«Enke war sehr verzweifelt - und sehr stark»

  • Publiziert: 12.11.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Martin Arn

Robert Enkes Tod schockt die deutsche Psychiatrie-Professorin Gabriela Stoppe. Erstaunt ist sie aber nicht.

Blick: Frau Stoppe, wie haben Sie auf den Suizid von Robert Enke reagiert?

Gabriela Stoppe: Ich war am Dienstagabend im Internet. Als ich die Schlagzeile las, «Enke ist tot», dachte ich sofort: Mein Gott, er hat sich umgebracht.

Weshalb waren Sie so sicher?

Suizid ist die häufigste Todesursache bei Männern zwischen 25 und 44. Stutzig gemacht hat mich, dass Enke wegen eines Darm-Infektes lange krank war, die Ärzte den Infekt aber nicht benennen konnten. Das lässt auf eine Depression schliessen, die sich ja auch durch körperliche Beschwerden ausdrückt. Etwa durch Verdauungsprobleme.

Welche Rückschlüsse lassen sich daraus ziehen, dass er sich vor den Zug warf?

Die Art und Weise des Suizids hängt davon ab, welche Mittel verfügbar sind: In den USA und in der Schweiz werden häufig Waffen benutzt. In Hongkong stürzen sich Selbstmörder aus Wolkenkratzern. Dass er sich auf die Gleise gelegt hat, passt ins Bild: Er galt als starke Persönlichkeit. Als Nationaltorhüter musste er sich durchsetzen. Wer sich vor den Zug wirft, ist sehr verzweifelt – und gleichzeitig sehr stark.

Hat Robert Enke im Affekt gehandelt?

Ich denke nicht. Er ist mit dem Auto hingefahren und hat einen Brief verfasst.

Denken Selbstmörder nicht an ihre Angehörigen?

Das ist nicht wichtig für sie. Wer sich das Leben nimmt, fühlt sich wertlos und als Belastung für sein Umfeld.

Wie beurteilen Sie den Auftritt von Enkes Ehefrau?

Dass sie nicht geweint hat, heisst gar nichts. Bei so starken Schmerzen bleiben Tränen erst mal weg.

Gabriela Stoppe (Bild) ist ärztliche Leiterin der Psychiatrischen Uni-Kliniken Basel

play Gabriela Stoppe ist ärztliche Leiterin der Psychiatrischen Uni-Kliniken Basel. (ZVG)