29. Juni: Unsere Liebe zu den Deutschen
Der ehemalige Starspieler Michel Platini scheint ein trauriger Mann zu sein. An der EM 84 hat er neun Tore erzielt. An der Euro 08 hat er 412 Millionen Franken Reingewinn erwirtschaftet. Nun könnten wir uns fragen, was einen Mann glücklicher macht: 9 Tore oder 412 Mio. Franken? Aber wenn man den Franzosen im Fernsehen sieht, bekommt man den Eindruck, den mache überhaupt nichts glücklich.
Der «Geist des Turniers» sei ausgezeichnet gewesen, hat er gestern mit dem immer gleichen, bekümmerten Gesichtsaudruck verkündet. Damit wollte er die Gastgeberländer rühmen, also auch uns. «Scho rächt, Michi!», möchte man antworten und ihm empfehlen, sich bei einem Glas Sponsorenlimonade zu entspannen.
Ganz entspannt können auch wir heute Abend dem Final entgegenblicken. Wer die Stimmung auf der Strasse spürt, stellt vor allem eines fest: Bei den Fans in der Schweiz ist das Feuer schon fast aus. Die hiesige Fanmehrheit hat mit ständig abnehmendem Enthusiasmus folgende Teams unterstützt: Die Schweiz, Holland, Russland und zuletzt Spanien. Immer wieder waren wir gezwungen, neue Lieblinge zu finden, da die, in die wir uns eben erst verliebt hatten, ausschieden.
Sollte Spanien heute verlieren, bliebe fast keine Liebesfähigkeit mehr für Deutschland. Das dürfte den Deutschen allerdings ziemlich egal sein. Sie sind schon oft Europameister geworden, ohne unsere Liebe zu beanspruchen.
Eines steht jedenfalls schon fest: Wer immer gewinnt, es wird ein würdiger Europameister sein. Die Deutschen, weil sie die Gabe haben, aus zwei Chancen drei Tore zu erzielen. Die Spanier, weil sie sich die zwanzig Chancen, die sie für ihre Tore brauchen, immer erarbeit haben.