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Es ist 17 Uhr in der Wüste. Die Profi-Mannschaft von Al Wasl beginnt in Dubai zu trainieren. Vier Trainer haben Übungen aufgebaut, die Fussballer spielen fünf gegen zwei. Nur von Chef-Trainer Diego Maradona (51) fehlt jede Spur.
Auch als die Assistenten des argentinischen Superstars bereits mit der Übungseinheit begonnen haben, ist die legendäre Nummer 10 nicht zu sehen. Neben uns steht Sandor Egervari. Er ist der ungarische Nationaltrainer: «Ich habe ein paar Tage frei und die Gelegenheit genutzt, um nach Dubai zu kommen», sagt er. «Auch, um Maradona zu sehen. Er war für mich der grösste Fussballer aller Zeiten.»
Inzwischen bricht die Dämmerung über die Wüstenmetropole herein. Am anderen Ende der Sportanlage tauchen die Umrisse einer Delegation auf. Da ist er, Diego! Zwei Bodyguards und ein Dolmetscher weichen nicht von seiner Seite, auch nicht auf dem Klubgelände. Doch als der grösste Fussballer aller Zeiten näherkommt, friert Egervari das Lächeln im Gesicht ein.
Keine Spässe mehr
Gross ist bei Maradona nur noch der Bauch. Das Trainingsshirt ist in Grösse XXL und reicht dem 1,65 m kurzen Argentinier fast bis zu den Knien. Der Gang ist wackelig, und zwischen den Lippen qualmt eine fast noch jungfräuliche Zigarre.
Egervari ist entsetzt. Und als er sieht, dass sich Maradona an der Seitenlinie erst einmal auf eine Plastikkiste setzt, um seine Zigarre zu geniessen, ist er sprachlos. Egervari betrachtet das Schauspiel einige Minuten lang und findet dann die Sprache wieder – um sich zu verabschieden. Die Lust auf ein Foto mit dem Superstar ist ihm vergangen, und auch die Trainingseinheit interessiert ihn nicht mehr.
Was der Ungare verpasst, ist die andere Seite des Diego Armando Maradona. Kurze Zeit später steht er in der Platzmitte, lacht mit seinen Spielern und bringt in einer Übungsform zum schnellen Umschalten immer wieder neue Bälle ins Spiel. Er ist dabei immer noch so präzise wie früher. Wo andere Menschen Füsse haben, scheint er Hände zu haben. Erklärt dies vielleicht auch den watschelnden Gang?
Nach dem Training verteilt er Autogramme. Später kommt es dann zur Audienz. Offen berichtet er über sein neues Leben im Emirat Dubai. «Es sind zwar bislang nur sechs Monate, aber dennoch ist viel passiert», beginnt er sein Fazit und spricht dann über Privates: «Meine Mutter starb Ende November. Ich habe seit dem Sommer, als es ihr immer schlechter ging, täglich für sie gebetet und mir nichts sehnlicher gewünscht, als dass sie wieder gesund und nicht sterben wird.»
Die Stimme des Dolmetschers ist in diesem Moment ebenso leise wie jene von Diego, einem von acht Kindern der Familie. Erholt hat er sich von diesem Schicksalsschlag immer noch nicht.
Drei Siege, zwei Remis und nur eine Niederlage hatte sein Al Wasl bis zu jenem Zeitpunkt eingefahren. Sein Team war in der Spitzengruppe. Der Junioren-Internationale Rashid Essa berichtet von den Trainings im Sommer: «Diego machte viele Sprüche, es war immer superlustig, und wir trainierten unter ihm viel mit dem Ball. Seine Assistenten sorgten dafür, dass wir topfit waren. Die gute Stimmung im Team war die Basis für den tollen Saisonstart.» Doch zu Spässen war Diego nach der Rückkehr von der Beerdigung nicht mehr aufgelegt. Zwei Punkte aus fünf Spielen sorgten auch nicht gerade für Aufmunterung.
Stolzer Arzt
In der laufenden Saison haben bereits zwei Klubs der Liga dreimal den Trainer gewechselt, und weitere sechs Klubs haben ebenfalls mindestens einmal einen neuen Chef erhalten. War da die Gefahr, dass auch Diego Maradona sprichwörtlich in die Wüste geschickt wird? «Das glaube ich nicht, denn ich habe einen guten Status hier, und der Verein profitiert viel von mir», ist Diego von sich selbst überzeugt.
Doch die Eskapaden warfen auch ein schlechtes Licht auf den Star. Ständige Schiedsrichterschelten sind da noch innerhalb der Toleranz, aber eine beinahe handgreifliche Auseinandersetzung mit Trainerkollege Walter Zenga oder der öffentliche Vorwurf der Unhöflichkeit an den Coach von Leader Al Ain sind Dinge, die in der arabischen Welt als verpönt gelten. Die Geldstrafe von umgerechnet 2200 Franken zahlt Maradona locker, denn sein Gehalt von 3 Millionen Dollar netto plus diverser Extras geben eben doch eine gewisse Freiheit.
In der vergangenen Woche lag Diego dann plötzlich selbst auf dem Operationstisch. Mittels kurzfristig einberaumtem Eingriff wurden ihm Nierensteine entfernt. Der Arzt war mächtig stolz: «Daran werde ich mich mein Leben lang erinnern», sagte Dr. Yassir Jasem. «Wir haben ihm erklärt, wie das alles vor sich geht – und er war ein vorbildlicher Patient. Umgänglich, gefolgsam und ohne Starallüren.» Zwei Tage nach dem Eingriff liess es sich der 51-Jährige aber nicht nehmen, sofort wieder bei seinem Team auf dem Platz zu stehen.
Diego braucht Siege
Auch Patient Al Wasl ist auf dem Weg der Genesung. Zwei Siege zuletzt sorgten für deutlich weniger Druck, wobei Rang sechs zur Saisonhälfte trotzdem nur Mittelmass ist. In Dubai hat man sich mehr erwartet. Maradona sagt: «Ich habe dem Verein gesagt, dass ich keine Ausreden suche. Es war nicht einfach für mich in den letzten Wochen, aber ich liebe die Leute hier und fühle mich sehr wohl hier.»
Nur wie lange? Eines ist klar: Auch ein Fussball-Gott braucht Siege, um im Amt zu bleiben. Und um im Training weiterhin Zigarren rauchen zu dürfen.
* Lars Gansäuer ist freier Sportjournalist und als Sekretär im Vorstand des Walliser Sportjournalistenverbandes. Seit 2004 arbeitet er als Trainer im Profifussball, seit 2009 beim Nationalverband der Vereinigten Arabischen Emirate. Derzeit ist er Assistenzcoach der Olympia-Nati.
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