Türkischer Sieg für Deutschland!

  • Publiziert: 25.06.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Raphael Fiore

BASEL – In einem hochdramatischen Spiel drehten die Deutschen in türkischer Manier das Spiel in letzter Sekunde – Lahms 3:2-Siegtreffer fiel in der 90. Minute!

Vor dem Spiel setzten wohl nur die wenigsten einen Rappen auf die Türkei: Denn während Bundestrainer Löw aus dem Vollen schöpfte, konnten die Türken nicht einmal die Ersatzbank füllen: Lediglich 14 fitte Spieler inklusive Ersatztorhüter standen im Bruderduell für einen Einsatz auf türkischer Seite bereit!

Doch Trainer und Motivationskünstler Fatih Terim liess sich von der schier aussichtslosen Lage nicht beiirren und impfte jedem Spieler den unbändigen Siegeswillen ein. Selbst der bereits wegen einer Verletzung abgereiste Nihat meinte vor dem Spiel martialisch:«Meine Mannschaftskameraden werden die Panzer in die Knie zwingen.»

Powerplay der Türken in der Anfangsphase

Und nach wenigen Minuten fragte man sich: Was war bloss mit den Türken los? Sie drückten von Beginn weg aufs Tempo, als ob Sie schon wieder in Rückstand geraten wären oder bereits die letzten Sekunden der Verlängerung der Verlängerung liefen. Doch dem war nicht so: Heute kamen die Türken hellwach aus der Kabine und überrollten die Deutschen mit einer fulminanten Angriffswelle.

Besonders Kazim Kazim, der «Ausländer» im türkischen Kader der kaum Türkisch spricht, stach in der Anfangsphase heraus: Der Mittelfeldakteur von Fenerbahçe drosch den Ball innerhalb von 10 Minuten gleich zweimal ans Aluminium. Die Türken waren hellwach, die Deutschen völlig orientierungslos.

Und Jogis Elf blieb keine Zeit zum Verschnaufen: Der quirlige Sabri setzte sich auf der rechten Seite klasse durch und flankte ungehindert auf den omnipräsenten Kazim, der die Kugel Volley zum dritten Mal ans Gestänge klatschte! Doch diesmal landete der Ball direkt vor die Füsse von Ugur Boral, der in klassischer Abstaubermanier zum hochverdienten Führungstreffer einschob.

«Schweini» muss es richten

Bis zur 25 Minute rannten die Deutschen wie ein Hühnerhaufen orientierungslos über das Feld. Beim dreifachen Europameister lief rein gar nichts zusammen. Doch dann fasste sich in der Phase der Desorientierung Podolski ein Herz, kämpfte sich zielstrebig auf der linken Seite durch und legte nach diesem urplötzlichen Energieanfall den Ball Bastian Schweinsteiger mustergültig auf.

«Schweini» schloss die erste (!) gelungene Aktion der Deutschen mit einem herrlichen Kabinettstück ab – der Aussenristschnipser des Bayern-Profis landete völlig unverdient im gegnerischen Tor. Im Stadion herrschte für einen Moment totenstille, selbst die Deutschen Fans trauten ihren Augen wohl kaum. Dank Deutscher Effizienz, eine Chance, ein Tor, war der Spielverlauf komplett auf den Kopf gestellt!

9 Schüsse gegen 1 Schuss aufs Tor

Was für eine erdrückende Statistik für die Deutschen: Der haushohe Favorit konnte heilfroh sein, dass es nach diesem exorbitanten Chancenplus für die Türken 1:1 stand. Getreu dem Motto:«Angriff ist die beste Verteidigung» überraschten die Türken nicht nur die elf Deutschen Feldspieler, sondern wohl auch jeden Experten. Die vermeintlichen Underdogs drückten dem Spiel mit atemberaubendem, engagiertem Offensivspiel den Stempel auf.

Deutscher Wechsel bewirkt Wunder

Torsten Frings sollte es in der zweiten Hälfte für die Deutschen richten. Jogi Löw brachte den Bremer für Rolfes. Der Leverkusener konnte nach seiner vor der Pause zugezogenen Platzwunde nicht mehr weitermachen. Und tatsächlich: Das Spiel beruhigte sich, die Türken waren insgesamt zwar immer noch tonangebend, jedoch nicht mehr mit derselben Durchschlagskraft und demselben Tempo der ersten Halbzeit. Mussten die Türken dem Startfurioso konditionell Tribut zollen?

Busacca sorgt für Unruhe

Als das Spiel ein wenig abflachte, sorgte der letzte Schweizer der EM für Unruhe. Der Unparteiische Massimo Busacca sah in zwei Situationen nicht gut aus: Zuerst wurde Lahm direkt an der Strafraumgrenze von Sabri umgemäht, danach wurde ein Türke im Deutschen 16er unsanft umgerissen. In beiden Situationen liess Busacca weiterspielen, die beiden Trainer Löw und Terim waren ausser sich.

Was für eine Schlussphase

Doch in diesem schweisstreibenden, unglaublich schnellen Spiel blieb keine Zeit zum Lamentieren. Und schon wieder lag der Ball im Netz, als niemand damit gerechnet hatte! Aus dem Nichts köpfte der bislang unsichtbare und somit wirkungslose Klose am fliegenden Holländer Rüstü vorbei. Der türkische Goalie rannte völlig unmotiviert aus dem Tor und faustete ins Leere: Aus dem Penalty-Held wurde die tragische Figur des Spiels.

Und selbst bei den lautstarken türkischen Supportern machte sich eine gewisse Leere breit, es wurde ruhiger im Stadion, die Sache schien gelaufen. Nach den letzten aufopferungsvollen Partien war wohl das Fussballglück aufgebraucht, oder? Denkste! Die Türken kamen abermals zurück und wurden ihrem Ruf, bis in letzter Minute alles zu geben, abermals gerecht.

Nach einem Zuckerpass des überragenden Sabri schoss Last-Minute-Man Semih erneut in der Schlussphase des Spiels den vielumjubelten 2:2-Ausgleich. Jetzt war es um die Deutschen geschehen, die türkischen Wundermänner würden das Spiel in der Verlängerung sicher nach Hause bringen!

Die Deutschen triumphieren «alla turca»!

Nein, nicht heute! Denn dieses Spiel auf höchstem Niveau war noch nicht vorbei. Die Deutschen prägten schon seit jeher den unbändigen Kampfgeist und wollten die Türken heute mit typischen Deutschen Tugenden wie unbändigem Willen und enormem Kampfgeist in die Knie zwingen.

Und so geschah es, dass aus den Deutschen die besseren Türken wurden: Als sich die Türken und die Zuschauer schon mit der Verlängerung abgefunden hatten, startete Philipp Lahm durch und drosch das Leder nach einem mustergültigen Doppelpass mit Hitzlsberger in die Maschen.

Last-Second-Deutsche besiegen Last-Minute-Türken

Die extem spielstarken und aufoperungsvoll kämpfenden Türken konnten auf diesen erneuten Rückstand nicht mehr reagieren, sie wurden von den Deutschen eiskalt ausgeknockt. Hut ab vor dieser brillanten Leistung, die den Türken so wohl nur eingefleischte Fans zugetraut hätten. Doch nach Wien fahren die Deutschen, die mit dieser unerreichbaren Effizienz heute schlicht die besseren Türken waren.

Toller Service für die Fans!

Alle Tore der Euro 08 können Sie sich im 3-D animierten «Virtual Replay» noch einmal anschauen. Nutzen Sie dabei diverse Perspektiven und Kameraeinstellungen. Ausserdem lässt sich die Abspielgeschwindigkeit justieren. Wahlweise werden Sie sogar zum Spielball! (mit dem Link unten gelangen Sie zur «Virtual Replay»- Übersichtsseite).

Matchtelegramm

Deutschland – Türkei 3:2 (1:1)

St.-Jakob-Park, Basel. – 39 374 Zuschauer (ausverkauft). – SR Busacca (Sz).

Tore: 22. Ugur 0:1. 26. Schweinsteiger 1:1. 79. Klose 2:1. 86. Semih 2:2. 90. Lahm 3:2.

Deutschland: Lehmann; Friedrich, Mertesacker, Metzelder, Lahm; Rolfes (46. Frings), Hitzlsperger; Schweinsteiger, Ballack, Podolski; Klose (92. Jansen).

Türkei: Rüstü; Sabri, Mehmet Topal, Gökhan Zan, Hakan Balta; Mehmet Aurelio; Kazim Kazim (92. Tümer), Hamit Altintop, Ayhan (81. Mevlüt), Ugur (84. Gökdeniz); Semih.

Bemerkungen: Deutschland komplett; Türkei ohne Volkan, Arda, Emre Asik, Tuncay (alle gesperrt), sowie Servet, Emre Belözoglu, Emre Güngör und Nihat (alle verletzt). 13. Lattenschuss Kazim. 22. Lattenschuss Kazim (Ugur trifft im Nachschuss zum 0:1). Verwarnungen: 53. Semih (Foul), 94. Sabri (Reklamieren).

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TV-Unterbrüche wegen Gewitter

Wegen eines Gewitters über Wien fielen Bild und Ton während des EM-Halbfinals zwischen Deutschland und der Türkei bei den internationalen Fernsehsendern wiederholt aus. SF war als weltweit einzige Station vom Bildausfall nicht betroffen. Sowohl ORF als auch ZDF übernahmen zeitweise SF-Bilder.

Tausende Fans in der Wiener Fanzone konnten den Match nicht zu Ende sehen, weil das Areal wegen der nahenden Gewitterfront geräumt wurde.

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