Der Favre-Plan So will ich Gladbach retten

  • Publiziert: 20.02.2011, Aktualisiert: 14.01.2012
  • Von Andreas Böni aus Mönchengladbach

Heute das erste Abstiegs-Endspiel gegen Schalke! SonntagsBlick besuchte davor Lucien Favre. Der neue Gladbach-Trainer sagt, wie er die Borussia umkrempeln will.

Morgens halb zwölf in Deutschland. Lucien Favre (53), seit Montag Gladbach-Trainer, verlässt den Trainingsplatz neben dem Borussia-Park. Ein Reporter vom WDR will ein Interview. «Später», sagt Favre. «Warten Sie da vorne, ich muss kurz zu meiner Mannschaft.» Man merkt: Dieser Mann ist mit dem Kopf nur beim Fussball. Wie stelle ich die Mannschaft am Sonntag gegen Schalke auf? Wie holen wir sieben Punkte auf? Wie schaffen wir es, nicht abzusteigen? Favre verschwindet in den Katakomben des Stadions.

12.15 Uhr. Mittelfeldspieler Patrick Hermann (19) quält sich die Treppe hoch, stöhnt: «Ich bin ein bisschen platt, wir haben hart trainiert. Jeder will sich beweisen. Herr Favre hat ganz andere Ansichten als Michael Frontzeck. Er weist im Training auf ganz viele Sachen hin, versucht immer mit Ball zu spielen, Überzahl zu schaffen.»

13.10 Uhr. Favre empfängt SonntagsBlick zum Interview in seinem Trainerzimmer. Auf dem Tisch ein Block mit Notizen auf Spielfeldern. Irgendwelche Spielzüge. Taktik – das Leben von Lucien Favre.

Wie gut tut es Ihnen, nach 17 Monaten wieder auf dem Platz zu stehen?

Lucien Favre: Super. Bis zu meiner Entlassung in Berlin habe ich viele Jahre am Stück gearbeitet. Die Pause hat mir gut getan. Ich habe mich weitergebildet, ein bisschen Spanisch gelernt. Und viele Spiele gesehen, ob vor Ort oder zuhause im Fernsehen. In Spanien, England, Frankreich und vor allem Deutschland habe ich viel gesehen. Die Bundesliga-Mannschaften kenne ich fast auswendig.

Sie wären mit Hertha BSC beinahe Meister geworden und haben sich so einen guten Ruf erarbeitet. Wie viele Angebote hatten Sie seit der Entlassung?

Sieben, die wirklich konkret wurden. Aber ins Detail gehe ich nicht.

Gladbach hat ein Budget von rund 80 Millionen Franken jährlich, das ist mittlerer Bundesliga-Schnitt. Für welchen Platz hat die Mannschaft Potenzial?


Das kann man jetzt nicht sagen. Jeder kann die Tabelle sehen, wir sind Letzter. Aber: Die Chance ist da, es kann schnell gehen. Wir brauchen Top-Leistungen, haben jetzt knapp drei Monate Zeit, um uns zu retten. Es ist möglich, mit dieser Mannschaft den Abstieg zu vermeiden.

Sie gelten nicht als Feuerwehrmann, sondern als einer, der behutsam aufbaut.

Das ist so eine Etikette, so ein Klischee. Meine zweite Trainerstation war Yverdon, da habe ich im Winter angefangen. Als ich kam, spielte man gegen den Abstieg in die 1. Liga, später stiegen wir in die NLA auf. Wenn du im Winter anfängst, hast du weniger Zeit. Ich habe jetzt noch weniger. Aber ich habe für zweieinhalb Jahre unterschrieben. Wenn wir es nicht schaffen, müssen wir etwas aufbauen und schnell wieder aufsteigen.

Sie liessen immer einen technischen Fussball spielen. Den können Sie Ihrer neuen Mannschaft in einer Woche kaum beibringen. Was für ein Gladbach sieht man am Sonntag? Schliesslich gabs in der gesamten Saison noch nicht einen einzigen Heimsieg…


Ob du schön spielst oder nicht: Leidenschaft, Wille und Laufbereitschaft musst du zeigen. Du musst eine Einheit sein als Mannschaft. Wir müssen dem Publikum zeigen, dass wir kämpfen können. Und dürfen keine Angst vor unserem Gegner haben. Ball-Eroberung, gut und intelligent verteidigen, Konter gut spielen, Spielaufbau vom Goalie, und nachher hier in dieser Position…

Favre beginnt auf einem Flip-Chart, auf dem ein Fussballfeld zu sehen ist, wild zu gestikulieren. Er zeigt auf einen Streifen in der Mitte des Feldes.

…hier sind meistens 20 Spieler. Wenn du in Rückstand bist oder es steht 0:0, musst du diesen Streifen hier beherrschen. Meine Philosophie bleibt so, dass wir immer eine Überzahl schaffen müssen. Dafür müssen die Spieler in Bewegung sein. Und in Bewegung die Technik beherrschen. Sie brauchen die Spielintelligenz, sich richtig zu bewegen. Das ist keine Kunst.

In welchem System?

Ich habe mich auf ein 4-4-2 konzentriert. Aber die Mannschaft muss Selbstvertrauen haben, es flexibel zu interpretieren. Das bereiten wir jetzt im Training vor. Aber um mehrere Möglichkeiten einzuüben, fehlt die Zeit.

Ex-GC-Spieler Raul Bobadilla wurde nach Alkohol-Fahrt und disziplinarischen Problemen nach Griechenland ausgeliehen. Holen Sie ihn im Sommer zurück?


Das ist zu früh, um darüber zu sprechen. Er ist nicht hier – und ich konzentriere mich nur auf die letzten zwölf Spiele.

Favre holt mehrere DVDs über Spieler und Mannschaften raus, schmunzelt dann wieder.

Die Videos schneidet jeweils Ihre Frau zusammen. Was machen Sie jetzt hier in Gladbach, wenn sie nicht da ist?

Nein, nein. Das war nur in Berlin so.

Sprechen wir über Schweizer Trainer. «Bild» nennt Sie «Super-Hirnli». Mögen Sie das?

Das wurde schon in Berlin geschrieben (lacht). Mein Fokus liegt nur auf den Trainings und auf dem Spiel am Sonntag. Favre zieht wieder die DVDs hervor, lacht erneut.

Gut, andere Frage: Wie ist das Image von Schweizer Trainern?


Sehr gut. Der Schweizer Fussball wird hier sehr wohl wahrgenommen.

Muss ein Schweizer Trainer in der Bundesliga mehr beweisen als ein Deutscher?

Wir sind Ausländer. Ich bin froh, hier die Chance zu haben. In Deutschland hast du nur van Gaal und mich. In Italien, Spanien und Frankreich hat es auch kaum ausländische Trainer.

Würden Sie Wolfsburgs Manager Dieter Hoeness empfehlen, Christian Gross im Sommer zu holen?


Christian Gross und Marcel Koller sind hervorragende Trainer und ich hoffe für sie, dass sie in Deutschland oder im Ausland wieder einen Job bekommen.

Ist es Ihr Traum, mal Nationaltrainer zu werden?

Das ist überhaupt kein Thema im jetzigen Moment. Erst konzentriere ich mich auf meinen neuen Verein. Ich habe einen Vertrag bis 2013. Aber wer weiss schon, was in zehn Jahren ist? Wenn du Schweizer bist und National-Trainer werden kannst, dann ist es eine Ehre. Aber alles zu seiner Zeit.

14.05 Uhr. Favre läuft mit Sonntags-Blick durch die Katakomben. Vom Mannschaftsessen schnappt er sich übriggebliebene Ananas-Stücke, bietet sie immer wieder an. Bei Ankunft am Rasen des Borussia-Parks, wo heute über 50 000 Fans sein werden, ist die Schale leer. Favre setzt sich auf die Trainer-Bank, schaut in Richtung Nordkurve, die allein über 17000 Fans fasst.

Wie wird er heute die Mannschaft aufs erste Abstiegs-Endspiel einstellen? Kaum von der Bank aufgestanden, denkt er schon wieder an Taktik-Tüftelei. Er sagt: «Ich muss ins Hotel, Videos anschauen.» Und plötzlich sagt er: «Oh nein, ich habe den Radio-Reporter vergessen…»

Er schlägt sich an die Stirn. Wer Favre kennt, der weiss: Das war nicht böse gemeint. Borussias neuer Trainer denkt im Moment einfach nur an Fussball – und daran, wie man am Sonntag Schalke schlägt.