Hart gefragt «Wir werden angreifen wie verrückt – nur so gehts»

  • Publiziert: 20.06.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Alain Kunz

Guus Hiddink (62) hat mit Südkorea und Australien Wunder vollbracht. Jetzt will der Holländer im Solde russischer Oligarchen in seiner Heimat zum Verräter werden.

Blick: Sie gelten in Holland seit dem Erreichen des WM-Halbfinals als Held. Befürchten Sie nicht eine Zerstörung dieses Status’ bei einem gewissen Ausgang des Spiels?
Guus Hiddink: Wenn Sie viel Einfluss haben mit Ihrer Zeitung, dann können Sie mit der Zerstörung schon mal beginnen. Aber klar: Gewinnt man im Spitzenfussball, wird man verehrt. Verliert man, wird man verdammt. Das stört mich zwar ein wenig, aber ich liebe diesen Job. Und wenn ein Erfolg in diesem Fall zur Verdammnis führt – dann ist das halt so.

Direkt gefragt: Sind Sie, ein Holländer, der russischer Nationaltrainer ist, ein Verräter?
Ich hoffe schwer, ich werde nach dem Spiel ein grosser Verräter sein! Dann lassen sie mich in Holland wohl nicht mehr ins Land. Aber daran bin ich ja gewöhnt…

Welche Hymne werden Sie mitsingen?
Die holländische kenne ich, aber nicht den Text. Bei der russischen mag ich die Melodie sehr. Die werde ich dann mitsummen. Wenn ich schon ein Verräter sein soll, dann ein sehr guter. Ja, ich will der Verräter des Jahres werden in Holland!

Alle bisherigen Gegner von Holland haben viel zu defensiv agiert – und dann doch verloren. Haben Sie auch Angst vor den Oranjes?
Ich habe Riesenschiss! Deshalb werden wir angreifen wie verrückt – nur so gehts. Wer sich zurückzieht, der wird im Verlaufe des Spiels immer weiter zurück gedrückt. Wir haben in Russland in den letzten Wochen und Monaten versucht, eine Art Fussball zu installieren, der den Leuten Spass macht. Schliesslich sollen sie ins Stadion kommen. Das ist in Holland schon vor langer Zeit geschehen. Und deshalb hat Holland eines der besten Teams der Welt.

Waren Ihre Spieler eigentlich selber erstaunt über die Topleistung gegen Schweden?
Wir sind um zwei Uhr dreissig in unser österreichisches Camp zurückgekommen. Da blieb nicht viel Zeit, um erstaunt zu sein. Und eine Party auf russische Art haben wir auch nicht gefeiert. Die Spieler waren alle nüchtern. Allerdings habe ich die Zimmer nicht kontrolliert... Aber sicher: Die Spieler waren stolz auf das Erreichte. Denn die meisten von ihnen haben nicht mal Champions-League-Erfahrung. Und wenn, dann haben sie vielleicht ein, zwei Punkte geholt.

Wie ist diesem holländischen Team beizukommen?
Die Holländer denken, taktisch könne man ihnen nichts vormachen. Weil die Spieler schon mit vierzehn, fünfzehn Jahren eine hochstehende taktische Ausbildung geniessen. Und wissen Sie was? Ich weiss auch noch nicht, wie ihnen beizukommen ist. Das ist ein absolutes Weltklasseteam.

Welche Tendenz haben Sie bisher an dieser Euro ausgemacht?
Eine, die sehr gut ist für das Spiel. Nämlich, dass jene Teams, die von Beginn weg nach vorne spielen, mit schnellen Angriffen operieren, überlebt haben. Reine Defensivkonzepte werfen keinen Profit mehr ab.

play Verräter des Jahres? Guus Hiddink trägt Russlands Adler auf einem orangen T-Shirt... (AP)

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