Mittwoch, 12. November
Als grosser Box-Fan freue ich mich ausserordentlich, dass am 20. Dezember Nikolai Valuev und Evander Holyfield in Zürich um den WM-Titel der WBA kämpfen. Ich stelle mir aber die Frage, was dieser Kampf sportlich wert ist. Und wie viele WM-Titel es gibt?
Fatima Manan, ZürichAntwort von Thomas Renggli: Eine berechtigte Frage. Denn in praktisch keiner anderen Sparte sind die Grenzen zwischen trivialer Unterhaltung, Voyeurismus, Glamour und Sport derart diffus wie im Boxring. Dass letzterer ein Viereck ist, macht das Dilemma der Branche auch irgendwie deutlich.
So gestalteten sich die Recherchen zu diesem Thema schwieriger als erwartet. Mike Tyson reagierte auf die Frage verbissen und liess ausrichten, er sage nichts ohne seinen Anwalt. Wladimir Klitschko ging in Deckung und nahm das Telefon nicht ab. Und Henry Maske verwies auf seinen Exklusivvertrag mit RTL. Auch in der helvetischen Szene war keine verbindliche Aussage zu erhalten. Valuev schliesslich spricht morgen exklusiv im BLICK.
Jetzt aber zurück zu den Fakten: Früher existierten bei den Profis bloss zehn Gewichtsklassen. Heute gibt es 26 – in mindestens vier Verbänden (IBF, WBA, WBC, WBO). Die kleinste Klasse (bis 47,627 kg) heisst beispielsweise bei IBF und WBO Minifliegengewicht, bei der WBC Strohgewicht und bei der WBA Minimumgewicht.
Das Superweltergewicht (WBA/WBC) ist identisch mit dem Juniormittelgewicht (WBO/IBF) und hat eine Obergrenze von 69,85 kg. Das Superfedergewicht (WBA/WBC) bzw. Juniorleichtgewicht (WBO/IBF) endet bei 58,967 kg. Leichter verständlich wird es erst bei den grossen Kerlen. Die Schwergewichtsklasse beginnt in allen Verbänden bei 90,892 kg und ist nach oben offen (die Superschwer-Kategorie ist Beiwerk).
In sämtlichen Verbänden finden sich auch Gewichtsklassen mit sehr eigentümlichen Namen – beispielsweise das Bantam- und das Welter-Gewicht.
Der Ausdruck Bantam bezieht sich auf das sogenannte Bantam-Huhn, eine alten Zwerghuhn-Rasse aus Java, die zum Hahnenkampf benutzt wird. Dieses Federvieh beeindruckte die Faustfechter dermassen, dass sie die Kategorie bis 53,525 kg (oder 118 Pfund) nach ihm benannten. Die Bantam-Klasse existiert auch in weiteren Sportarten, allerdings ist sie dort anderes definiert. Im Gewichtheben umfasst sie den Bereich bis 56 kg, im Ringen bis 57 kg und im Taekwondo bis 56 kg.
Auch Weltergewicht ist nicht gleich Weltergewicht. Im Boxen liegt seine Obergrenze bei 66,678 kg (147 Pfund), im Ringen bei 74 kg, im Taekwondo bei 76 kg. Zum Ursprung des Wortes gibt es keine verbindliche Erklärung. Plausibel scheint die sprachliche Ableitung: Welter bedeutet auf Englisch nämlich Woge oder Tumult.
Der langen Rede kurzer Sinn: Valuev und Holyfield kämpfen am 20. Dezember in Zürich zwar um einen WM-Gürtel. Doch Exklusivität ist ihnen damit nicht garantiert. Denn die Szene des Profi-Boxens ist mittlerweile so unübersichtlich geworden, dass praktisch für alle Faustkämpfer dieser Welt ein WM-Titel ausgesetzt ist – selbst wenn sie sich (wie der 46-jährige Holyfield) bereits im Pensionsalter für Berufssportler befinden.