Sonntag, 26.20.08
Charlotte Salzmann, Zürich-Schwammendingen:
Herr Renggli, ab wann ist ein Sport ein Sport – bzw. können beispielsweise Jassen oder Schach als Sportarten bezeichnet werden?Antwort von Thomas Renggli: ... eine fast schon philosophische Frage zum Wochenausklang. Im historischen Kontext ist die Definition einer (olympischen) Sportart relativ einfach. An den Spielen der Antike wurden nämlich nur Wettkämpfe im antiken Fünfkampf (Pentathlon) ausgetragen – bestehend aus den Disziplinen Speerwerfen, Diskuswerfen, Weitspringen, Laufen und Ringen. Die ersten vier Sparten galten dabei sozusagen als Qualifikation. Der (einzige) Olympiasieger wurde am Schluss in einem Ringkampf – Mann gegen Mann – ermittelt.
Im 21. Jahrhundert ist die Sportwelt weniger übersichtlich – und Ihre Frage deshalb mehr als berechtigt. Was das Jassen betriff, wäre es aus patriotischer Sicht höchst erfreulich, wenn man mit „Ja“ antworten könnte. Denn das Kartenspiel gehört zu den wenigen Disziplinen, in denen die Schweiz vermutlich immer den Weltmeister stellen würde. Eine vergleichbare Vormachtstellungen können wir nur im Schwingen, Hornussen sowie dem Unspunnenstein-Stossen für uns beanspruchen.
Leider fällt die Antwort auf Ihre Frage aber negativ aus. Zwar gibt es beispielsweise den Eidgenössischen Differenzler-Jassverband, Schweizer Meisterschaften nach fast allen Versionen und auch mehr Jasskönige als Box-Weltmeister. Ausserdem soll es nach besonders erbitterten Duellen (ähnlich wie bei Fussball- und Eishockeyspielen) auch zu nonverbalen Auseinandersetzungen gekommen sein. Dennoch entspricht das Schweizer Nationalspiel den Ansprüchen an eine sportliche Betätigung nicht.
Jürg Randegger, bis 2000 während 27 Jahren Moderator der «Samschtig-Jass»-Sendung im Schweizer Fernsehen und damit höchste Instanz in dieser Angelegenheit, bestätigt das zum grössten Teil: «Nimmt man die körperliche Anstrengung zum Massstab, ist Jassen kein Sport. Schliesslich bewegt man sich nur beim Mischen oder beim Platzwechsel. Man kann Jassen aber als Denksport bezeichnen.«
Wie Sie richtig bemerken, wird eine ähnliche Diskussion in Schachkreisen geführt. Noch vor 50 Jahren hätten selbst Schachmeister ihr Spiel der Kunst oder der Wissenschaft zugeordnet. Mit dem Aufstieg der sowjetischen Schachschule und der Entwicklung neuer Trainings- und Vorbereitungs-Methoden wurde aber auch der physischen Komponente zusehends mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Seit den frühen Sechzigerjahren gehört ein umfangreiches sportliches Training zur Vorbereitung der Spitzenspieler.
Im Jassen kann davon allerdings keine Rede sein. Denn an den Stammtischen nimmt man in der Regel eher Kalorien auf, als dass man welche verbrennen würde.