Hundetötungen, Holper-Strassen, Mondpreise. Nur einige Vorurteile über das EM-Land Ukraine. SonntagsBlick ist seit vier Tagen vor Ort und hat sich umgeschaut. Was ist wirklich los im wilden Osten?
Das Gejaule der Hunde ist ohrenbetäubend. Die traurigen Augen mitleiderregend. Der Gestank kaum zu ertragen. Rund 250 Tiere sind im «Lager der Warmherzigkeit» an der Stadtgrenze von Lemberg auf engstem Raum untergebracht. Olha und ihre Kolleginnen haben sie aufgenommen. Und somit vor Vergiftung, Vergasung oder Erschiessung bewahrt. «Seit feststeht, dass wir die EM veranstalten, werden es immer mehr. Fast doppelt so viele wie vorher», sagt Natalia. Sie ist die Direktorin des Tierheims am Stadtrand von Lemberg.
Die Regierung hat beschlossen, die Strassen von streunenden Hunden zu «säubern». Dabei schrecken die «Doghunter», die Hundejäger, vor nichts zurück. Auf der «kommunalen Tötungsstation» werden die armen Vierbeiner eiskalt gekillt. Mit einem Mini-Budget versuchen hauptsächlich freiwillige Helfer möglichst viele Tiere vor dem sicheren Tod zu bewahren. Dabei werden sie auch von der Organisation «Vier Pfoten» unterstützt, welche die Hunde kastrieren, um eine weitere Vermehrung zu stoppen. Unterstützung von der Regierung? Gleich null!
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Nur einige Kilometer weiter stehen wir vor einer verschlossenen Schranke. Davor pumpt sich ein schwarz gekleideter Sicherheitsmann auf. «Kein Zugang, kehren Sie sofort um», raunzt er. Im Hintergrund ist eine Art Schloss zu sehen. Hier wohnen die Millionarios, die Schwerreichen von Lemberg. Das Schloss gehört einer Dynastie, die mit der Firma «Familienwurst» Kohle ohne Ende gescheffelt hat – und das wird gerne gezeigt. Eigener Tennisplatz, Riesenpool, dicke Autos. In dieser Gegend von Lemberg riecht es nach Geld. Logisch haben die Bonzen auch alle Tickets für die EM-Spiele.
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Auf dem Weg in die Stadt ist von Reichtum nur noch wenig zu sehen. Schlaglöcher so gross und tief wie Badewannen, am Strassenrand verkaufen Händler ihre Pilze. Hunderte Passagiere quetschen sich in die völlig überfüllten Busse oder Strassenbahnen, die auf Schienen fahren, die einem Bobkanal gleichkommen.
Sie können sich bei einem Durchschnittslohn von 220 Euro im Monat kein Auto, geschweige denn ein Taxi leisten. Schon gar nicht während der EM, wo die Preise explodieren. Die Hotels kosten im Vergleich zum Rest des Jahres ungefähr das Zehnfache. Der Preis für eine Taxifahrt hängt vom Chaffeur ab. So bezahlt man für die gleiche Strecke mal 100, mal 180, mal 250 Hryvnia (1 Franken = 7,27 HR). Tempo, Sicherheit, Freundlichkeit und Pünktlichkeit variieren ebenfalls recht extrem.
Die wackligen Trams werden übrigens fast ausschliesslich von Frauen gesteuert. «Das ist ein einfacher Job, wo man nicht so viel falsch machen kann», erklärt uns eine Reiseführerin.
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Kaum passiert man das Ortsschild von Lemberg, sieht es plötzlich anders aus. Die Strassen sind eben (oder zumindest so etwas in der Art). Auf dem Marktplatz gibt es selbstgenähte Euro-Deckchen zu kaufen. Um die Mittagszeit erscheint plötzlich ein Trompeter auf dem Rathausbalkon. Während er die ukrainische Hymne bläst, werden Landesflaggen aus den Fenstern gehängt. Auch die deutschen Fans, die auf der gegenüberliegenden Hotel-Terrasse ihr erstes Bierchen zwitschern, hissen ihre Fahnen. Nachdem man bis Donnerstag kaum auf die Idee kam, dass hier eine EM stattfinden könnte, kommt nun langsam, aber sicher so etwas wie Euro-Stimmung auf.
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Doch sehr viele Ukrainer sind alles andere als begeistert, dass man die Fussball-EM austrägt. In Charkiw und Donezk gab es sogar offene Proteste und Ausschreitungen, in Lemberg gibt es eine Anti-EM-Zone. «Die Erwartungen waren riesengross. Umso grösser ist jetzt die Enttäuschung», sagt eine Einheimische. «Man hat uns vieles versprochen. Wir haben gedacht, dass mit der Euro alles besser wird. Aber in Wahrheit ist nur das Stadion gebaut worden und die Innenstadt wurde etwas aufgemöbelt.»
Vor allem wurde viel, viel Geld verschleudert. Und zig Millionen verschwanden auf dunklen Kanälen. So hiess es zum Beispiel, dass Lemberg mit komplett neuen Bussen ausgestattet werde. Dafür wurden mehrere Millionen veranschlagt. Doch statt vernünftigen Fahrzeugen für den Transport wurden alte, gebrauchte Busse aus Ostdeutschland importiert, die dort nicht mehr zu gebrauchen waren. Die kosteten deutlich weniger, doch das Geld war trotzdem weg. Wohin auch immer ...
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Auch unser Taxifahrer Nikolaj (einer der wenigen, der Englisch spricht) flucht über die Regierung und lässt kein gutes Haar an der EM. Ihn regt vor allem auf, dass die einzige Zufahrtsstrasse zum Stadion am Spieltag komplett gesperrt ist – auch für Taxen. «So bescheuert kann man gar nicht sein», schimpft er. Einzige Möglichkeit, um zur Arena zu kommen, sind die beschränkten öffentlichen Verkehrsmittel oder ein über einstündiger Fussmarsch.
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Auf dem Campingplatz «Buhta Viking» flimmert der Match HSV gegen Bayern aus der letzten Saison über die Grossbildleinwand – mit ukrainischem Kommentar. Das interessiert nicht mal die deutschen Fans, welche die Anlage überfluten. 70 Euro pro Person und Nacht zahlen sie hier – das Zelt ist inklusive. Ausserdem kann man Tennis oder Basketball spielen, im riesigen See schwimmen, reiten oder im nahe gelegenen Wald schiessen!
Im nigelnagelneuen Hotel, das extra für die EM gebaut wurde, kos-tet die Nacht zwischen 250 und 280 Euro. Dafür kommt man sich teilweise vor wie in einem Tierpark. So kann es durchaus mal passieren, dass einem plötzlich Esel, Schafe oder Ziegen über den Weg laufen.
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In einer Umfrage unter den Ukrainiern wurde Lemberg kürzlich als schönste Stadt des Landes gewählt. Trotzdem hat kein Team in der Umgebung sein Quartier aufgeschlagen. Überhaupt logieren nur die Ukraine selbst sowie Frankreich und Schweden hier. Die restlichen Teams fliegen von Polen aus an die Matches und direkt danach wieder zurück. Dabei ist die Altstadt um die Oper in der Tat sehr sehenswert, hat Wiener Charme. Rund 1 Million Menschen leben in Lemberg (oder Lviv), fast jeder zweite ist arbeitslos oder schuftet höchstens schwarz. Dabei haben immerhin 20 Prozent einen Hochschulabschluss. Doch Jobs sind und bleiben Mangelware. Daran ändert auch die Euro nichts.
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