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Fragen Sie BLICK-Renggli: Kalenderwoche 43

  • Aktualisiert am 03.01.2012

ZÜRICH - Sport-Experte und BLICK-Reporter Thomas Renggli beantwortet Ihre Fragen zu jedem sportlichen Thema!

Dienstag, 21.10.08

Ronny Siev, Zürich: Müssten dem HC Lugano die Titel, die er mit einem Schwarzgeldkonto errungen hat, nicht aberkannt werden? Die Verantwortlichen Kaufmann und Gaggini gaben ja vor Gericht zu, dass sie sonst keine Chance gehabt hätten um den Titel mitzuspielen.

Antwort von Thomas Renggli: Eine berechtigte Frage – auch wenn die Aussage von Kaufmann und Gaggini wohl nicht ganz ernst zu nehmen ist. Denn schliesslich kommt das Geld in Lugano von einem der reichsten Schweizer (Geo Mantegazza), der ein Vermögen von mehreren Milliarden besitzt und sowohl die Steuerschulden wie auch den Betrieb des HC Lugano aus der Portokasse bezahlen könnte.

Reto Steinmann, Einzelrichter der Nationalliga, wird das Verfahren gegen den HC Lugano aber wieder eröffnen – allerdings erst wenn das zivilrechtliche Urteil gegen Gaggini und Kaufmann rechtskräftig ist (was frühestens in zwei Wochen der Fall ist). Er nimmt zwar dazu offiziell keine Stellung, doch ich glaube kaum, dass er den Klub auf sportlichem Weg zur Rechenschaft ziehen kann. Schliesslich haben Gaggini und Kaufmann alle Schuld auf sich genommen und behaupten, in eigener Kompetenz gehandelt zu haben.

Ausserdem muss man die Sache in einem grösseren Zusammenhang sehen. Denn hört man sich in der Szene um, ist der Fall Lugano nur die Spitze des Eisberges. Greifen rührige Präsidenten in der Garderobe nach einem Sieg zum Portemonnaie und zahlen ihrem Personal eine Spontanprämie aus, wird die Steuerbehörde kaum davon in Kenntnis gesetzt. Auch sonst gehörten Handgeldzahlungen unter dem Tisch zu den üblichen Umgangsformen.

Zudem hätte eine Aberkennung der Titel wohl einen zivilrechtlichen Rattenschwanz zur Folge, der die gesamte Szene in ein heilloses Chaos stürzen würde. Das würde vermutlich auch geschehen, wenn Lugano nachträglich mit Punkteabzügen für die kommende Saison sanktioniert würde.

Ich gehe also davon aus, dass der Klub mit einer Geldstrafe davonkommt. Und um die zu begleichen, ist in der Resega bestimmt irgendwo eine Kasse vorhanden.

Mittwoch, 22.10.08

Marco Bruno, Basel: Warum wird noch immer über eine Modusänderung im Schweizer Profifussball diskutiert? Seit der Einführung der 10er-Liga ist das Niveau (und vor allem: das Zuschauerinteresse!) doch so hoch wie noch nie.

Antwort von Thomas Renggli: Ob das Niveau im Schweizer Fussball wirklich so hoch ist wie noch nie, wage ich zu bezweifeln. Es ist zwar schwierig, Mannschaften (oder Meisterschaften) verschiedener Epochen zu vergleichen, aber gerade was den FC Basel betrifft, war die Equipe in der denkwürdigen Champions-League-Saison 2002/2003 zweifellos besser besetzt als momentan.

Und sowohl die diesjährigen Leistungen der Schweizer Klubs im Uefa-Cup wie die (fehlende) Ausgeglichenheit der Meisterschaft deuten eher auf eine Nivellierung gegen unten hin. Denn weder die Aufsteiger Vaduz und Bellinzona noch die anderen Sorgenkinder (Luzern, Xamax) tragen zu einer entscheidenden Wertsteigerung bei. So gesehen, spricht sportlich nichts für eine Aufstockung – und auf die würde eine Modusänderung wohl hinzielen.

Eine Warnung müsste zudem die Eishockeymeisterschaft sein. Denn seit die mit zwölf Teams ausgetragen wird (und der Qualifikationsmarathon auf 50 Partien pro Klub ausgedehnt wurde) lautet die Devise: Quantität vor Qualität.

Doch genau da sind wir wohl am springenden Punkt. Wird nämlich im Fussball über eine Rückkehr zum 12-er Format gesprochen, geht es vor allem darum sicherzustellen, dass eine gewisse geographische Ausgeglichenheit gewahrt ist und Publikumsmagneten wie St. Gallen oder Luzern der Liga dauerhaft erhalten bleiben. Dieser Gedanke ist zwar nachvollziehbar, doch wer in dieser Saison schon Spiele der B-Klasse gesehen hat, kommt nur zu einem Schluss: Zur Niveausteigerung des Schweizer Spitzenfussballs hat die Dosenbach-Liga nicht viel beizutragen.

Sonntag, 26.20.08

Charlotte Salzmann, Zürich-Schwammendingen:
Herr Renggli, ab wann ist ein Sport ein Sport – bzw. können beispielsweise Jassen oder Schach als Sportarten bezeichnet werden?


Antwort von Thomas Renggli: ... eine fast schon philosophische Frage zum Wochenausklang. Im historischen Kontext ist die Definition einer (olympischen) Sportart relativ einfach. An den Spielen der Antike wurden nämlich nur Wettkämpfe im antiken Fünfkampf (Pentathlon) ausgetragen – bestehend aus den Disziplinen Speerwerfen, Diskuswerfen, Weitspringen, Laufen und Ringen. Die ersten vier Sparten galten dabei sozusagen als Qualifikation. Der (einzige) Olympiasieger wurde am Schluss in einem Ringkampf – Mann gegen Mann – ermittelt.

Im 21. Jahrhundert ist die Sportwelt weniger übersichtlich – und Ihre Frage deshalb mehr als berechtigt. Was das Jassen betriff, wäre es aus patriotischer Sicht höchst erfreulich, wenn man mit „Ja“ antworten könnte. Denn das Kartenspiel gehört zu den wenigen Disziplinen, in denen die Schweiz vermutlich immer den Weltmeister stellen würde. Eine vergleichbare Vormachtstellungen können wir nur im Schwingen, Hornussen sowie dem Unspunnenstein-Stossen für uns beanspruchen.

Leider fällt die Antwort auf Ihre Frage aber negativ aus. Zwar gibt es beispielsweise den Eidgenössischen Differenzler-Jassverband, Schweizer Meisterschaften nach fast allen Versionen und auch mehr Jasskönige als Box-Weltmeister. Ausserdem soll es nach besonders erbitterten Duellen (ähnlich wie bei Fussball- und Eishockeyspielen) auch zu nonverbalen Auseinandersetzungen gekommen sein. Dennoch entspricht das Schweizer Nationalspiel den Ansprüchen an eine sportliche Betätigung nicht.

Jürg Randegger, bis 2000 während 27 Jahren Moderator der «Samschtig-Jass»-Sendung im Schweizer Fernsehen und damit höchste Instanz in dieser Angelegenheit, bestätigt das zum grössten Teil: «Nimmt man die körperliche Anstrengung zum Massstab, ist Jassen kein Sport. Schliesslich bewegt man sich nur beim Mischen oder beim Platzwechsel. Man kann Jassen aber als Denksport bezeichnen.«

Wie Sie richtig bemerken, wird eine ähnliche Diskussion in Schachkreisen geführt. Noch vor 50 Jahren hätten selbst Schachmeister ihr Spiel der Kunst oder der Wissenschaft zugeordnet. Mit dem Aufstieg der sowjetischen Schachschule und der Entwicklung neuer Trainings- und Vorbereitungs-Methoden wurde aber auch der physischen Komponente zusehends mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Seit den frühen Sechzigerjahren gehört ein umfangreiches sportliches Training zur Vorbereitung der Spitzenspieler.

Im Jassen kann davon allerdings keine Rede sein. Denn an den Stammtischen nimmt man in der Regel eher Kalorien auf, als dass man welche verbrennen würde.

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