EM-Kolumnen «Kopfstoss»

  • Aktualisiert am 02.01.2012
  • Von Pedro Lenz

Giftig und mit einer grossen Prise Ironie schreibt der Berner Pedro Lenz im BLICK täglich über Episoden an der Euro 08.

29. Juni: Unsere Liebe zu den Deutschen

Der ehemalige Starspieler Michel Platini scheint ein trauriger Mann zu sein. An der EM 84 hat er neun Tore erzielt. An der Euro 08 hat er 412 Millionen Franken Reingewinn erwirtschaftet. Nun könnten wir uns fragen, was einen Mann glücklicher macht: 9 Tore oder 412 Mio. Franken? Aber wenn man den Franzosen im Fernsehen sieht, bekommt man den Eindruck, den mache überhaupt nichts glücklich.

Der «Geist des Turniers» sei ausgezeichnet gewesen, hat er gestern mit dem immer gleichen, bekümmerten Gesichtsaudruck verkündet. Damit wollte er die Gastgeberländer rühmen, also auch uns. «Scho rächt, Michi!», möchte man antworten und ihm empfehlen, sich bei einem Glas Sponsorenlimonade zu entspannen.

Ganz entspannt können auch wir heute Abend dem Final entgegenblicken. Wer die Stimmung auf der Strasse spürt, stellt vor allem eines fest: Bei den Fans in der Schweiz ist das Feuer schon fast aus. Die hiesige Fanmehrheit hat mit ständig abnehmendem Enthusiasmus folgende Teams unterstützt: Die Schweiz, Holland, Russland und zuletzt Spanien. Immer wieder waren wir gezwungen, neue Lieblinge zu finden, da die, in die wir uns eben erst verliebt hatten, ausschieden.

Sollte Spanien heute verlieren, bliebe fast keine Liebesfähigkeit mehr für Deutschland. Das dürfte den Deutschen allerdings ziemlich egal sein. Sie sind schon oft Europameister geworden, ohne unsere Liebe zu beanspruchen.

Eines steht jedenfalls schon fest: Wer immer gewinnt, es wird ein würdiger Europameister sein. Die Deutschen, weil sie die Gabe haben, aus zwei Chancen drei Tore zu erzielen. Die Spanier, weil sie sich die zwanzig Chancen, die sie für ihre Tore brauchen, immer erarbeit haben.

28. Juni: Reinigende Gewitter in Wien

Manche Gewitter sind lästig, andere sind gefährlich. Die beiden Halbfinalgewitter in Wien waren reinigend! Das Donnerstags-Gewitter hat die spanischen Traumtänzer geweckt. Das Mittwochs-Gewitter betraf die Übertragung. In fast allen Ländern kam es just dann zur skandalösen TV-Panne, als die Spannung ihren Höhepunkt erreichte.

Die UEFA hat das Bildmonopol, aber sie liefert keine Bilder. Das ist nicht nur peinlich, das ist auch höchst entlarvend! Es genügt nicht, dass alle Aufnahmen, die nicht ins infantile Disneyland-Fussballverständnis der UEFA passen (Rauchpetarden, Handgemenge auf den Rängen) zensuriert werden. Nein, ein einfaches Unwetter löscht die Bildschirme in ganz Europa.

Schande, Schande über die Monopolisten-Bande!
Zurzeit streiten die Experten darüber, ob die richtigen Mannschaften im Final sind. Die Frage ist klar zu bejahen. Deutschland hat immer präzis dann getroffen, wenn es dringend nötig war. Spanien hat die Modemannschaft der EURO 08 zweimal nacheinander mit dem Gesamtskore von 7:1 abgefertigt. Noch Fragen?

Heute geniessen die verbliebenen Fussballer ihren spielfreien Tag. So ein Turnier ist ja für die Spieler voll von spielfreien Tagen. Immer wird darüber berichtet, was die Jungs so machen, wenn sie nicht einem Ball nachlaufen. Von den Deutschen wissen wir, dass sie gerne in Wellness-Zonen rumliegen und die Adiletten baumeln lassen. Was aber die Spanier jeweils tun, war der Öffentlichkeit bisher kaum bekannt. Nun erfahren wir, dass sie die freie Zeit damit verbringen, ihrem Trainer den Wechsel zu Ferenbahce auszureden. «Opa, bleib bei uns!», flehen Sie, «denn wenn sich das osmanische Glück mit deiner Weisheit verbindet, wird der türkische Fussball nicht mehr zu bremsen sein!»

27. Juni: Regenerieren, auftanken, Akku laden

Fussballer sind Fleisch gewordene Maschinen. Das sage nicht ich, das sagen die Spieler selbst. Kaum haben sie einen Gegner besiegt, brabbeln sie etwas von «Batterien volladen» oder «jetzt erstmal einen Gang herunterschalten». Was soll diese ganze Maschinenmetaphorik? Wofür hat Sepp Herberger den Satz von vor dem Spiel und nach dem Spiel erfunden? Jungs, wenn ihr einen Final erreicht habt, dann sagt doch einfach nur: «Geil!» Das ist zwar nicht sehr literarisch, aber wenigstens verstehen wir, was ihr meint.

Im ersten Halbfinal war ich ja Busacca-Fan. Im Nachhinein gebe ich es zu: Es war ein bisschen peinlich, unter all den deutschen und türkischen Trikots in der Fanzone als einziger mit einem schwarzen Schiedsrichter-Leibchen rum zustehen und immer «Hopp Schiri, hopp Schiri» und «Steht auf, wenn ihr Schiris seid!» zu rufen.

In manchen Zeitungen hiess es nach dem Spiel, Busacca sei unter seinen Möglichkeiten geblieben. Ja klar, wenn man nur einen einzigen Fan hat! Busacca ist vom Format her sowieso eher ein Finalschiri. Vielleicht hat UEFA-Boss Platini noch ein Einsehen und nominiert ihn nach.

Diese Zeilen schreibe ich übrigens aus Klagenfurt. Da nehme ich zurzeit am Ingeborg Bachmann Wettbewerb teil, einer Art EURO für deutschsprachige Literatur. Es ist wie an der andern EURO. Die Deutschen sind schnell, spielstark und gut vorbereitet. Die Österreicher und ich als einziger Schweizer bringen zwar Potential mit. Aber wir haben Probleme mit der Chancenauswertung. Der Strelli in mir zittert ein wenig und der Degen in mir nimmt die Sache zu wenig ernst.

Also liebe Fussballfans: Noch zweimal schlafen, dann wissen wir, wer den Kübel stemmt. Lasst uns bis dahin noch ein wenig die Batterien laden – oder den Akku oder so.

26. Juni: Balalaika oder Kastagnetten - Hauptsache laut!

Haben Sie es bemerkt? Der erste Halbfinal ist haargenau so herausgekommen, wie ich es prognostiziert hatte! Dumm ist höchstens, dass ich die Prognose nicht veröffentlicht habe. Aber man muss nicht immer allen zeigen, was man drauf hat. Sonst fragen Sie Luca Toni, Thierry Henry oder Peter Cech. Die machen es wie ich. Sie wissen selber, was sie können, aber sie müssen es nicht unbedingt ausgerechnet an der EURO zeigen, so dass man am Ende noch meinen könnte, sie seien Aufschneider.

Weniger subtil machen es Andrej Arschawin oder David Villa. Sie brüsten sich mit Toren und schneiden auf mit schnellem Spiel. Der Russe Arschawin ist eine Art Nurejew der Strasse. Der Spanier Villa – Sohn eines asturischen Minenarbeiters – ist die proletarische Version von Stéphane Lambiel. Wir werden sehen, welcher der beiden heute Abend die geschmeidigere Kür hinlegt.

Balalaika oder Kastagnetten, laut wird es so oder so, sind doch die beiden Herren auf der Trainerbank nicht unbedingt für ihre Reserviertheit bekannt. Wobei Guus Hiddink vor allem beim Torjubel explodiert, während Aragones eher der Vulkantyp ist: Niemand weiss, wann und warum er plötzliche Feuer speit.

Ganz cool sind dafür die jeweiligen Monarchen der heutigen Gegner. Haben Sie sich geachtet, wie wenig Regung der spanische König Juan Carlos im Spiel gegen Italien gezeigt hat? Sein Gesichtsausdruck schien zu sagen: Lieber Gott, schenk mir die Gelassenheit, diesen Grottenkick zu ertragen, ohne dass ich meine Würde verliere. Und auch der russische Zar Abramowitsch verfolgt die Matches seiner Untertanen jeweils mit stoischer Ruhe. Er braucht nie zu schimpfen. Wenn ihm seine Mannschaft einmal nicht mehr passt, kauft er sich einfach eine neue.

25. Juni: Don Luis liebt den Widerspruch

Der spanische Nationaltrainer Luis Aragonés ist trotzköpfig wie ein pubertierender Maulesel im kastilischen Hochland. Dabei ist der Mann bald 70. Als Real Madrid Star Raúl letzte Saison immer besser in Form kam, forderten Presse und Öffentlichkeit ein EURO-Aufgebot für den spanischen Rekordtorschützen.

Doch je lauter nach Raúl geschriehen wurde, desto klarer war für Luis, dass er ihn nicht bringt. Ganz nach dem Motto: «Wenn alle sagen der Ball sei rund, sage ich, er sei eckig.» Seit dem Viertelfinal gegen Italien rühmt nun die gesamte Weltpresse den spanisch-brasilianischen Mittelfeld-Rackerer Senna. Und prompt hat Luis angekündigt, er werde Senna im Halbfinal durch Xabi Alonso ersetzen. Wer also will, dass ein spanischer Spieler beim Trainer in Ungnade fällt, muss den Betreffenden nur tüchtig loben. Wäre das in der Schweiz auch so, hätten wir ein paar Natispieler in den Himmel geschrieben.

Die Deutschen scheinen es im Rentnerparadies Tessin recht hübsch zu haben. Falls allerdings Türken Zampano Terim gestern in dieser Zeitung das Bild gesehen hat, in dem Metzelder im Wellness-Bereich dem liegenden Mertesacker den Ball zuwirft, dürfte er hoch erfreut gewesen sein. Von solchen Bubis brauchen sich die osmanischen Stürmer nicht zu fürchten. Wie zwei Susis bällelen die deutschen Innenverteidiger und man hört sie fast sagen: «Nicht so doll Schatz, denk an meine Frisur.» Da kann Faith Terim ruhig seinen dritten Goalie in den Angriff beordern.

Endlich geht’s also weiter. Wir Fans schauen voller Vorfreude zum Vielfarbenrasen nach Basel. Ich selbst weiss noch nicht, ob ich mir zum Match eine Currywurst oder einen Döner genehmige. Nur eines weiss ich ganz sicher, ich werde für einmal den Schiri anfeuern: Forza Busacca!

24. Juni: In Spanien hat Hitzfeld fertig

Spielfreie Tage sind polemische Tage. Kaum fehlt die Aussicht auf das abendliche Spiel, spüren manche Fussballjunkies böse Entzugserscheinungen. Das äusserst sich dann zuweilen in blindem Hass. Kaum war gestern im spanischen Sportblatt «Marca» zu lesen, Ottmar Hitzfeld tippe auf einen Final Deutschland – Russland, drehten die spanischen Fans durch.

In einem Lesermail hiess es zum Beispiel: «Hitzfeld hat keine Ahnung. Gebt ihm die Höchststrafe. Er soll die Schweizer trainieren!» Ein anderer Leser fragte: «Fritzfeld, ist das nicht der Österreicher, der seine Kinder im Keller eingesperrt hat?» Da Ottmar sich die Höchststrafe schon selber gegeben hat, wünschen wir ihm an dieser Stelle viel Kraft. Einen künftigen Altersjob im spanischen Fussball sollte er aber jetzt schon vergessen.

Ähnlich schlecht wie bei den «Marca»-Lesern kommt die Schweiz nun bei der Schiedsrichterkommission der UEFA weg. Nicht Massimo Busacca, bester Referee des Turniers, darf nächsten Sonntag das Endspiel pfeifen. Nein, ausgerechnet Roberto Rosetti wird Finalschiri. Rosetti kommt Ihnen bekannt vor? Zu recht! Das ist der gleiche Träumer, der uns im Eröffnungsspiel ins Elend geritten hat, weil er bei mindestens zwei Penaltyszenen im tschechischen Strafraum einen Pfeifenklemmer hatte.

Hoffentlich funktioniert das Signalgerät des Italieners bis zum Final wieder tadellos. Der Druck, der auf Rosetti lastet, ist enorm. Wer nämlich die italienische Elf im Viertelfinal hat spielen sehen (also die wenigen, die nicht lange vor dem Abpfiff eingeschlafen sind), weiss, dass Italien seit dem Sonntag keine Fussballnation mehr ist. Mit einer seriösen Leistung des Pfeifenmanns aus Turin könnte das Land vielleicht wenigstens zu einer Schiedsrichternation aufsteigen.

23. Juni: Ein guter Start ist der Untergang

«Bier macht dumm, dick und faul!» Das war am Anfang des 20. Jahrhunderts ein beliebter Leitspruch des «Abstinenten Arbeiterbundes». Jetzt, wo 12 von 16 Mannschaften aus dem Turnier ausgeschieden sind, dürfen wir eine kleine Zwischenbilanz ziehen. Die klarste Erkenntnis aus den vergangenen Viertelfinals müsste, in leichter Abwandlung des obengenannten Spruchs lauten: «Der Gruppensieg mach dumm, dick und faul!» Beispiele gefällig? Portugal steht als Gruppensieger fest, verliert mit Nonchalance gegen ein Schweizer Rumpfteam und kann dann gegen Deutschland den Schalter nicht mehr umkippen.

Kroatien steht als Gruppensieger fest, kugelt mit den Reservespielern locker die Polen aus und strauchelt gegen die Terim-Anarchos in der Nachspielzeit der Verlängerung.

Oder die Holländer: Sie spazieren durch die schwierigste Gruppe wie derweil Moses durch das Rote Meer. Die ganze Schweiz schwärmt von der orangen Party. Und kaum begegnen die Flachländer ein paar jungen, wilden Russen, ist ihre Lockerheit dahin und der Traum vom ersten Titel seit 1988 ist futsch.

Was lernen wir daraus? Am besten sind die Mannschaften, die schon zu Beginn des Turniers das Messer am Hals haben. Ein Ausrutscher in der Gruppenphase weckt den Widerstandsgeist eines Teams. Ein Trainer kann die Stars nicht im dritten Spiel zur Schonung auf die Bank setzen und meinen, sie seien nachher im Viertelfinal erholt und wach zugleich.
Vermeintliche Verlierer wie Rotsünder Schweini oder Türkengoalie Rüstü, deren Spielverständnis eindeutig besser ist, als ihr Frisurengeschmack, sind auf bestem Weg, zu Helden dieser EURO zu avancieren.

Noch bleiben drei Spiele, dann wissen wir mehr. Nur eines wissen wir jetzt schon: Wer zu früh kommt, den bestraft der Turnierverlauf.

22. Juni: Die neue Hymne der Türken

Wir kennen zwei liebenswerte, junge Aargauer, der eine aus Möhlin (Ivan Rakitic), der andere aus Spreitenbach (Mladen Petric). Beide liessen am Freitagabend im Ernst-Happel-Stadion ganz kurz die Strellerzunge kreisen, bevor sie ihre jeweiligen Penaltys versiebten. Kroatien weinte und die Türkei war im Halbfinal. Inzwischen vernehmen wir aus gut informierten Quellen, der türkische Präsident Erdogan erwäge schon, das Aargauerlied zur neuen Nationalhymne zu erklären. Besonders angetan sei er von der ersten Zeile, wo es heisst: «Im Aargau sind zwoi Liebi.»

Gestern feierte der UEFA-Präsident Michel Platini seinen Geburtstag. Monsieur le Président wurde 53. Und weil für ihn 53 offenbar eine schön runde Zahl ist, beschloss Platini kurzerhand, an seinem privaten Festtag sämtliche Termine abzusagen. Er kann ja nichts dafür, dass er ausgerechnet am wichtigsten Anlass jenes Verbandes, von dem er zufällig Präsi ist, einen Geburtstag zu feiern hat. Wir wissen nicht genau, was so ein UEFA-Präsident an einem Turniertag für Termine einzuhalten hat. Aber wir müssen davon ausgehen, dass gestern die eine oder andere wichtige Hand ungeschüttelt blieb.

Heute Abend stehen sich Spanien und Italien gegenüber. Es sei schon 88 Jahre her, seit die Spanier letztmals in einem offiziellen Spiel Italien geschlagen hätten. Einmal müsse der Azzuri-Dusel ein Ende haben, befand der spanische Trainer Luis Aragonés an einer Pressekonferenz. Es wäre dem alten Luis zu gönnen, wenn er Recht behielte.

Wer allerdings die Gesetzmässigkeiten des Fussballs ein bisschen kennt, weiss, dass Italien einmal mehr gewinnen wird. Der Fussball der Squadra Azzura gleicht nämlich einem Wahlkampf von Silvio Berlusconi: Aufgeblasen, ziemlich hässlich anzuschauen, aber am Ende meist erfolgreich.

21. Juni: Ein Spieler muss zwei Dinge können

Erinnern Sie sich noch an den Ballack-Schubser vom ersten Viertelfinal? Erst hat Ballack den Gegner weggestossen und dann sauber eingeköpfelt. So machten es in unserer Kindheit die krassesten Jungs auf dem Schulhof. Und wer sich wehren wollte, kriegte gleich eins an die Rübe.

Unsere ehemaliger Spitzen-Ref Urs Meier (der Mann mit der Mèche) hätte so etwas bestimmt nicht toleriert. Auf Schubser gegen Portugal war der Meier Urs allergisch. Deswegen hat er den Engländern vor vier Jahren ein ähnliches Tor aberkannt, worauf in der englischen Presse eine recht heftige Hetzkampagne gegen ihn losging.

Jeder Schiri hat eben seine eigene Toleranzgrenze. Und der elegante Schwede mit dem silbergrauen Haupthaar dachte sich wohl am Donnerstag: Ein klein wenig wegschieben, das kenne ich vom Eishockey, das liegt noch absolut im Rahmen. Blöd nur für die Portugiesen, dass sie mit Eishockey eher wenig Erfahrung haben.
Von der Zigarette, die sich Jogi Löw kurz vor Spielschluss in der VIP-Loge ansteckte, weil er glaubte, wir TV-Zuschauer sähen es nicht, wollen wir lieber gar nicht anfangen. Dazu nur soviel: Grosse Trainer wie Happel oder Menotti haben sich zum Rauchen nicht versteckt. Jogi, steh zu deinen Schwächen!

Heute Abend erwartet uns also die Offensiv-Party Holland gegen Holland. Pardon, ich meinte holländische Spielweise gegen holländische Spielweise. Denn selbst wenn es sich bei den Spielern in Rot um Russen handelt, beherzigen sie die Holländer-Philosophie des «Voetbal total». Die unvergessliche Fussballikone Johan Cruyff hat die niederländische Lehre einmal so erklärt: «Ein Fussballer muss bloss zwei Dinge können: Den Ball sofort annehmen und den Ball sofort abspielen.» (Und ein bisschen schubsen.)

20. Juni: Von Zwergen, Patienten und Rock'n'Roll

Manche Sportfunktionäre sind wie Gartenzwerge: Sie wirken oft deplaziert und niemand weiss genau, wozu es sie braucht. Wenn Funktionäre nicht gerade an Empfängen rumlümmeln oder Logenplätze belegen, geben sie manchmal schlaue Interviews. So wie der FIFA-Präsident Blatter, der diese Woche einer welschen Zeitung gesagt hat, Köbi Kuhn hätte schon längst zurücktreten müssen.

Wir wollen hier nicht beurteilen, ob Kuhns Rücktritt zu früh oder zu spät erfolgt ist. Mit Sicherheit wissen wir nur, dass Sepp Blatter immerhin stolze 72 Jahre alt ist, und dass es nicht so aussieht, als habe er die Absicht, in den nächsten 30 Jahren zurückzutreten.

Auch von der Spitze des Schweizerischen Fussballverbandes hat man noch keine Rücktrittsabsichten vernommen. Dabei ist Ralph Zloczower volle 75 Jahre alt (und Ernst Lämmli geschätzte 95). Wir dürfen vermuten, dass die beiden Altherren unserem Verband noch lange erhalten bleiben.
Wesentlich attraktiver als jeder Gedanke an besagte Sesselkleber ist natürlich die Aussicht auf den heutigen Viertelfinal in Wien. Kroatien gegen die Türkei, das ist Leidenschaft gegen Leidenschaft, das ist Bilic gegen Terim, das ist RocknRoll gegen Feuertanz. Wir dürfen uns auf ein Spektakel freuen. Möge der Heissblütigere gewinnen!

Von zwei Stars, die leider schon vorzeitig abreisen mussten, sei hier auch noch die Rede: Was haben Alex Frei und Franck Ribéry neben ihrer jeweiligen Klasse gemeinsam? Beide wurden gestern erfolgreich operiert. Freis Knie kam in Biel unters Messer, Ribérys Fuss in München. Drücken wir den beiden Sympathieträgern die Daumen, auf dass sie noch lang gegeneinander spielen können. Für eine allfällige Funktionärskarriere bleibt danach noch zirka 100 Jahre Zeit.

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