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Die Ermittler der Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für Wirtschaftsverbrechen in Bochum (D) sind sicher: In den letzten neun Monaten haben sie den bisher grössten Wettschwindel im europäischen Fussball aufgedeckt. Das Netz der Betrüger aus dem Balkan und der Türkei spannt sich vom Ruhrgebiet über neun Staaten Europas bis nach Macau in Asien. 200 Spiele sollen sie geschoben und dabei zehn Millionen Euro kassiert haben.
Auch die Schweizer Fans wurden betrogen. Und wie! 22 Partien der Challenge League und sechs Vorbereitungsspiele (siehe Box) stehen unter Manipulationsverdacht. Eines der mutmasslich getürkten Spiele fand in der sechstletzten Runde der Challenge League statt: die 1:5-Niederlage des FC Thun gegen Yverdon am 26. April 2009.
Der FC Yverdon-Sport lag damals auf dem vierten, Thun auf dem neunten Platz. Laut Ermittlungsakten trugen die Gangster Spielern des FC Thun auf, mit einer Differenz von exakt vier Toren zu verlieren. Dafür sollen sie insgesamt 15000 Euro kassieren. Der Gewinn der Wettbetrüger: 60000 Euro.
Yverdons Präsident Paul-André Cornu erinnert sich: «Thun existierte in diesem Spiel gar nicht. Sie kamen mir vor wie gelähmt.» In der 18. Minute konnte Yverdon fast unbedrängt einen Eckball einköpfen. In der 32. Minute kam es noch dicker: Thuns Verteidiger Sandro Galli – so war ein Tag später in der «Berner Zeitung» zu lesen – verursachte «mit einer völlig unnötigen Grätsche im Strafraum» einen Foulpenalty. Yverdon traf. Thuns Torhüter Sascha Stulz resümierte nach dem Spiel, er habe sich oftmals ziemlich allein gefühlt.
Verteidiger Galli (22) wehrt sich gegen den Betrugsverdacht: «Ich weiss von nichts. Ich wurde für nichts bezahlt in jenem Spiel.» Er sei diese Woche weder vernommen noch von den Behörden kontaktiert worden.
Besuch von der Polizei dagegen erhielt Thuns Stürmer Pape Omar Faye (22). Er wurde am Freitag polizeilich einvernommen, wie FC-Thun-Präsident Markus Stähli SonntagsBlick-Recherchen bestätigt. Für die Ermittlungen in der Schweiz ist die Bundesanwaltschaft zuständig.
Präsident Stähli nimmt die vielen Gerüchte «erstaunt zur Kenntnis». Er könne sich nicht vorstellen, dass junge Spieler so ihre Karriere aufs Spiel setzen. «Sollten die Vorwürfe aber zutreffen, behalten wir uns sämtliche sportlichen und arbeitsrechtlichen Konsequenzen vor.»
Ebenfalls getürkt war laut Ermittlungsakten die 0:4-Niederlage des FC Gossau gegen Locarno am 24. Mai 2009. Mehrere Kicker sollen zusammen 20000 Euro dafür bekommen haben, dass die Heimmannschaft mit mindestens zwei Toren Unterschied verlor. Die Drahtzieher sollen bei fünf Wettbüros in Europa und Asien insgesamt 149400 Euro auf dieses Spiel gesetzt haben. Ein Beteiligter allein soll 40000 Euro Gewinn eingesteckt haben.
Gossau-Trainer Alex Kern (43), der die Mannschaft eine Woche vor dem fraglichen Spiel übernommen hatte, erinnert sich: «Es hat in jenem Spiel stümperhafte Szenen gegeben.» Beim 0:2 lief Torhüter Darko Damjanovic (32) viel zu spät aus dem Tor – ein Torjäger Locarnos konnte unbedrängt einschiessen. Solche Fehler gibt es laut Kern in jedem Spiel, deshalb wolle er auch niemanden vorverurteilen.
Goalie Damjanovic war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Laut Spielerkollegen – er ist inzwischen beim FC Linth – reiste er diese Woche wegen eines Todesfalls in der Familie nach Serbien.
Für Gossaus Präsident Roland Gnägi kommt der Betrugsverdacht «wie aus heiterem Himmel». Es sei für den Verein ein Schock. «Ich kann nicht ausschliessen, dass so was passiert ist, habe aber bisher keine Anzeichen dafür gehabt.»