Lothar Matthäus, Trainer in Israel «Ich werde mein Leben nicht aufs Spiel setzen»

  • Publiziert: 03.01.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Benny Epstein
play Als Matthäus noch den israelischen Verein Maccabi Netanya trainierte. (Toto Marti)

Lothar Matthäus ist Trainer in Israel, einem Land im Krieg. Wie lange hält er das noch aus?

Lothar Matthäus (47) trainiert in der Ligat Ha’al – so heisst die oberste israelische Fussball-Liga – das zweitplatzierte Maccabi Netanya. Während der letzten Intifada verkam die Küstenstadt zum Schauplatz des verheerendsten Selbstmordanschlags mit 30 Toten und 140 Verletzten. Der Attentäter kam aus Tulkarem, einer Palästinenserstadt nur knappe 15 Kilometer von Netanya entfernt. Die Distanz nach Gaza ist so gross wie jene von Luzern nach Schaffhausen. Mit SonntagsBlick sprach der zweifache Weltfussballer des Jahres über seinen Alltag in einem Land, das sich im Krieg befindet.

Herr Matthäus, wie sieht ihre Situation in Israel zurzeit aus?
Lothar Matthäus: Wir stehen in der Winterpause. Die Feiertage habe ich zu Hause verbracht. In einer Woche geht die Meisterschaft weiter.

Ich meinte die persönliche Situation in einem Land, wo täglich Bomben und Raketen explodieren. Es herrscht Krieg.
Ja, die Situation hat sich verschärft. Aber die Lage in Netanya ist ruhig. Ich und die meisten Leute in meinem Umfeld glauben immer noch daran, dass in den nächsten Tagen eine schnelle Lösung gefunden wird.

Wie beurteilen Sie diese neuerliche Eskalation?
Israel wollte die ganze Sache nicht. Immer wieder kamen Warnungen von der Regierung. Nun muss sich
Israel wehren.

Haben Sie denn keine Angst?
Nein, in der jetzigen Situation nicht. Wir müssen heute nicht davon reden, was morgen sein könnte. Das bringt nichts. Höchstens Ihnen vielleicht eine Schlagzeile. Ich hatte keine Angst nach den Ferien zurückzukehren. Ich wurde täglich von Freunden, die vor Ort sind, über das
Geschehen informiert.

Wie macht sich der Krieg in Ihrem Alltag bemerkbar?
Gar nicht! In Netanya spüre ich davon nichts. Die Leute auf der Strasse leben gleich wie sonst.

Sind Sie sich bewusst, dass nur wenige Kilometer von Netanya entfernt die Palästinenserstadt Tulkarem liegt, aus der schon mehrere Selbstmordattentäter stammten?
Selbstverständlich weiss ich das. Aber wenn ich deshalb Angst hätte, könnte ich eigentlich nirgendwo mehr leben. Es kann mich überall auf der Welt erwischen.

Dennoch gibt es auf der Erde gefährlichere und weniger gefährliche Gebiete.
Ja, aber solange noch nichts passiert ist, bringt es überhaupt nichts darüber nachzudenken.

Müssen Sie nun auf Spieler verzichten, die ins Militär einberufen werden?
Es könnte sein, dass der eine oder andere junge Akteur einrücken muss. Ich wünsche es keinem. Ich kenne das bestens aus meiner Zeit als Trainer in Belgrad. Das ist sehr belastend.

Was muss geschehen, damit Sie das Land verlassen?
Die Lage ist ernst, aber das Leben geht weiter. Falls sich die Situation verschärft, muss ich sie mit meiner Partnerin überdenken. Ich werde mein Leben sicher nicht aufs Spiel setzen.

Für viele Leute kommen Ihre Aussagen wohl ziemlich überraschend. Keine Angst, keine Massnahmen.
Das liegt daran, dass ich die Lage kenne. In den Zeitungen sind halt nur Fotos vom Terror zu sehen. Wer hier lebt, hat ein anderes Bild.

Wie erklärten Sie Ihrer Familie, dass Sie nach den Feiertagen wieder nach Israel zurückkehren?
Ich schulde niemandem eine Erklärung. Ich bin alt genug, um selbst zu entscheiden.

play Zerstörung: Bei einem Selbstmordanschlag im März 2002 kamen in der Küstenstadt Netanya 30 Menschen ums Leben. (AFP)