Interview Matthäus: «Ich habe Hitzfeld zwei Dinge voraus»

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Andreas Böni, Max Kern und Walter De Gregorio aus Tel Aviv

Restaurant Turquoise, am Meer, nördlich von Tel Aviv. Bei Meeresfrüchten, Kichererbsen und allerlei lokalen Vorspeisen spricht Weltmeister Lothar Matthäus (47) mit BLICK über Fussball und Leben in Israel, seine Ex-Frau Lolita Morena und Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld.

BLICK Lothar Matthäus, seit zwei Monaten sind Sie Trainer bei Maccabi Netanya in Israel. Ihre ersten Eindrücke?
Es ist toll hier. Meer, Restaurants, wunderschöne Gegend, nette Leute. Die Lebensqualität ist überragend.

Und fussballerisch?
Einige Dinge sind gewöhnungsbedürftig. Beispielsweise müssen 18-Jährige – selbst die Profis – für drei Jahre in die Armee. Die werden nicht freigestellt. So kommen sie manchmal zu mir und sagen, sie könnten morgen nicht ins Training kommen, weil sie die Armee-Küche putzen müssten. So ist das System hier, da habe ich als Trainer keine Chance. Auch den jüdischen Glauben muss man akzeptieren. Zum Beispiel, dass von Freitag- bis Samstagabend Sabbat ist und keiner arbeiten darf. Oder wenn die Leute fasten und dann vielleicht das Training mal nicht durchhalten.

Ottmar Hitzfeld, Sie hatten ihn als Trainer – wie ist er?
Ottmar ist der perfekte Trainer für dies Schweiz. Aber er hat ein sehr schwieriges Amt übernommen, die Erwartungen sind hoch. Zum Glück hat die Schweiz die leichteste aller WM-Qualifikationsgruppen.

Griechenland ist immerhin der Europameister von 2004.
Sie waren 2004 schon nicht stark, da waren die anderen nur zu dumm. 2008 haben wir ja bei der EM gesehen, was sie wirklich draufhaben respektive auch nicht. Zudem: Ottmar hat richtig starke Spieler. Im Schweizer Fussball wurde in den letzten 10, 15 Jahren hervorragende Arbeit geleistet. Was ihr für gute junge Spieler habt… Hut ab! Aber: Wie alle Trainer ist Ottmar zum Siegen verdammt. Er muss sich für die WM 2010 qualifizieren.

Hitzfeld hat als Klubtrainer alles erreicht, Sie als Fussballer. Beide lasst ihr euch auf ein Risiko ein.
Ja, aber ich habe Ottmar zwei Dinge voraus. Erstens war ich früher Nationaltrainer als er, nämlich von 2004 bis 2005 in Ungarn. Zweitens habe ich Deutschland schon geschlagen, 2:0 mit Ungarn. Aber im Ernst: Ottmar ist ein akribischer Trainer und ein super Psychologe. Es wird viel über Trainingszusammensetzung diskutiert, aber so was kann man heute aus dem Internet zusammenstellen. Wichtig ist die Ansprache. Hitzfeld findet immer die richtigen Worte, um die Spieler zu packen. Bei mir wusste er, dass ich ein Schlitzohr bin, aber er hat mir deswegen Freiheiten gegeben, die ich brauchte. Dafür musst du aber über den Spieler alles wissen.

Wie meinen Sie das?
Als Trainer musst du wissen: Wie ist der Spieler privat? Ist er verheiratet? Hat er Probleme mit der Familie? Hat er irgendwo Schmerzen? Ich versuche das – genau wie Ottmar – immer in Erfahrung zu bringen. Dann kann ich es nachvollziehen, wenn ein Spieler schlechter drauf ist. Zum Beispiel kam ein neuer junger Spieler, der im Training immer müde war. Ich erfuhr, dass er immer eineinhalb Stunden zum Training fahren musste, weil er in irgendeinem Dorf wohnt.

Sie loben Hitzfeld ohne Ende. Hat er keine Schwächen?
Ich finde keine bei ihm, ehrlich. Wenn ich eine wüsste, würde ich sie euch sagen, denn ich geh davon aus, dass er nie mehr mein Trainer sein wird. Ich muss mich ihm gegenüber nicht zurückhalten. Muss ich aber auch sonst nicht, denn ich habe viele grosse Trainer gehabt. Er war der Beste, er hat irgendwie alles.

Lesen Sie das komplette Interview in der gedruckten Ausgabe.

Lothar Matthäus persönlich

Geboren: 21. März 1961

Grösste Erfolge als Spieler: Weltmeister mit Deutschland 1990. Europameister 1980. Teilnehmer an 5 (!) WM-Endrunden. 7-mal Meister mit Bayern, Uefa-Cupsieger 1996 mit Bayern. Meister 1989 mit Inter Mailand, 1991 Uefa-Cupsieger. Weltfussballer 1990 und 1991. 150 (!) Länderspiele, 23 Tore.

Stationen als Spieler: 1979 bis 1984 Borussia Mönchengladbach, 1984 bis 1988 Bayern München, 1988 bis 1992 Inter Mailand, 1992 bis 2000 Bayern. März 2000 bis Dezember 2000 New York Metro Stars.

Stationen als Trainer: 2001 bis Mai 2002 Rapid Wien, Dezember 2002 bis Dezember 2003 Partizan Belgrad, 2004 bis 2005 Ungarn-Nati, Januar 2006 bis März 2006 Atletico Paranaense (Bras), Juni 2006 bis Juni 2007 Red Bull Salzburg, seit Juni 2008 Maccabi Netanya.

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