«Schweini» muss man haben!

  • Publiziert: 19.06.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Raphael Fiore

BASEL – Deutschland feiert, Portugal singt Fado: In einem dramatischen und höchst unterhaltsamen Viertelfinale besiegten die Deutschen Ballermänner die Filigrantechniker aus Portugal mit 3:2.

Vor dem Anpfiff gab es schon viel Aufregung: Am Mittwoch wurde DFB-Coach Löw von der UEFA für ein Spiel auf die Tribüne verbannt. Und kurz vor dem Anpfiff folgte nach dem Kindergarten-Theater der nächste Nackenschlag für Deutschland: Der defensive Mittelfeldmotor Torsten Frings musste wegen seines Rippenbruchs definitiv passen, seine Rolle übernahm Simon Rolfes.

Fast alle Portugiesen strotzen vor Selbstvertrauen

Scolari gönnte im letzten Spiel gegen die Schweiz acht Stammspielern eine wohlverdiente Pause. Im Vorfeld schob die Presse in Deutschland Portugal die Favoritenrolle zu. Und auch Ronaldo zeigte sich vor dem Spiel siegesbewusst:«Ich will Europameister werden!»

Goalie Ricardo flatterten hingegen etwas die Nerven als er hörte, dass der Deutsche Schweinsteiger nach seiner Sperre wieder von Anfang an auflaufen würde. Es war nämlich genau dieser Schweinsteiger, der im Spiel um den dritten Platz bei der WM 2006 beim 3:1 Sieg der Deutschen zwei Tore gegen Ricardo schoss. Der Keeper von Sporting Lissabon sah bei beiden haltbaren Fernschüssen alles andere als gut aus.

Braun-grüner Rasen

Die Schlammschlacht von Basel zwischen der Schweiz und Türkei hinterliess augenscheinliche Spuren. Der arg in Mitleidenschaft gezogene Rasen wurde zwar ausgewechselt, doch auch das feinste, aus Holland importierte Gras, konnten den braunen Acker nicht vollständig abdecken. Doch eines war der Rasen trotzdem: Gut bespielbar. Denn bereits in der Startphase fanden beide Teams rasch ihren Rhythmus und sorgten für einen schwungvollen Beginn.

«Schweini» muss man haben!

Die Deutschen waren nicht mehr wiederzuerkennen: Sie standen mit enormer Präsenz auf dem Platz und kombinierten fast schon portugiesisch filigran. In der 22. Minute setzte sich Podolski geschickt auf der linken Seite gegen Bosingwa und Pepe durch und flankte die Kugel scharf in die Mitte. Dort rutschte «Schweini» Schweinsteiger in den Ball und sorgte für den vielumjubelnden Führungstreffer. Das Traumduo der WM 2006 hatte sich endlich wieder gefunden.

Doch die Deutschen gönnten den verdutzten Portugiesen keine Verschnaufpause. Bereits vier Minuten später baute der bislang torlose Goalgetter Klose mit einem sehenswerten Kopfball den Vorsprung auf 2:0 aus!

Portugal steckt nicht auf

Diesen Doppelschock mussten die Portugiesen erstmals verdauen. Danach stand aber nur noch der Kasten von Jens Lehmann im Mittelpunkt. Zuerst versuchten sich Raul Meireles und Ronaldo erfolglos mit Distanzschüssen. Und auch Simaos Knaller wird vorerst von Lehmann abgewehrt, doch der Abpraller verwertete Nuno Gomes in seinem 14 (!) EM-Spiel eiskalt.

Spiel nimmt an Härte zu

In der ersten Hälfte sahen die Zuschauer ein äusserst attraktives und schnelles Spiel. Und nach der Pause ging es mit Tempo weiter, jedoch schraubten die Deutschen Spieler den Härtegrad nach oben und kassierten innerhalb von fünf Minuten zwei gelbe Karten.

Der einsetzende Regen bereitete aber besonders dem Platzwart Sorgen: Würde das holländische Spitzengras den widrigen Wetterbedingungen standhalten?

Die Deutschen Spieler hatten derweil ganz andere Probleme: Denn die Portugiesen schraubten den Turbolevel eine Stufe höher und drängten auf den Ausgleich.

Sturm und Drangphase gnadenlos abgewürgt

In dieser für Deutschland heiklen Phase sorgte wieder einmal Ballermann Ballack für den Unterschied. Einen präzisen Freistoss von Schweinsteiger verwertete der Kapitän der DFB-Elf unwiderstehlich mit dem Kopf. Der portugiesische Goalie Ricardo hing in dieser Situation planlos in der Luft. Wie lange die Portugiesen wohl noch an diesem fehlerhaften Schlussmann festhalten?

Spannung bis zum Schluss

Doch die Portugiesen wollten noch kein Fado anstimmen und stürmten gnadenlos weiter nach vorne. Und in der 87. Minute wurden die Ballkünstler tatsächlich für ihre Mühen belohnt: Helder Postiga traf nach einer butterweichen Flanke von Nani zum 2:3!

Die Nerven lagen nun blank, die Portugiesen liessen am Ende alle taktischen Fesseln fallen und rannten mit zehn Mann gegen den Rückstand an. Doch nach den vier Minuten Nachspielzeit, die den unter Dauerdruck stehenden Deutschen wie eine Ewigkeit vorkommen mussten, pfiff der schwedische Schiedsrichter Peter Fröjdeldt die Partie ab. Das kaum an Dramatik zu überbietende Spiel fand am Ende mit Deutschland einen glücklichen aber insgesamt verdienten Sieger.

Denn Deutschland trat völlig anders auf als in den Gruppenspielen: Besonders die überraschende Taktik mit den zwei 6ern verschaffte Ballack viel Luft nach vorne. Keine Frage: In dieser Form sind die Deutschen ein ernsthafter Titel-Kandidat.

Frings wieder fit

Torsten Frings (31) kann nächsten Mittwoch im Halbfinal in Basel wieder mit dem deutschen Team mittun. Er fehlte beim 3:2 gegen Portugal wegen eines Rippenbruchs, den er sich beim 1:0 gegen Österreich zugezogen hatte. (si)

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Matchtelegramm

Portugal – Deutschland 2:3 (1:2)

St.-Jakob-Park: 39 374 Zuschauer (ausverkauft)
SR Fröjdfeldt (Sd)

Tore: 22. Schweinsteiger 0:1. 26. Klose 0:2. 40. Nuno Gomes 1:2. 61. Ballack 1:3. 87. Helder Postiga 2:3

Portugal: Ricardo; Bosingwa, Pepe, Carvalho, Ferreira; Petit (73. Helder Postiga); Deco, Moutinho (31. Meireles); Simão, Cristiano Ronaldo; Nuno Gomes (67. Nani)

Deutschland: Lehmann; Friedrich, Mertesacker, Metzelder, Lahm; Hitzlsperger (73. Borowski), Rolfes; Schweinsteiger (83. Fritz), Ballack, Podolski; Klose (89. Jansen)

Bemerkungen: Deutschland ohne Frings (verletzt) und Coach Löw (gesperrt, auf der Tribüne). Verwarnungen: 26. Petit (Foul). 48. Friedrich (Foul). 49. Lahm (Foul). 60. Pepe (Foul). 91. Helder Postiga (Foul)

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