man gibt sich die Hand», berichtet er.
Momentan kämpft Desole um einen Stammplatz bei den Primavera. Auch beim 5:0 gegen Vicenza, mit dem Milan Platz 2 in der Juniorenliga verteidigt, wird er nur eingewechselt. «Aber das ist logisch», sagt er leicht knurrig. Sein Konkurrent ist im letzten Jahr beim Nachwuchs, er muss spielen, ist Captain des Teams. Auch fast alle Mitspieler sind ein oder zwei Jahre älter als Mattia. Das Durschnittsalter beträgt 18,6 Jahre.
Immerhin: Nach seiner Einwechslung macht Desole auf der ungewohnten Position im linken Mittelfeld ein gutes Spiel. Und das vor den Augen von Milan-Vize Adriano Galliani sowie Sportchef und Geschäftsführer Ariedo Braida. Natürlich sind auch viele Scouts und Berater unter den knapp 1000 Zuschauern.
Desole macht sich selbst Druck: «Nächste Saison ist mein Jahr. Dann muss ich spielen, dann muss ich mich durchsetzen.» Für ihn ist klar, dass er noch nicht aufgibt. Obwohl einige Schweizer Klubs ihn bereits auf dem Zettel haben. «Wenn ich bei GC geblieben wäre, würde ich heute wohl bei den Profis spielen», glaubt Mattia.
«Aber was ich hier lerne, jeden Tag, diese Erfahrung kann mir keiner mehr nehmen. Weder sportlich, noch menschlich. Hier bin ich erwachsen geworden, ein Mann.»
Wo sieht sich unser Mann in Mailand in fünf Jahren? Mattia überlegt lange: «Dann will ich ein solider Serie-A-Spieler sein. Am liebsten bei Milan, aber vielleicht auch bei einem kleineren Klub.» Wie sein Stiefbruder Rolf Feltscher, der derzeit mit Parma gegen den Abstieg spielt.
Sollte es nichts werden mit dem italienischen Märchen, kann sich Desole aber auch eine Rückkehr in die Schweiz vorstellen. «Natürlich würde mich auch die Super League reizen. Basel ist mein Lieblingsklub, ein toller Verein.»
Der Traum von einer Profi-Karriere bei den Rossonieri ist aber noch nicht ausgeträumt, im Gegenteil: Er fängt gerade erst an.