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Gestern hob Kuhn (63) mit seinem Team zum neuntägigen Trainings-Camp in die USA mit den Spielen gegen Jamaika (Donnerstag) und Kolumbien (Sonntag) ab. Es ist 15 Monate vor der EM in der Schweiz und in Österreich die Reise der Wahrheit. Der Aufenthalt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten steht unter dem Zeichen Neuanfang.
Kein leichtes Unterfangen für Köbi Kuhn! Vor allem, weil sogar dessen Vorgesetzter Ernst Lämmli (68) dem Coach in den Rücken fällt. Nach Bekanntgabe des Vogel-Rauswurfs distanzierte sich der Nati-Delegierte von der Entscheidung Kuhns (im BLICK).
Siegenthaler: «Ich gebe Köbi zu tausend Prozent Recht bei seiner Entscheidung. Aber wenn einer in Aarau diese Entscheidung schon kurz darauf anzweifelt, läuft etwas nicht gut.»
Einer in Aarau – gemeint ist Lämmli. Der Nati-Delegierte steht auch bezüglich Kuhns Wunsch nach einem Team-Manager auf die Bremse. Bis Lämmli Konzept, Anforderungs-profil, Aufgabenkatalog und Kompetenzen festgelegt hat, ist wohl sogar die EM 2028 schon Geschichte...
Dafür hat Siegenthaler kein Verständnis. Deutschlands Chef-Scout zu BLICK: «Als Jürgen Klinsmann im Juli 2004 das Amt des Bundestrainers übernahm, wusste er genau, was er will und wen er will. Er machte sofort deutlich: So muss es laufen, sonst mache ich den Job nicht.»
Mittlerweile weiss auch Kuhn wieder genau, was er will. Doch die Fussball-Bosse bremsen ihn. Klinsmann hingegen setzte sich im Deutschen Fussball-Bund (DFB) durch, obwohl seine Ideen revolutionär waren. Siegenthaler: «So einen wie Klinsi gönne ich dem Schweizer Verband nicht. Denn der hat radikal aufgeräumt!»
Klinsmann holte Oliver Bierhoff als Team-Manger ins Boot. Siegenthaler: «Ein junger Mann mit vielen
Ideen und Elan. So einer denkt halt schon anders als ein 74-Jähriger!»
So einen möchte auch Kuhn. Er weiss auch schon wen: den 39-jährigen Ex-Captain Jörg Stiel. Aber wie gesagt: Im «Haus des Fussballs» wiehert der Amtsschimmel...
Erfolg kann eine Mannschaft laut Siegenthaler nur haben, wenn zwei Komponenten erfüllt sind: eine klare Strategie und eine grosse Wertschätzung innerhalb des Teams, des Staffs und des Verbandes.
Deutschlands Chef-Scout führt ein Beispiel an: Nach dem 1:4-Debakel in Florenz gegen Italien musste er sämtliche Trainings der Deutschen filmen. In der Abgeschiedenheit des Schwarzwaldes wurde analysiert und ein genauer Weg ausgearbeitet. Jeder Spieler wusste genau, was und wie er trainieren musste. An der erstellten Analyse konnten sich Löw und Klinsmann orientieren.
Ordnung und Einigkeit – das waren in dieser Zeit wichtige Begriffe im DFB.
Ordnung und Einigkeit – das sind derzeit Fremd-wörter im SFV. Kommuni-kation ebenfalls!
Auch Klinsmann hatte vor der WM mit Kevin Kuranyi einen wichtigen Spieler ausgebootet. Siegenthaler: «Kuranyi fühlte sich ungerecht behandelt. Ich konnte zusammen mit Klinsi genaue Zahlen liefern. Im genannten Spiel hatte der Stürmer genau fünf Ballkontakte. Kuranyi war baff und akzeptierte die Entscheidung.»
Kuhn hingegen musste seinen Entscheid, sich von Vogel zu trennen, ohne Unterstützung umsetzen. Kriegt er seine Nati jetzt in Miami wieder in den Griff? Ohne Team-Manager? Ohne die bedingungslose Unterstützung durch seine Vorgesetzten?
Für unseren Natitrainer hat gestern die Reise der Wahrheit begonnen.
Spycher (l.) und Lichtsteiner (vorne rechts) gestern vor dem Abflug. Gehts mit der Nati in den USA wieder aufwärts?- Toto Marti