Jo Siffert (7. Juli 1936 – 24. Oktober 1971) 686 Tage ohne WM-Punkte

  • Publiziert: 20.12.2005, Aktualisiert: 03.01.2012
  • von Roger Benoit

ZÜRICH – Alle Schweizer Sportfans waren sich im Spätfrühling 1970 einig: Diesem Mann musste geholfen werden. Und zwar schnell. Aber wie? Da kam BLICK die Idee mit dem Maskottchen für Pechvogel Joseph «Seppi» Siffert…

20 Grosse Preise war der Fribourger in Serie ohne WM-Punkte geblieben.

Von Monza 1969 auf Lotus bis Monte Carlo 1971 auf BRM gabs neben 13 Ausfällen nur 7 Zielankünfte: Zwischen Rang 7 und 10.

1970 auf March blieb Jo Siffert also ohne Zähler, während sein Teamkollege Chris Amon aus Neuseeland mit 23 Punkten immerhin WM-Siebter wurde.

Seppi verzweifelte. Es war eine Durststrecke, die am Nervenkostüm des sonst so gutmütigen Rennfahrers nagte.

Denn in unserem Land wurden die Stimmen und Kritiken in den Kneipen, am TV und in den Medien immer lauter: Kupplungsmörder, Motorenkiller und Aufhängungsschänder!

Das tut weh! Und mitten in dieser schwarzen Serie begann ich 1970 in Brands Hatch meine Formel-1-Arbeit für BLICK – erstmals an einer Rennstrecke…

Wer ahnte damals, dass dieser englische Berg- und Tal-Kurs (nur 15 Monate später) auch zu Sifferts Todesstätte werden sollte?

Seppis Weggefährte Jacques Deschenaux (heute GP-Kommentator des welschen TV) stellte mich damals vor: «Das ist Jo Siffert!»

Wir verstanden uns ziemlich schnell, weil Seppi erleichtert feststellte, dass BLICK nicht mehr im Chor mitspielte, der Siffert als brutalen Materialzerstörer hinstellte.

Ich würde nicht sagen, wir wären echte Freunde geworden. Vielleicht Kumpels, die sich respektierten und auch viel Spass zusammen hatten. Aber davon später…

Jetzt musste zuerst einmal diesem Mann geholfen werden. Dem Pechvogel namens Jo Siffert!

Der GP Monaco am 23. Mai 1971 schien die Wende zu bringen. Seppi stellte den BRM auf den dritten Startplatz und war auf dem besten Weg, endlich wieder einmal zu punkten.

Doch nach 59 von 80 Runden versagte die böse Ölpumpe ihren Dienst. Siffert, der Ferrari-Pilot Jacky Ickx (der 3. wurde) im Griff hatte, rollte aus.

Und Seppi verstand die Welt nicht mehr: Sein 20. Punkte-Nuller in Serie! «An meinen alten Schuhen kanns ja nicht liegen, wie einige Menschen glauben», sagte Jo, der das Wort Aberglaube kaum kannte.

Doch in der vierwöchigen Pause bis zum nächsten Rennen, dem GP Holland am 20. Juni 1971, lief die grosse BLICK-Aktion: Helft Jo Siffert!

Und über 800 Maskottchen wurden damals per Post auf unsere Redaktion geschickt. Wir schleppten die Sachen eines Tages alle nach Fribourg.

In Sifferts Garage wühlten Seppi, Ehefrau Simone und sein Töchterchen Véronique fast zwei Stunden lang im Berg voller Briefe und Pakete.

Bis vier Glücksbringer in die engere Wahl kamen: Ein Pleuel, eine Schere, um das Pech abzuschneiden, ein selbstgebasteltes Kleeblatt und ein rotweisser Glücks-Chip.

Kurze Diskussion – und dann schnappte sich Véronique den Chip von Hugo Suter aus Seengen AG.

Doch es gab für alle vier «Finalisten» eine Gratisreise zum GP von England 1971. Allerdings nicht nach Brands Hatch, sondern nach Silverstone…

Machen wir es kurz: Wenige Tage nach der Glücksbringer-Aktion startete Seppi mit dem rot-weissen Chip in der Hosentasche seines Overalls. Jo landete im Regenrennen mit zwei Runden Rückstand auf dem 6. Platz. Die ersten acht Piloten fuhren alle auf Firestone, dahinter die Goodyear-Armada…

Egal, endlich wieder ein WM-Punkt! Es war der erste seit dem 5. Platz am 3. August 1969 auf dem Nürburgring…

Mit einem Brief bedankte sich Siffert bei den BLICK-Lesern für die Maskottchen und die vielen aufmunternden Worte.

In Zandvoort flippte Jo nach dem 6. Platz fast aus: «Diesen Chip gebe ich nicht mehr her. Jetzt muss ich wohl noch an die Zauberei glauben.»

686 Tage hatte die längste Durststrecke für Jo Siffert gedauert.

Und in dieser harten Zeit war, zuerst fast unbemerkt, der Formel-1-Stern des Tessiners Clay Regazzoni bei Ferrari aufgegangen.

Jo und Clay: Sie sollten nach Zandvoort (wo Regazzoni 1970 debütiert hatte) nur noch siebenmal bei einem Grand Prix gemeinsam antreten…