So heiss war die F1-Saison

  • Publiziert: 03.11.2009, Aktualisiert: 02.01.2012

Eine verrückte Formel-1-Saison ist zu Ende. Lesen Sie Roger Benoits Bilanz und klicken Sie sich durch die heissesten Bilder.

Eine verrückte Formel-1-Saison ist zu Ende. BLICK-Experte Roger Benoit berichtete für Sie live von jedem Rennen. Jetzt zieht der Formel-1-Kenner Bilanz. Lesen Sie sein Urteil zur Saison unten. Geniessen Sie in der Diashow oben ausserdem die heissesten Bilder von allen Rennstrecken.

Der letzte Befehl von BMW

Die Formel-1-Saison 2009 hätte am Sonntagabend um 21.25 Uhr in Abu Dhabi mit einem Riesenknall zu Ende gehen sollen: In den Red Bull-Garagen versuchten die Mechaniker vor Hunderten von Schaulustigen Vettels Siegermotor von Renault bis an die Schmerzgrenze hochzudrehen.

Doch das französische PS-Herz hielt durch, nach neun Minuten Dauerlärm stellte der Motor ab. Um 21.55 Uhr Lokalzeit versuchte dann BMW das PS-Aggregat von Robert Kubica, das bereits vier Rennen hinter sich hatte, zu zerstören. Der Motor glühte wie ein Pizza-Ofen, aus den Auspuffen strömte der Rauch, der Gestank war fürchterlich. Aber nach sechs Minuten gaben die Mechaniker auf.

BLICK-Mitarbeiter und BMW-Hof-Fotograf Daniel Reinhard schoss herrliche Bilder, wollte diese schon nach Zürich senden, als von der BMW-Hauptzentrale der letzte Formel-1-Befehl kam: kein Foto. Danke, Herr Theissen.

Sensation durch Button

Eine verrückte Saison hatte also auch ein verrücktes Ende gefunden. Wer hätte geglaubt, dass 100:1-Aussenseiter Brawn-Mercedes, aus der Honda-Asche entstanden, nach nur sieben Testtagen souveräner Doppel-Weltmeister wird? Von allen Experten hatte weltweit nur BLICK-Technikexperte Michael Schmidt (50) im «Sportmagazin» auf Jenson Button als Champion getippt. Jetzt rätseln alle, wann Button sein Unterwäsche-Model Jessica Michibata (25) heiratet. Auf alle Fälle vor der neuen Saison, auch wenn der Mann, der die ersten sechs von sieben Rennen gewann, noch vehement dementiert.

Musterschüler Buemi

Von den neuen Fahrern war der Waadtländer Sébastien Buemi (21) im Toro Rosso-Ferrari klar der Musterschüler. Er zeigte auch alten Hasen, dass sie im hautnahen Duell nicht kampflos vorbeikommen. Zuletzt biss Kubica in Abu Dhabi gegen den Schweizer ins Gras. Der Baselbieter TV-Star Marc Surer: «Das ist wichtig für Buemis Zukunft. Jetzt haben alle Respekt vor ihm.»

Vettels Reifeprüfung

Neben Button war sicher Sebastian Vettel der Fahrer des Jahres. Der Blondschopf, der sich selbst managt, hat das Red Bull-Team mit vier Siegen endgültig an die Spitze gebracht – und eines Tages wird der bescheidene Star aus Walchwil ZG auch Weltmeister.

Hamiltons spätes Erwachen

McLaren-Mercedes verschlief die erste Saisonhälfte wegen der schwierigen KERS-Entwicklung (über die BMW-Sauber brutal stolperte) und den fehlenden Doppeldiffusor (der Brawn lange als Wunderwaffe diente). Erst in Ungarn schlugen die Silberpfeile erstmals zu: 1. Hamilton, 5. Kovalainen. Zu spät, es reichte am Ende knapp zum 3. WM-Rang – einen Punkt vor Ferrari.

Angst und Frust bei Ferrari

Die Roten aus Maranello wurden in Ungarn aus dem Land der Träume gerrissen, als Massa bei Tempo 280 eine herumhüpfende Stahlfeder (von Barrichellos Auto) an den Kopf bekam, bewusstlos war und im Spital kurz mit dem Tod kämpfte. Weil der Ferrari 2009 meist ein störrischer Esel war, hatte das Team in den letzten Runden praktisch nur noch Räikkönen als Waffe – die beiden Massa-Ersatzleute Badoer und Fisichella kamen nicht einmal in die Nähe von WM-Punkten. Und Kimi wurde trotz Vertrag mitgeteilt, dass er 2010 durch Alonso ersetzt wird. Interessant, dass ausgerechnet der bei Ferrari ab Monza kläglich gescheiterte Fisichella in Spa mit dem Force India-Mercedes fast den einzigen Ferrari-Saisonsieg von Räikkönen verhinderte. Im Ziel lag der Italiener nur 0,9 Sekunden zurück.

Die Skandale

Diese hielten sich in Grenzen, auch wenn der wochenlange Krieg zwischen der FIA und der FOTA fast mit einer Trennung und einer eigenen Serie endete. Doch die Vernunft siegte. Beim ersten Rennen hatte Hamilton die FIA-Kommissäre auf Druck seines Teams angelogen. Weil McLaren seinen Chef Ron Dennis aus dem Verkehr zog, blieb die Strafe von FIA-Boss Mosley fürs Team aus. Vor dem zweiten Nachtrennen in Singapur wurde endlich bekannt, dass ein Jahr zuvor Piquet im Renault absichtlich in die Mauer knallte, um damit eine Safety-Car-Phase auszulösen. Diese brachte Teamkollege Alonso den Sieg. Die beiden Chefdenker bekamen saftige Strafen: Flavio Briatore (lebenslänglich gesperrt), Pat Symonnds (5 Jahre Boxenverbot).

Die Zukunft

Und wie gehts 2010 weiter? Marc Surer: «Weil ja über den Winter keine grossen technischen Neuerungen kommen, ist das letzte Rennen immer auch schon das erste des nächsten Jahres. Es wird teammässig kein Erdbeben geben. McLaren-Mercedes zeigt einen Aufwärtstrend, Ferrari könnte auch mit Alonso wieder eine schwierige Saison haben.»

Noch ist offen, wer 2010 überhaupt dabei ist. Toyota hat in zwei Tagen in Tokio eine Krisensitzung und steigt vielleicht aus. Force India-Mercedes ist verschuldet und ohne Zukunft. Und die vier Neulinge Manor, Campos, Lotus und USF1 haben entweder kein vernünftiges Auto oder kein Geld für einen erfolgreichen Einstieg.

Und wer 2010 nicht punktet, kann den Laden spätestens Ende Saison wieder schliessen!

Die Dramen

Der Massa-Unfall war der Höhepunkt der Saisondramen. In Malaysia musste der Grand Prix wegen sintflutartigen Regenfällen abgebrochen werden (es gab zum fünften Mal nur halbe Punkte). In Suzuka kam es zu einem dreitägigen Crash-Festival mit vier Toro Rosso-Unfällen. In Brasilien riss Heikki Kovalainen den Tankschlauch mit, das herausspritzende Benzin setzte dahinter Kimi Räikkönens Ferrari kurz in Flammen.
play BLICK-Formel-1-Experte Roger Benoit. (Philippe Rossier)