Schnee, Eis, Helm und Alkohol Das finnische Wunder

  • Publiziert: 07.02.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Roger Benoit

ZÜRICH – Heute in fünf Wochen gehts in Melbourne mit dem ersten GP-Training 2008 los. Die grosse Frage: Wer wird Weltmeister? Die einfache Antwort: Ein Engländer (Hamilton), ein Brasilianer (Massa) oder einer der beiden Finnen (Räikkönen, Kovalainen).

Mit diesen drei Ländern sind auch bereits die drei erfolgreichsten Weltmeister-Nationen seit 1950 genannt (siehe Kasten).Worin liegt nun das Geheimnis dieses Trios? England ist das Mutterland des Motorsportes (obwohl das erste Autorennen vor über 100 Jahren in Frankreich stattfand). Kein anderes Land hat mehr Teams, Fabriken, Rennen und Strecken. Fast logisch, dass da immer wieder eigene Supertalente auftauchen.  Brasilien verdankt seinen Aufschwung vor allem Emerson Fittipaldi, dem Weltmeister von 1972/74. Er (der lange in Lonay bei Lausanne wohnte) zeigte den Landsleuten, dass man nicht nur als Fussballzauberer nach oben kommt.Piquet und Senna holten später sogar je drei WM-Titel und waren sich wenigstens in einem Punkt einig: «Der Stadtverkehr und das tägliche Chaos in den Staus von São Paulo oder Rio de Janeiro sind die beste Fahrschule. Dort lernst du dich durchzusetzen und vergisst dabei auch die Angst!»Diese hatten die meisten Champions jedoch schon mit vier oder fünf Jahren in den ersten Go-Kart-Versuchen verloren.  Finnland – dort liegt das Geheimnis der vielen PS-Stars (auch bei den Rallyes) offenbar in der Natur. In den grossen Wäldern, den langen Nächten, Schnee, Eis – die schlechten Strassen als natürliche Fahrschule?«I dont know!» Der Lieblingssatz von Weltmeister Kimi Räikkönen. Er weiss es also nicht. Auch wenn er als einsamer «Rallyefahrer» schon einmal für nächtlichen Schrott gesorgt hat.Auch Mika Häkkinen, der 1998/1999 im Silberpfeil den ersten Ferrari-Titel von Michael Schumacher zweimal verhindern konnte, schwieg sich, meist lächelnd, durch die Formel 1.Doch am 27. Mai 2001 soll er am Abend nach dem schnellen Ausfall beim GP Monte Carlo in seinem Appartement sogar richtig laut geworden sein. Mit einem Vodka in der Hand muss Mika seinem McLaren-Chef Ron Dennis mitgeteilt haben: «Ende Saison höre ich auf. Aus, genug. Und wenn du clever bist, schnappst du dir als meinen Nachfolger den Kimi Räikkönen von Sauber!»Für 30 Millionen Franken kam es zum Transfer. Für das Sauber-Team war Kimi der dritte Finne nach JJ Lehto (der gleich im ersten Rennen der Hinwiler 1993 in Südafrika als 5. punktete) und Mika Salo (den Peter Sauber als einzigen seiner 17 Fahrer nie mochte).Fünf Jahre raste Kimi Räikkönen, der Schweiger aus Wollerau SZ, im McLaren-Mercedes vergeblich der WM-Krone nach und wurde immer verschlossener. Kimi fühlte sich beobachtet, angekettet.«Bei Ferrari bin ich ein anderer Mensch geworden, frei und motiviert», sagt Kimi.Und sein Landsmann Ari Vatanen (55), 1981 Rallye-Weltmeister, weiss: «Mein Freund ist der Ferrari-Chef Jean Todt – und der lässt Kimi auch mal ein wenig Alkohol trinken, weil dieser am nächsten Morgen wieder frisch zur Arbeit kommt.»Vatanen kennt neben der Natur noch ein Geheimnis der Finnen: «Wir sind in allen Sportarten gut, in denen man einen Helm braucht. Skifliegen, Eishockey, Rennfahren. Das kann kein Zufall sein. Zudem glaube ich, dass wir Finnen unbekümmerter sind als andere Nationen. Wir fahren mit Herzblut. Wir sagen sisu und meinen damit den absoluten Willen zum Sieg. Und die Finnen reden nun mal weniger, weil wir mehr nachdenken!»Und auch mehr trinken? Vatanen: «Es gibt bei uns einen Witz. Telefonieren zwei Freunde miteinander. Fragt der eine: ‹Was machst du gerade?› Antwortet der andere: ‹Ich besauf mich und trinke nebenbei noch ein Glas Whisky!›»Vielleicht war es auch ein wenig der Alkohol, der jetzt die Ehe von Mika Häkkinen und Erja nach zehn Jahren in die Brüche gehen liess!