Das war WELTMEISTERLICH

  • Publiziert: 16.11.2005, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Mario Casanova

ISTANBUL – 1:0 geführt und doch noch gezittert! Doch die Schweiz fährt trotz einem 2:4 im Türkei-Hexenkessel zur Fussball-WM 2006. Phänomenal, fantastisch, weltmeisterlich!

Es war die erste Niederlage der Schweiz nach 14 Spielen und dem 1:3 bei der EM 2004 gegen Frankreich. Egal. Die Schweiz ist für die Endrunde qualifiziert. Und freut sich auf den 9. Dezember. Dann findet in Leipzig die Gruppenauslosung statt. Die Schweiz ist zum 7. Mal an einer WM dabei, erstmals nach 12 Jahren wieder (USA, out mit 0:3 gegen Spanien im Achtelfinal).

Ein gellendes Pfeifkonzert empfing die Schweizer Kicker bereits, als sie rund zwei Stunden vor dem Match das Sükrü-Sraçoglu-Stadion besichtigten. Noch lauter dröhnten die Pfiffe der 52000 Fans beim Abspielen der Schweizer Hymne – die (erwartete) Retourkutsche für Bern.

Überraschung in der Aufstellung: Köbi Kuhn wählte die «Defensiv-Variante» mit nur einer Sturmspitze (Alex Frei). Daniel Gygax blieb als hängende Spitze im Team (Streller sass nur auf der Bank), Christoph Spycher ersetzte den gesperrten Ludovic Magnin («Bei der Anfahrt wurden einige Eier gegen unseren Bus geworfen») und Raphaël Wicky kehrte nach seiner Sperre zurück.

Türkei-Coach Fatih Termin wechselte dagegen gleich auf sechs Positionen – fünf Offensiv-Künstler standen in der Startformation! Mehr ein Akt der Verzweiflung denn ein Vertrauensbeweis an seine Spieler. Und nach dem WM-Out muss sich Terim darauf vorbereiten, dass er als dritter Naticoach innerhalb von 18 Monaten gefeuert wird.

Das WM-Ticket schien praktisch schon nach 31 Sekunden (!) gebucht zu sein: Alpay-Hands im Strafraum – der belgische Ref Frank De Bleeckere (39) zeigte auf den Penaltypunkt. Alex Frei zielte flach in die linke Ecke. Das 0:1, sein 23. Tor im 42. Länderspiel! Im Stadion herrschte schon nach zwei Minuten totale Konsternation.

Dass der Frust auf dem Rasen nicht zu heftig ausfiel, dafür sorgte der Ref, als er schon früh wegen relativ harmlosen Fouls die gelbe Karte zückte: Gegen Philippe Degen (9. Foul an Tuncay), Selecuk (12. Foul an Barnetta) und Emre (21., Nachschlagen gegen Cabanas). Am Ende waren es 9 Verwarnungen!

Klar war, dass die Türken jetzt zum totalen Sturmlauf ansetzten. Zubi warf sich mutig Sükür in die Beine (17.). Zwei Minuten später reklamierten die Gastgeber Hands-Penalty (Müller), Dutzende von Gegenständen flogen in den Schweizer Strafraum. Ungeahndet.

Klar war auch, dass die Schweizer Raum für Konter bekamen: Mit dem Aussenrist zielte etwa Gygax, der nach 33 Minuten mit einer Schulterverletzung durch Streller ersetzt werden musste, nur knapp am langen Posten vorbei (23.).

Im Gegenzug der erste Dämpfer für die Schweiz. Freistoss von links, Tuncay am langen Pfosten wurde von Barnetta vergessen und erzielte mit dem Kopf aus 5 Metern sein 7. Länderspieltor zum 1:1 in der 24. Minute.

Jetzt bebte das Sükrü-Sraçoglu-Stadion wieder. Den Türken fehlten ja «nur» noch drei Tore zum WM-Ticket. In der 38. Minute waren es nur noch zwei!

Wieder eine Flanke von links, wieder Tuncay am langen Pfosten (diesmal erfolglos von Spycher gestört), wieder hatten die Schweizer Innenverteidiger (Senderos) ihre in Bern beim 2:0 noch demonstrierte Lufthohheit vermissen lassen, wieder ein Kopftor aus 4 Metern.

Kein Schweizer war unglücklich, dass der Schiri nach viereinhalb Nachspielminuten beim Stand von «nur» 2:1 für die Türkei zur Pause pfiff...

In der zweiten Halbzeit ging das grosse Zittern los! Valon Behrami, der 2:0-Schütze von Bern, ersetzte den gelb-belasteten Philippe Degen. Die Türken drückten und drückten und erhielten in der 52. Minute einen Penalty geschenkt, der noch zu reden geben wird: Hatte Marco Streller Serhat Akin getroffen oder nicht? Jedenfalls sah der VfB-Söldner Gelb und Ates Necati verwandelte zum 3:1.

Jetzt fehlte den Türken nur noch ein Tor. Die Köbi-Boys suchten endlich auch das zweite Tore. Und Alex Frei hätte für eine ruhigere letzte halbe Stunde sorgen können, wenn er nach gut einer Stunde einen tollen Querpass Barnettas aus 10 Metern freistehend nicht übers Tor geschossen hätte (Erinnerung an Dublin wurden wach, als Frei den Matchball fürs WM-Ticket gegen Irland vergeben hatte!). Auch Wicky mit einer Direktabnahme (67.) und Streller nach einem unmotivierten Volkan-Ausflug (78.) hatten das zweite Schweizer Tor auf dem Fuss.

Hitziger und giftiger hätte die Schlussphase nicht sein können. Der Türkei nützte auch nichts mehr, dass Caoch Fatih Termin Joker Tümer (er hatte in der WM-Qualifikation die Siegtreffer gegen die Ukraine und Albanien erzielt) brachte.

Im Gegenteil: In der 84. Minute umspielte Marco Streller nach einem Konter Goalie Volkan und erzielte in seinem 7. Länderspiel endlich sein erstes Tor, wurde zwei Minuten durch den defensiven Huggel ersetzt. Es war das goldene Tor zur Sicherung des WM-Tickets.

Denn das Zittern ging nochmals los und die Türken schöpften Hoffnung: Tuncay, wieder er, wieder mit einem Kopfball auf 6 Metern, gelang noch das 4:2. Doch 2:0 und 2:4 = 4:4 – die Auswärtstorregel brachte die Schweiz nach Deutschland.

Sükrü Saraçoglu, Istanbul. - 42000 Zuschauer. - SR De Bleeckere (Be).
Tore: 2. Frei (Handspenalty) 0:1. 24. Tuncay 1:1. 38. Tuncay 2:1. 52. Necati (Foulpenalty) 3:1. 84. Streller 3:2. 89. Tuncay 4:2.
Türkei: Volkan; Hamit Altintop, Tolga, Alpay, Ergün; Selçuk; Serhat (70. Tümer), Emre (82. Bastürk), Tuncay; Necati (80. Fatih Tekke), Hakan Sükür.
Schweiz: Zuberbühler; Philipp Degen (46. Behrami), Müller, Senderos, Spycher; Vogel; Barnetta, Cabanas, Wicky; Gygax (33. Streller/87. Huggel); Frei.
Bemerkungen: Türkei ohne Akin, Schweiz ohne Magnin (gesperrt), Jakupovic und Lonfat (Tribüne). Gygax verletzt ausgeschieden. Verwarnungen: 9. Degen (Foul), 11. Selçuk (Foul), 21. Emre (Unsportlichkeit), 44. Tolga (Foul), 51. Streller (Foul), 63. Zuberbühler (Spielverzögerung), 66. Ergün (Foul), 67. Behrami (Foul), 73. Tümer (Foul).

Die 32 Teilnehmer der WM 2006

Europa: Deutschland, Ukraine, Niederlande, Polen, England, Kroatien, Italien, Portugal, Schweden, Serbien-Montenegro, Frankreich, Schweiz, Tschechien, Spanien

Afrika: Angola, Elfenbeinküste, Togo, Ghana, Tunesien

Asien: Japan, Iran, Südkorea, Saudiarabien

Südamerika: Argentinien, Brasilien, Ecuador, Paraguay

Nord- und Mittelamerika: USA, Mexiko, Costa Rica, Trinidad und Tobago

Ozeanien: Australien

Stimmen zum Spiel

Türkei-Coach Fatih Terim: «Ich entschuldige mich beim ganzen türkischen Volk, dass wir die WM-Qualifikation nicht geschafft haben. Aber wir haben nicht auf dem Rasen verloren, sondern in beiden Barrage-Spielen war der Schiedsrichter ein Schweizer. Und den Schweizer Journalisten gratuliere ich für ihre grossartige Berichterstattung.»

Tranquillo Barnetta: «Ich und auch andere sind den Tränen nahe. Zwei Jahre haben wir dafür geschuftet. Ich kann mein Glück noch gar nicht in Worte fassen.»

Valon Behrami: «Das war eine richtige Schlacht und wir mussten lange zittern, bis die Qualifikation feststand. Doch für mich ist es weniger ein Traum, der in Erfüllung ging, sondern ein Ziel, dass wir erreicht haben.»

Köbi Kuhn: «In der ersten Halbzeit standen wir zu weit vom Gegner weg. Nach der Pause hatten wir genügend Chancen, um so ins Zittern geraten zu müssen. Pech war, dass sich Dani Gygax früh verletzt hat. Es tat weh, ihn auswechseln zu müssen. Sein Pech war am Ende das Glück für seinen Ersatz Marco Streller, der das 2:3 erzielen konnte. Wir sind in den letzten zwei Jahren stil- und selbstsicherer geworden. Das gibt Hoffnung. Wir müssen jetzt die Auslosung abwarten und dann Freundschaftsspiele abmachen, in denen wir richtig gefordert werden.»

Marco Streller: «Es ist einfach nur geil. Ich war mir auch nach dem vierten Gegentor sicher, dass wir es schaffen. Der Trainer hat wieder alles richtig gemacht. Was nachher passiert ist, ist ein Skandal. Jeder musste um sein eigenes Leben rennen. Ordner und türkische Spieler sind auf uns los gegangen. Einer hat sogar gegen den Kopf von Beni Huggel getreten. Ich weiss wer es war, und ich werde gegen ihn in der Bundesliga spielen. Er wird es spüren.»

Fans reisten ohne Probleme

ISTANBUL – Die wenigen hundert Schweizer Fans, die den Mut hatten, nach Istanbul zu reisen, wurden am Zoll nicht so wie Mannschaft am Montag schikaniert. Nach der problemlosen Passkontrolle konnten die Schweizer («In der Stadt wars extrem laut, aber friedlich») auch ungehindert in den Stadion-Sektor geführt werden. Anders die Journalisten: Ihr Bus wurde mit Eiern und Tomaten beworfen, erst im dritten Anlauf gelang der Zufahrt zum Stadion.