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Die Rennstory aus der Steiermark ist schnell erzählt: 140 000 Fans sahen beim GP von Österreich nur einen Mann in Führung: Jo Siffert auf BRM!
Er hatte die Pole-Position erobert und drehte bei seinem Start-Ziel-Sieg auch noch die schnellste Runde.
Weltmeister Jackie Stewart, neben Jo in der ersten Reihe: «Ich habe den Siffert fahren lassen und geglaubt, dass der BRM sowieso auseinander bricht…»
Der Schotte irrte und zerstörte in der 35. von 54 Runden seinen blauen Tyrrell selbst.
Dramatik kam nur am Ende auf. Siffert, der nach 38 Runden mit 28 Sekunden vor Fittipaldi (Lotus) führte, wurde langsamer….
Schleichender Plattfuss hinten links. Doch Jo gab der Boxencrew keine Zeichen, um ja nicht die Gegner aufmerksam zu machen.
Wie 1968 in Brands Hatch siegte Jo erneut mit knapp über 4 Sekunden.
Und dieser Sieg sicherte ihm auch die Nummer-1-Position bei BRM für 1972…
Am Abend wurde Sifferts Erfolg im Gasthaus «Bernhard» von Zeltweg gefeiert. Ein Zuckerbäcker musste extra am freien Tag noch eine Torte herzaubern. Denn Jo hatte nach Österreich auch seine Mutter Maria und seinen Freund Jean Tinguely eingeladen.
Und dabei erzählte Seppi, wie er nach dem Sieg im blauen VW-Käfer von BLICK aus dem Fahrerlager flüchtete: «Ich habe mich auf dem Rücksitz versteckt, sonst hätte ich am Ausgang zu viele Autogramme geben müssen!» Wer stoppt schon das Auto eines jungen Reporters?
Die fröhliche Runde feierte bis vier Uhr morgens –und niemand ahnte, dass es ein Abschiedsfest war…
Siffert, in der Form seines Lebens, plötzlich von allen Seiten hochgejubelt, stand am 3. Oktober 1971 im eiskalten Watkins Glen zum letzten Mal auf dem Podest. Sein zweiter Platz im letzten Lauf der Saison brachte Jo den 4. WM-Rang.
Endlich hatte das Glück den richtigen Mann geküsst und ihm den verdienten Lohn überreicht.
Doch in jenen (plötzlich goldenen) Tagen, die Seppi oft unheimlich vorkamen, redeten wir auch über die Gefahren und den Tod.
Piers Courage, Jochen Rindt, Bruce McLaren, Pedro Rodriguez: Der Rennsport musste innerhalb von einem Jahr vier Kreuze am Wegesrand einschlagen. Und das fünfte sollte bald eine Nation schockieren…
Jo Siffert, der lebenlustige Gentleman, hatte zum heiklen Thema seine eigene Philosophie: «Ich glaube, dass jeder Rennfahrer so etwas wie ein Scheckheft besitzt. Und bei jedem Unfall reisst dir das Glück oder Schicksal ein Blatt aus dem Heft. Doch keiner weiss, wie viele Blätter noch in seinem Heft sind…»
Der sonnige 24. Oktober 1971 hat die Frage um 14.18 Uhr beantwortet und Jo Siffert das letzte Blatt aus dem Heft gerissen.
BLICK war damals als einzige Schweizer Zeitung in Brands Hatch.
Noch fünf Minuten bis zum Start. Seppi sass als Pole-Mann bereits im BRM mit der Nummer 5. Ich schoss noch zwei Bilder und kniete mich dann vor dem Auto nieder. Ich zwinkerte Jo zu, er zwinkerte zurück. Unser altes Zeichen: alles okay.
Was sollte passieren? Jo liebte Brands Hatch, kannte jeden Meter der Strecke wie seine Hosentasche.
Bevor er um 13.20 Uhr zum letzten mal in ein Auto stieg, sagte Seppi zu BLICK: «In Brands Hatch kann ich bei jedem Wetter schnell sein…»
Es schien die Sonne – wie fünf Tage später in Fribourg. 50 000 Menschen standen fassungslos am blumengeschmückten Strassenrand, trauerten und weinten.
In einem schlichten Holzsarg, begleitet von den dumpfen Klängen der Stadtmusik, wurde ein unermüdlicher Kämpfer zu Grabe getragen.
Adieu, Seppi!