Jo Siffert (7. Juli 1936 – 24. Oktober 1971) Der goldene Tag in Brands Hatch

  • Publiziert: 22.12.2005, Aktualisiert: 02.01.2012
  • von Roger benoit

ZÜRICH – Kann eine Dokumentation den harten Aufstiegsjahren des Joseph «Seppi» Siffert bis zum ersten GP-Sieg am 20. Juli 1968 in Brands Hatch auf Lotus überhaupt gerecht werden?

Das Benzingemisch, das Siffert vor über 40 Jahren täglich vorwärtstrieb: sein unbändiger Wille, seine Überredungskunst, auch armen Freunden noch Geld zu entlocken, und sein einziges Ziel – die «Formel 1».

Am grossen Talent des Schnauzträgers zweifelte kaum jemand.

Es war die schicksalshafte Begegnung mit dem Genfer Industriellen Georges Fillipinetti, die Seppi Ende 1961 den Durchbruch ermöglichte.

Eine hektische Zeit, in der nicht immer nette Worte fielen. Und der erste GP-Versuch 1962 auf einem gekauften Lotus in Monte Carlo schlug fehl: Jo Siffert war beim Kampf um die nur 16 Startplätze gegen die Werksautos chancenlos.

Nichtqualifikation und damit auch kein Startgeld für die Reisespesen.

So war der 17. Juni 1962 das Datum des ersten WM-Laufes von Seppi. Auf dem damals noch 14 km langen Spa-Kurs in den Ardennen: 17. Startplatz, 10. Schlussrang, 3 Runden Rückstand!

Die Ehe Siffert-Fillipinetti hielt nicht lange. Der Genfer verlor die Lust, als ein Mechaniker das Auto zerstörte.

Siffert kaufte das Wrack, richtete es für 1963 her und errang nach einem zweiten Platz in Imola (hinter Clark) auch gleich einen Sieg in Syrakus. Allerdings in Rennen, die nicht zur WM zählten…

Doch jetzt wollte Fillipinetti den Formel-1-Wagen plötzlich wiederhaben und Jo als Fahrer dazu.

Es kam zum Krach, Siffert kaufte sich aus dem früheren, langjährigen Vertrag frei. Was natürlich fast zum Ruin führte.

Mit seinen treuen Mechanikern Jean-Pierre Oberson, Michel Piller und Heini Mader (der später ein weltbekannter Motorentuner wurde) sowie der Finanz-hilfe von BP überlebte der Privatfahrer.

Bis Seppi im Sommer 1963 die vielleicht wichtigste Person in seinem Rennfahrer-Leben traf: Rob Walker, den Ur-ur-Enkel des Whisky-Königs Johnny Walker…

Rob besuchte Jo im Spital von Syracus, als dieser eine Schulterprellung behandeln liess: «Ich musste diesen besonderen Schweizer einfach haben!»

Siffert hielt dem Briten die Treue bis Ende 1969. Dann nahm er bei March das erste Werks-Angebot an. Sie wissen es: Siffert blieb im Team des heutigen FIA-Präsidenten Max Mosley (65) ohne WM-Punkte...

Doch die treuen Siffert-Fans erinnerten sich auch in diesen dunklen Monaten, wie Seppi 1968 in Brands Hatch zum Nationalhelden wurde.

Es war bereits eine Sensation, dass der Privatpilot aus Fribourg Startplatz 4 schaffte – doch kaum jemand weiss heute noch, dass damals ein anderer Schweizer in der letzten Reihe mitfuhr: Silvio Moser auf Brabham. Der Tessiner, auch ein Überlebenskünstler, fiel in jenem Rennen mit Getriebeschaden aus.

Moser starb 1974 nach einem Monza-Unfall beim 1000-km-Rennen: schwere Kopfverletzungen.

Die Entscheidung in Brands Hatch fiel damals in der 43. von 80 Runden, als Pole-Mann Hill (Lotus) bereits ausgeschieden war.

Siffert (Lotus) schnappte sich Ickx (Ferrari) und war Zweiter. Sekunden später rollte Leader Jackie Oliver (Lotus) aus –kaputte Kraftübertragung.

Seppi lag in Führung und liess sich diese nicht mehr entreissen. Mit 4,4 Sekunden Vorsprung schaffte er die vielleicht bis heute grösste Formel-1-Sensation.

Seppi umarmte an jenem Samstag Rob Walker wie einen Vater: «Danke! Für so einen Tag hat sich das ganze Leben gelohnt!»

40 Monate später empfing Brands Hatch seinen geliebten Sohn – zum letzten Rennen seiner grossen Karriere…

Über die Sicherheit im Rennsport machte sich vor 35 Jahren noch keiner ernsthafte Gedanken.

Vor seinem Todessturz war Jo Siffert nur zweimal ernsthaft verletzt worden: 1966 in Goodwood, als er im Porsche gegen die Schikane prallte (Schlüsselbeinbruch) und im Winter1970 im Berliner Sportpalast bei einem Pressefest, als er im Go-Kart über eine Mauer stürzte – er wollte einem Gegner ausweichen (Beinbruch)…

morgen

Der letzte Sieg – und Pole-Position beim Todesrennen

SERIE TEIL 4

Er starb 1971 als Volksheld. Sein Name bleibt unvergessen. Wie seine zwei Formel-1-Siege. Mit dieser Serie gedenkt BLICK einer Schweizer Sport-Legende.

«Alles klar, da kotzt nur mein Beifahrer...»

War es Zufall, dass das BRM-Team 1971 innerhalb von nur 105 Tagen gleich seine beiden Formel-1-Fahrer verlor?

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