Die Schande von Istanbul «Wir haben nicht vergessen»

  • Publiziert: 09.06.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Max Kern und Andreas Böni

937 Tage sind seit der Schand-Nacht von Istanbul vergangen. Vorbei, aber sicher noch nicht vergessen. Nati-Verteidiger Stéphane Grichting (29) wird heute noch täglich schmerzhaft daran erinnert – beim Wasserlassen.

Vor zwei Jahren, sechs Monaten und 25 Tagen hat die Welt geschockt ins Sücrü-Saraçoglu-Stadion von Istanbul geschaut. Nach der 2:4-Niederlage der Schweizer, die Köbi Kuhns Team die Qualifikation für die WM 2006 sicherte, kam es auf dem Weg in die Garderoben zu schlimmen Prügel-Szenen.

Die Türken, angefeuert von Coach Fatih Terim, liefen Amok und schlugen im Tunnel auf alles ein, was sich bewegte. Am schlimmsten traf es neben Benjamin Huggel und Goalie-Trainer Erich Burgener den Unterwalliser Stéphane Grichting: Der Söldner von Auxerre fiel danach wegen eines Harnröhrenrisses mehrere Wochen aus.

Die Fifa griff rigoros durch: Sechs (!) Spielsperren für die türkischen Prügler Alpay und Emre. Auch der Schweizer Huggel, der seine verletzten Teamkollegen rächte, bekam zuerst sechs Spielsperren aufgebrummt, die später auf vier reduziert wurden. Die Türkei wurde zu 200000 Fr. Busse verdonnert, musste sechs Spiele auf neutralem Terrain unter Ausschluss der eigenen Fans austragen.

Vorbei und vergessen? Denkste! Morgen kommt es im Basler St. Jakob-Park zum Wiedersehen: Schweiz gegen Türkei. Und wie damals in Istanbul ist es für beide Nationen ein Endspiel!

Beide Teams haben ihr Startspiel an dieser Euro verloren. Die Türken 0:2 gegen Portugal, die Schweiz 0:1 gegen Tschechien. Für beide gehts im zweiten Gruppenspiel bereits um Sein oder Nichtsein.

Die bange Frage deshalb: Bewahren die heissblütigen Türken dieses Mal kühles Blut? Oder drehen die Spieler von Fatih Terim morgen wieder durch?

Bei der Gruppenauslosung für die Euro 08 am 2. Dezember 2007 umarmte Türken-Coach Fatih Terim im Luzerner KKL unseren Captain Alex Frei demonstrativ. Mehr als nur ein getürkter Frieden? Meinte es der «Imperatör» vom Bosporus wirklich ernst?

Mit gemischten Gefühlen sieht nicht nur Opfer Grichting der morgigen Partie entgegen. Auch zweieinhalb Jahre später wird der 17-fache Internationale täglich mehrmals an die wüsten Szenen vom November 2005 erinnert, als er, in die Genitalien getroffen, mit Blaulicht in ein türkisches Spital gefahren werden musste. Denn beim Pinkeln verspürt er als Folge der Tritte in den Unterleib auch heute noch einen brennenden Schmerz. Das vertraute Grichting in den letzten Tagen einem befreundeten welschen Journalisten an.

Tranquillo Barnetta, der am 16. November 2005 auf der Flucht vor den Türken Alpay und Emre von hinten von einem Bein getroffen wurde, sagte gestern: «Natürlich, was passiert ist, haben wir nicht vergessen. Wir können es nicht mehr ändern, es war nicht schön damals. Aber egal, was war: Am Mittwoch ist es wie damals in Istanbul ein Barrage-Spiel. Wir werden uns wieder durchsetzen.»

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