Der ehemalige Starspieler Michel Platini scheint ein trauriger Mann zu sein. An der EM 84 hat er neun Tore erzielt. An der Euro 08 hat er 412 Millionen Franken Reingewinn erwirtschaftet. Nun könnten wir uns fragen, was einen Mann glücklicher macht: 9 Tore oder 412 Mio. Franken? Aber wenn man den Franzosen im Fernsehen sieht, bekommt man den Eindruck, den mache überhaupt nichts glücklich.
Der «Geist des Turniers» sei ausgezeichnet gewesen, hat er gestern mit dem immer gleichen, bekümmerten Gesichtsaudruck verkündet. Damit wollte er die Gastgeberländer rühmen, also auch uns. «Scho rächt, Michi!», möchte man antworten und ihm empfehlen, sich bei einem Glas Sponsorenlimonade zu entspannen.
Ganz entspannt können auch wir heute Abend dem Final entgegenblicken. Wer die Stimmung auf der Strasse spürt, stellt vor allem eines fest: Bei den Fans in der Schweiz ist das Feuer schon fast aus. Die hiesige Fanmehrheit hat mit ständig abnehmendem Enthusiasmus folgende Teams unterstützt: Die Schweiz, Holland, Russland und zuletzt Spanien. Immer wieder waren wir gezwungen, neue Lieblinge zu finden, da die, in die wir uns eben erst verliebt hatten, ausschieden.
Sollte Spanien heute verlieren, bliebe fast keine Liebesfähigkeit mehr für Deutschland. Das dürfte den Deutschen allerdings ziemlich egal sein. Sie sind schon oft Europameister geworden, ohne unsere Liebe zu beanspruchen.
Eines steht jedenfalls schon fest: Wer immer gewinnt, es wird ein würdiger Europameister sein. Die Deutschen, weil sie die Gabe haben, aus zwei Chancen drei Tore zu erzielen. Die Spanier, weil sie sich die zwanzig Chancen, die sie für ihre Tore brauchen, immer erarbeit haben.
EM-Kolumnen: «Kopfstoss»
Giftig und mit einer grossen Prise Ironie schreibt der Berner Pedro Lenz im BLICK täglich über Episoden an der Euro 08.
29. Juni: Unsere Liebe zu den Deutschen
28. Juni: Reinigende Gewitter in Wien
Manche Gewitter sind lästig, andere sind gefährlich. Die beiden Halbfinalgewitter in Wien waren reinigend! Das Donnerstags-Gewitter hat die spanischen Traumtänzer geweckt. Das Mittwochs-Gewitter betraf die Übertragung. In fast allen Ländern kam es just dann zur skandalösen TV-Panne, als die Spannung ihren Höhepunkt erreichte.
Die UEFA hat das Bildmonopol, aber sie liefert keine Bilder. Das ist nicht nur peinlich, das ist auch höchst entlarvend! Es genügt nicht, dass alle Aufnahmen, die nicht ins infantile Disneyland-Fussballverständnis der UEFA passen (Rauchpetarden, Handgemenge auf den Rängen) zensuriert werden. Nein, ein einfaches Unwetter löscht die Bildschirme in ganz Europa.
Schande, Schande über die Monopolisten-Bande!
Zurzeit streiten die Experten darüber, ob die richtigen Mannschaften im Final sind. Die Frage ist klar zu bejahen. Deutschland hat immer präzis dann getroffen, wenn es dringend nötig war. Spanien hat die Modemannschaft der EURO 08 zweimal nacheinander mit dem Gesamtskore von 7:1 abgefertigt. Noch Fragen?
Heute geniessen die verbliebenen Fussballer ihren spielfreien Tag. So ein Turnier ist ja für die Spieler voll von spielfreien Tagen. Immer wird darüber berichtet, was die Jungs so machen, wenn sie nicht einem Ball nachlaufen. Von den Deutschen wissen wir, dass sie gerne in Wellness-Zonen rumliegen und die Adiletten baumeln lassen. Was aber die Spanier jeweils tun, war der Öffentlichkeit bisher kaum bekannt. Nun erfahren wir, dass sie die freie Zeit damit verbringen, ihrem Trainer den Wechsel zu Ferenbahce auszureden. «Opa, bleib bei uns!», flehen Sie, «denn wenn sich das osmanische Glück mit deiner Weisheit verbindet, wird der türkische Fussball nicht mehr zu bremsen sein!»
27. Juni: Regenerieren, auftanken, Akku laden
Fussballer sind Fleisch gewordene Maschinen. Das sage nicht ich, das sagen die Spieler selbst. Kaum haben sie einen Gegner besiegt, brabbeln sie etwas von «Batterien volladen» oder «jetzt erstmal einen Gang herunterschalten». Was soll diese ganze Maschinenmetaphorik? Wofür hat Sepp Herberger den Satz von vor dem Spiel und nach dem Spiel erfunden? Jungs, wenn ihr einen Final erreicht habt, dann sagt doch einfach nur: «Geil!» Das ist zwar nicht sehr literarisch, aber wenigstens verstehen wir, was ihr meint.
Im ersten Halbfinal war ich ja Busacca-Fan. Im Nachhinein gebe ich es zu: Es war ein bisschen peinlich, unter all den deutschen und türkischen Trikots in der Fanzone als einziger mit einem schwarzen Schiedsrichter-Leibchen rum zustehen und immer «Hopp Schiri, hopp Schiri» und «Steht auf, wenn ihr Schiris seid!» zu rufen.
In manchen Zeitungen hiess es nach dem Spiel, Busacca sei unter seinen Möglichkeiten geblieben. Ja klar, wenn man nur einen einzigen Fan hat! Busacca ist vom Format her sowieso eher ein Finalschiri. Vielleicht hat UEFA-Boss Platini noch ein Einsehen und nominiert ihn nach.
Diese Zeilen schreibe ich übrigens aus Klagenfurt. Da nehme ich zurzeit am Ingeborg Bachmann Wettbewerb teil, einer Art EURO für deutschsprachige Literatur. Es ist wie an der andern EURO. Die Deutschen sind schnell, spielstark und gut vorbereitet. Die Österreicher und ich als einziger Schweizer bringen zwar Potential mit. Aber wir haben Probleme mit der Chancenauswertung. Der Strelli in mir zittert ein wenig und der Degen in mir nimmt die Sache zu wenig ernst.
Also liebe Fussballfans: Noch zweimal schlafen, dann wissen wir, wer den Kübel stemmt. Lasst uns bis dahin noch ein wenig die Batterien laden – oder den Akku oder so.
26. Juni: Balalaika oder Kastagnetten - Hauptsache laut!
Haben Sie es bemerkt? Der erste Halbfinal ist haargenau so herausgekommen, wie ich es prognostiziert hatte! Dumm ist höchstens, dass ich die Prognose nicht veröffentlicht habe. Aber man muss nicht immer allen zeigen, was man drauf hat. Sonst fragen Sie Luca Toni, Thierry Henry oder Peter Cech. Die machen es wie ich. Sie wissen selber, was sie können, aber sie müssen es nicht unbedingt ausgerechnet an der EURO zeigen, so dass man am Ende noch meinen könnte, sie seien Aufschneider.
Weniger subtil machen es Andrej Arschawin oder David Villa. Sie brüsten sich mit Toren und schneiden auf mit schnellem Spiel. Der Russe Arschawin ist eine Art Nurejew der Strasse. Der Spanier Villa – Sohn eines asturischen Minenarbeiters – ist die proletarische Version von Stéphane Lambiel. Wir werden sehen, welcher der beiden heute Abend die geschmeidigere Kür hinlegt.
Balalaika oder Kastagnetten, laut wird es so oder so, sind doch die beiden Herren auf der Trainerbank nicht unbedingt für ihre Reserviertheit bekannt. Wobei Guus Hiddink vor allem beim Torjubel explodiert, während Aragones eher der Vulkantyp ist: Niemand weiss, wann und warum er plötzliche Feuer speit.
Ganz cool sind dafür die jeweiligen Monarchen der heutigen Gegner. Haben Sie sich geachtet, wie wenig Regung der spanische König Juan Carlos im Spiel gegen Italien gezeigt hat? Sein Gesichtsausdruck schien zu sagen: Lieber Gott, schenk mir die Gelassenheit, diesen Grottenkick zu ertragen, ohne dass ich meine Würde verliere. Und auch der russische Zar Abramowitsch verfolgt die Matches seiner Untertanen jeweils mit stoischer Ruhe. Er braucht nie zu schimpfen. Wenn ihm seine Mannschaft einmal nicht mehr passt, kauft er sich einfach eine neue.
25. Juni: Don Luis liebt den Widerspruch
Der spanische Nationaltrainer Luis Aragonés ist trotzköpfig wie ein pubertierender Maulesel im kastilischen Hochland. Dabei ist der Mann bald 70. Als Real Madrid Star Raúl letzte Saison immer besser in Form kam, forderten Presse und Öffentlichkeit ein EURO-Aufgebot für den spanischen Rekordtorschützen.
Doch je lauter nach Raúl geschriehen wurde, desto klarer war für Luis, dass er ihn nicht bringt. Ganz nach dem Motto: «Wenn alle sagen der Ball sei rund, sage ich, er sei eckig.» Seit dem Viertelfinal gegen Italien rühmt nun die gesamte Weltpresse den spanisch-brasilianischen Mittelfeld-Rackerer Senna. Und prompt hat Luis angekündigt, er werde Senna im Halbfinal durch Xabi Alonso ersetzen. Wer also will, dass ein spanischer Spieler beim Trainer in Ungnade fällt, muss den Betreffenden nur tüchtig loben. Wäre das in der Schweiz auch so, hätten wir ein paar Natispieler in den Himmel geschrieben.
Die Deutschen scheinen es im Rentnerparadies Tessin recht hübsch zu haben. Falls allerdings Türken Zampano Terim gestern in dieser Zeitung das Bild gesehen hat, in dem Metzelder im Wellness-Bereich dem liegenden Mertesacker den Ball zuwirft, dürfte er hoch erfreut gewesen sein. Von solchen Bubis brauchen sich die osmanischen Stürmer nicht zu fürchten. Wie zwei Susis bällelen die deutschen Innenverteidiger und man hört sie fast sagen: «Nicht so doll Schatz, denk an meine Frisur.» Da kann Faith Terim ruhig seinen dritten Goalie in den Angriff beordern.
Endlich geht’s also weiter. Wir Fans schauen voller Vorfreude zum Vielfarbenrasen nach Basel. Ich selbst weiss noch nicht, ob ich mir zum Match eine Currywurst oder einen Döner genehmige. Nur eines weiss ich ganz sicher, ich werde für einmal den Schiri anfeuern: Forza Busacca!
24. Juni: In Spanien hat Hitzfeld fertig
Spielfreie Tage sind polemische Tage. Kaum fehlt die Aussicht auf das abendliche Spiel, spüren manche Fussballjunkies böse Entzugserscheinungen. Das äusserst sich dann zuweilen in blindem Hass. Kaum war gestern im spanischen Sportblatt «Marca» zu lesen, Ottmar Hitzfeld tippe auf einen Final Deutschland Russland, drehten die spanischen Fans durch.
In einem Lesermail hiess es zum Beispiel: «Hitzfeld hat keine Ahnung. Gebt ihm die Höchststrafe. Er soll die Schweizer trainieren!» Ein anderer Leser fragte: «Fritzfeld, ist das nicht der Österreicher, der seine Kinder im Keller eingesperrt hat?» Da Ottmar sich die Höchststrafe schon selber gegeben hat, wünschen wir ihm an dieser Stelle viel Kraft. Einen künftigen Altersjob im spanischen Fussball sollte er aber jetzt schon vergessen.
Ähnlich schlecht wie bei den «Marca»-Lesern kommt die Schweiz nun bei der Schiedsrichterkommission der UEFA weg. Nicht Massimo Busacca, bester Referee des Turniers, darf nächsten Sonntag das Endspiel pfeifen. Nein, ausgerechnet Roberto Rosetti wird Finalschiri. Rosetti kommt Ihnen bekannt vor? Zu recht! Das ist der gleiche Träumer, der uns im Eröffnungsspiel ins Elend geritten hat, weil er bei mindestens zwei Penaltyszenen im tschechischen Strafraum einen Pfeifenklemmer hatte.
Hoffentlich funktioniert das Signalgerät des Italieners bis zum Final wieder tadellos. Der Druck, der auf Rosetti lastet, ist enorm. Wer nämlich die italienische Elf im Viertelfinal hat spielen sehen (also die wenigen, die nicht lange vor dem Abpfiff eingeschlafen sind), weiss, dass Italien seit dem Sonntag keine Fussballnation mehr ist. Mit einer seriösen Leistung des Pfeifenmanns aus Turin könnte das Land vielleicht wenigstens zu einer Schiedsrichternation aufsteigen.
23. Juni: Ein guter Start ist der Untergang
«Bier macht dumm, dick und faul!» Das war am Anfang des 20. Jahrhunderts ein beliebter Leitspruch des «Abstinenten Arbeiterbundes». Jetzt, wo 12 von 16 Mannschaften aus dem Turnier ausgeschieden sind, dürfen wir eine kleine Zwischenbilanz ziehen. Die klarste Erkenntnis aus den vergangenen Viertelfinals müsste, in leichter Abwandlung des obengenannten Spruchs lauten: «Der Gruppensieg mach dumm, dick und faul!» Beispiele gefällig? Portugal steht als Gruppensieger fest, verliert mit Nonchalance gegen ein Schweizer Rumpfteam und kann dann gegen Deutschland den Schalter nicht mehr umkippen.
Kroatien steht als Gruppensieger fest, kugelt mit den Reservespielern locker die Polen aus und strauchelt gegen die Terim-Anarchos in der Nachspielzeit der Verlängerung.
Oder die Holländer: Sie spazieren durch die schwierigste Gruppe wie derweil Moses durch das Rote Meer. Die ganze Schweiz schwärmt von der orangen Party. Und kaum begegnen die Flachländer ein paar jungen, wilden Russen, ist ihre Lockerheit dahin und der Traum vom ersten Titel seit 1988 ist futsch.
Was lernen wir daraus? Am besten sind die Mannschaften, die schon zu Beginn des Turniers das Messer am Hals haben. Ein Ausrutscher in der Gruppenphase weckt den Widerstandsgeist eines Teams. Ein Trainer kann die Stars nicht im dritten Spiel zur Schonung auf die Bank setzen und meinen, sie seien nachher im Viertelfinal erholt und wach zugleich.
Vermeintliche Verlierer wie Rotsünder Schweini oder Türkengoalie Rüstü, deren Spielverständnis eindeutig besser ist, als ihr Frisurengeschmack, sind auf bestem Weg, zu Helden dieser EURO zu avancieren.
Noch bleiben drei Spiele, dann wissen wir mehr. Nur eines wissen wir jetzt schon: Wer zu früh kommt, den bestraft der Turnierverlauf.
22. Juni: Die neue Hymne der Türken
Wir kennen zwei liebenswerte, junge Aargauer, der eine aus Möhlin (Ivan Rakitic), der andere aus Spreitenbach (Mladen Petric). Beide liessen am Freitagabend im Ernst-Happel-Stadion ganz kurz die Strellerzunge kreisen, bevor sie ihre jeweiligen Penaltys versiebten. Kroatien weinte und die Türkei war im Halbfinal. Inzwischen vernehmen wir aus gut informierten Quellen, der türkische Präsident Erdogan erwäge schon, das Aargauerlied zur neuen Nationalhymne zu erklären. Besonders angetan sei er von der ersten Zeile, wo es heisst: «Im Aargau sind zwoi Liebi.»
Gestern feierte der UEFA-Präsident Michel Platini seinen Geburtstag. Monsieur le Président wurde 53. Und weil für ihn 53 offenbar eine schön runde Zahl ist, beschloss Platini kurzerhand, an seinem privaten Festtag sämtliche Termine abzusagen. Er kann ja nichts dafür, dass er ausgerechnet am wichtigsten Anlass jenes Verbandes, von dem er zufällig Präsi ist, einen Geburtstag zu feiern hat. Wir wissen nicht genau, was so ein UEFA-Präsident an einem Turniertag für Termine einzuhalten hat. Aber wir müssen davon ausgehen, dass gestern die eine oder andere wichtige Hand ungeschüttelt blieb.
Heute Abend stehen sich Spanien und Italien gegenüber. Es sei schon 88 Jahre her, seit die Spanier letztmals in einem offiziellen Spiel Italien geschlagen hätten. Einmal müsse der Azzuri-Dusel ein Ende haben, befand der spanische Trainer Luis Aragonés an einer Pressekonferenz. Es wäre dem alten Luis zu gönnen, wenn er Recht behielte.
Wer allerdings die Gesetzmässigkeiten des Fussballs ein bisschen kennt, weiss, dass Italien einmal mehr gewinnen wird. Der Fussball der Squadra Azzura gleicht nämlich einem Wahlkampf von Silvio Berlusconi: Aufgeblasen, ziemlich hässlich anzuschauen, aber am Ende meist erfolgreich.
21. Juni: Ein Spieler muss zwei Dinge können
Erinnern Sie sich noch an den Ballack-Schubser vom ersten Viertelfinal? Erst hat Ballack den Gegner weggestossen und dann sauber eingeköpfelt. So machten es in unserer Kindheit die krassesten Jungs auf dem Schulhof. Und wer sich wehren wollte, kriegte gleich eins an die Rübe.
Unsere ehemaliger Spitzen-Ref Urs Meier (der Mann mit der Mèche) hätte so etwas bestimmt nicht toleriert. Auf Schubser gegen Portugal war der Meier Urs allergisch. Deswegen hat er den Engländern vor vier Jahren ein ähnliches Tor aberkannt, worauf in der englischen Presse eine recht heftige Hetzkampagne gegen ihn losging.
Jeder Schiri hat eben seine eigene Toleranzgrenze. Und der elegante Schwede mit dem silbergrauen Haupthaar dachte sich wohl am Donnerstag: Ein klein wenig wegschieben, das kenne ich vom Eishockey, das liegt noch absolut im Rahmen. Blöd nur für die Portugiesen, dass sie mit Eishockey eher wenig Erfahrung haben.
Von der Zigarette, die sich Jogi Löw kurz vor Spielschluss in der VIP-Loge ansteckte, weil er glaubte, wir TV-Zuschauer sähen es nicht, wollen wir lieber gar nicht anfangen. Dazu nur soviel: Grosse Trainer wie Happel oder Menotti haben sich zum Rauchen nicht versteckt. Jogi, steh zu deinen Schwächen!
Heute Abend erwartet uns also die Offensiv-Party Holland gegen Holland. Pardon, ich meinte holländische Spielweise gegen holländische Spielweise. Denn selbst wenn es sich bei den Spielern in Rot um Russen handelt, beherzigen sie die Holländer-Philosophie des «Voetbal total». Die unvergessliche Fussballikone Johan Cruyff hat die niederländische Lehre einmal so erklärt: «Ein Fussballer muss bloss zwei Dinge können: Den Ball sofort annehmen und den Ball sofort abspielen.» (Und ein bisschen schubsen.)
20. Juni: Von Zwergen, Patienten und Rock'n'Roll
Manche Sportfunktionäre sind wie Gartenzwerge: Sie wirken oft deplaziert und niemand weiss genau, wozu es sie braucht. Wenn Funktionäre nicht gerade an Empfängen rumlümmeln oder Logenplätze belegen, geben sie manchmal schlaue Interviews. So wie der FIFA-Präsident Blatter, der diese Woche einer welschen Zeitung gesagt hat, Köbi Kuhn hätte schon längst zurücktreten müssen.
Wir wollen hier nicht beurteilen, ob Kuhns Rücktritt zu früh oder zu spät erfolgt ist. Mit Sicherheit wissen wir nur, dass Sepp Blatter immerhin stolze 72 Jahre alt ist, und dass es nicht so aussieht, als habe er die Absicht, in den nächsten 30 Jahren zurückzutreten.
Auch von der Spitze des Schweizerischen Fussballverbandes hat man noch keine Rücktrittsabsichten vernommen. Dabei ist Ralph Zloczower volle 75 Jahre alt (und Ernst Lämmli geschätzte 95). Wir dürfen vermuten, dass die beiden Altherren unserem Verband noch lange erhalten bleiben.
Wesentlich attraktiver als jeder Gedanke an besagte Sesselkleber ist natürlich die Aussicht auf den heutigen Viertelfinal in Wien. Kroatien gegen die Türkei, das ist Leidenschaft gegen Leidenschaft, das ist Bilic gegen Terim, das ist Rock´n´Roll gegen Feuertanz. Wir dürfen uns auf ein Spektakel freuen. Möge der Heissblütigere gewinnen!
Von zwei Stars, die leider schon vorzeitig abreisen mussten, sei hier auch noch die Rede: Was haben Alex Frei und Franck Ribéry neben ihrer jeweiligen Klasse gemeinsam? Beide wurden gestern erfolgreich operiert. Freis Knie kam in Biel unters Messer, Ribérys Fuss in München. Drücken wir den beiden Sympathieträgern die Daumen, auf dass sie noch lang gegeneinander spielen können. Für eine allfällige Funktionärskarriere bleibt danach noch zirka 100 Jahre Zeit.
19. Juni: Suppen-Kaspar und der böse Jogi
«Ich esse meine Suppe nicht! / Nein, meine Suppe ess´ ich nicht!» So sagte es der Suppen-Kaspar im berühmten Kinderbuch vom Stuwwelpeter. Ganz ähnlich soll der Arsenal Star Johan Djourou auf die Wechselabsichten seines Trainers Köbi Kuhn im letzten Spiel der Schweiz reagiert haben: « Ich laufe heute nicht mehr ein! / Nein, meine Einwechslung will ich nicht!» Aber anders als der Suppen-Kaspar, der am Ende des Kapitels für seinen Ungehorsam bitter bezahlt, ist die Geschichte für Johan Djourou offenbar straffrei ausgegangen. Wir erlauben uns jedenfalls ein gestrenges «Buh, Djourou!» und hoffen, unter Hitzfeld höre diese Suppen-Kaspar-Mentalität wieder auf.
Manche Trainer sind wohl zu lieb. Genau diesen Ruf hatte bisher auch der deutsche Bundestrainer Jogi Löw. Zum Glück ist Löw für den Viertelfinal heute Abend gesperrt. Diese Sperre verleiht ihm endlich die Aura des scharfen Hundes. Das ist wie beim Streber in einer Schulklasse. Nur wenn er hin und wieder vor die Tür geschickt wird, hat er eine Chance, von der Klasse akzeptiert zu werden.
Portugal Trainer Scolari dagegen, hat ein solches Gebaren gar nicht nötig. Anders als der stets akkurat frisierte Löw mit seinen frisch gestärkten Hemden, strahlt Scolari sogar im Trainingsanzug Autorität aus. Persönlichkeit ist halt nicht in jedem Fall nur eine Frage der Kleidung.
In Basel ist das Spiel heute Abend auch ein Duell zwischen Gastarbeitern. In Basler Beizen arbeiten viele Portugiesen. Nicht wenige Deutsche verrichten während der EURO im Polizeidienste in Basel. Deutsche Polizisten und portugiesische Kellner haben etwas gemeinsam: Sie tragen Schnäuze und sie meinen es Ernst. Verzichten wir also heute Nacht auf dumme Sprüche, egal wie das Spiel ausgeht.
18. Juni: Von Müttern, Zungen und Mauer-Tulpen
Aufmerksame Sportfreunde erinnern sich: Beim Montagspiel in Wien wurden die Trainer von Österreich und Deutschland auf die Tribüne verbannt. Bei den Reportern und beim Publikum herrschte grosse Ratlosigkeit. Was hatten Jogi Löw und Josef Hickelsberger dem vierten Schiri genau gesagt, dass er sie gleich zur von der UEFA vorgesehenen Höchststrafe verdonnerte, also zur Konversation mit Angela Merkel und zum flotten Abklatschen mit Boris Becker?
Inoffiziellen Quellen zufolge, soll sich am Spielfeldrand folgender Dialog abgespielt haben: Löw: «Sag mal Seppl, ich hab Hunger, hast du mir nicht zufällig noch was zu Futtern?» Hickelsberger (gereizt): «Jogi, lass meine Mutter aus dem Spiel!» Löw (beschwichtigend): «Ich habe Futtern gesagt, nichts über deine Mutter.» Vierter Schiri (wütend): «Meine Herren, noch ein einziges Wort gegen meine Mutter und ihr fliegt beide vom Platz!» Löw und Hickelsberger: «Deine Mutter?»
Während wir Schweizer nun die beruhigende Gewissheit haben, nicht schlechter zu sein, als unser Mitveranstalter im Osten, ist für unsere Nati bereits die Ära Hitzfeld angebrochen. Den ersten Erfolg kann der Weise aus Lörrach bereits verbuchen: Streller bleibt Nationalspieler. Wer sich nun wundert, wie schnell der beleidigte Stürmer seinen Rücktritt vom Rücktritt gegeben hat, unterschätzt wohl die Beweglichkeit von Strellers Zunge.
In Bern ist es wieder totenstill, seit die Holländer weg sind. Trotzdem wird die Erinnerung an die orangen Tage Bestand haben. Die vielen Hektoliter Bier, die in umgewandelter Form an die historischen Sandsteinfassaden der Bundesstadt geplätschert sind, hinterlassen erste Spuren. Aus den mit Urin gedüngten Mauern wachsen da und dort schon erste Tulpen.
17. Juni: Wunder sind heutzutage keine Seltenheit
Vor dem Spiel Schweiz Portugal spielte sich am Eingang zum Stadion ein kleines Drama ab. Ein zirka achtjähriger Bub, trug stolz einen Schal mit Schweizerkreuz. Der Junge konnte nicht wissen, dass er drauf und dran war, ein grobes Verbrechen gegen die UEFA-Richtlinien zu begehen. Zum Glück sah ein Security-Mann im letzten Moment, dass am Halstuch ein klitzekleines Logo einer nicht UEFA konformen Biermarke aufgedruckt war. So konnte dem Kind das schmucke Teil gerade noch rechtzeitig abgenommen werden.
Man stelle sich nur die Katastrophe vor, die hätte eintreten können, wenn der Kleine von einer Kamera aufgenommen worden wäre und irgendein TV-Zuschauer die falsche Werbung am Saum seines Schals bemerkt hätte. Klar war es bitter für den Jungen, den Schal abgeben zu müssen. Ein bisschen hat er schon geheult. Aber was sind die Tränen eines Kindes gegen ein sauberes Marketingkonzept?
Heute ist der Tag, an dem Rumänien den Weltmeister und den Vizeweltmeister in die Ferien schicken kann. Der rumänische Akkordeonspieler im Quartier spielt schon die «Ode an die Freude» von Beethoven – oder wenigstens etwas das entfernt danach klingt. Ich gebe ihm etwas Münz in den Hut, damit er damit aufhört.
Noch immer grüble ich am Gehalt von Otto Rehagels Ausspruch, ein Wunder geschehe nur alle 30 Jahre, denn sonst sei es kein Wunder. Wie kommt der liebe Griechentrainer ausgerechnet auf dreissig Jahre? Ich könnte ihm aus dem Stegreif mindestens zwei Wunder aufzählen, die sich allein in diesem Monat abgespielt haben: Wunder 1: Hakan Yakin hat an diesem Turnier bereits drei Tore mehr erzielt als Luca Toni. Wunder 2: Bis heute sind noch keine Jassfotos unserer Verbandsspitze publiziert worden. Merks dir, Otto!
16. Juni: Wasserlassen an der Kirchenmauer
Bern, Heiliggeistkirche, abends um halbzwölf: Zehn orange gekleidete Männer stehen nebeneinander und pinkeln druckvoll an die Kirchenmauer. Dazu hüpfen sie auf und ab und singen irgendetwas von «oranje boven». – «Grusigi Sieche!», sagt ein Passant und schwört Rache. In Gedanken sehe ich den wütenden Berner schon seine Sommerferien in Holland buchen. Bis er allerdings an so viele niederländische Kirchenmauern gebrunzt hat, wie es die Holländer in Bern gerade tun, werden seine Ferien vorbei sein.
Apropos vorbei: Heute Abend kann für Deutschland bereits alles vorbei sein. Die Nerven in der Truppe von Jogi Löw liegen blank. Der deutsche Goalie Jens Lehmann soll schon derart zittern, dass ihm beim Frühstück jemand die Kaffeetasse halten muss.
Natürlich kommen bei so einer Konstellation in Österreich wieder die schönen Erinnerungen an die WM 1978 auf. Wir wissen nicht, was die Österreicher im Falle eines Sieges gegen den grossen Nachbarn mehr freuen würde: Ihr eigenes Weiterkommen oder das Ausscheiden Deutschlands? Wir vermuten Letzteres.
Die Schweiz richtet den Fokus derweil schon auf die Qualifikation für die WM in Südafrika. Mit Israel, Luxemburg, Lettland, Griechenland und Moldawien haben wir es allerdings wieder mit einer richtigen Todesgruppe zu tun. Zum Glück bleibt uns wenigsten Aserbaidschan erspart.
Die einzigen Schweizer, die jetzt noch Europameister werden können, sind zwei Kroaten. Petric und Rakitic, bleiben auf Kurs. Jungs, wir sind stolz auf euch, enttäuscht uns bitte nicht! Hopp Schwiiz.
15. Juni: Unser Pech mit der Auslosung
Geschätzte Fussballfans, wissen Sie noch, was Sie am Abend des 22. August 2007 getan haben? Die Schweizer Nationalspieler wissen es genau. Sie haben an jenem Abend in Genf gegen Holland gespielt und locker 2:1 gewonnen. Holland ist das Modeteam der EURO 08. Aber unser Doppeltorschütze Barnetta hat die Oranjes vor noch nicht einmal einem Jahr fast allein vom Platz gefegt.
Was ich damit sagen will? Ganz einfach, die Schweiz ist fussballerisch besser als Holland. Und nur weil wir so übermächtige Gegner wie Tschechien und die Türkei zugelost bekamen, konnten wir nicht derart glänzen wie die Flachländer aus dem Tulpenland.
Die Niederlande hatten im Unterschied zu uns unbeschreibliches Losglück. Sie durften gegen Italien und Frankreich ran, gegen zwei Nationen, die wir bestimmt auch gepackt hätten. Aber so ist der Sport, manchmal reicht es nicht aus, klar besser als Holland zu sein, um gross herauszukommen.
Heute Abend haben unsere Jungs wenigsten noch die Chance, sich gegen Portugal in Würde zu verabschieden. Von Cristiano Ronaldo heisst es ja, er sei von den weiblichen Fans als schönster Spieler des Turniers gewählt worden. Wieso eigentlich er und nicht zum Beispiel Ludovic Magnin?
Egal, die Schweizer werden heute im Joggeli noch einmal loslegen wie die Feuerwehr. Besonders unser Team-Manager Adrian Knup wird die Spieler brandheiss machen. Schliesslich ist Knup seinerzeit im letzten Augenblick von einem portugiesischen Nati-Trainer aus dem Kader der EM 96 gekippt worden. Besagter Portugiese hiess Artur Jorge, er schrieb in der Freizeit Gedichte und sein Schnauz sah aus wie ein Kunstrasenteppich. Aber das ist alles längst Geschichte, genau wie die EURO 08 für unsere Nationalmannschaft. Trotzdem Hopp Schwiiz!
14. Juni: Horch was kommt von drinnen her
Während wir Schweizer Fans noch immer heulen und lamentieren, ist Super-Alex Frei rasch nach Dortmund zu seinem Clubarzt gehumpelt, um ihm das böse Knie zu zeigen. «Messer oder Geduld?», hat Alex den Mediziner gefragt, «Operation oder Massage?» Doch so einfach wollte es der Herr Doktor unserem tragischen Helden nicht machen. «Alex, das ist Ihr Knie, das entscheiden Sie. Hören Sie einfach auf Ihren Körper.» Ungefähr so, soll der Doktor geantwortet haben.
Seither sitzt der verwundete Europameister der Herzen immer ganz still da und hört in sich hinein. Aber abgesehen von ein paar Verdauungsgeräuschen und einem zeitweiligen Magenknurren hat er bisher noch nichts Konkretes vernommen. Der Körper schweigt und Alex horcht. Wir Frei-Fans bleiben dran und sind gespannt. Vielleicht kann ja irgendein Radiosender eine Direktleitung schalten, sobald der Body unseres Vorzeigestürmers zu reden anfängt.
Eine Leitung haben in Bern auch die holländischen Fans installiert – und zwar eine Leitung zu ihrer mitgebrachten Ampel. Doch, doch, die Oranjes haben ihr eigenes Verkehrssignal dabei! Die Ampel stellen Sie jeweils so hin, dass möglichst alle sie gut sehen können. Steht das Lichtsignal auf Rot, setzt sich die ganze orange Schar auf den Boden. Sobald dann das Licht auf Orange umschaltet, springen alle Holländer auf und vollführen einen Wahnsinnstanz, wie ihn sonst höchsten der Kroatentrainer Slaven Bilic hinbekommt.
Das sieht grossartig aus. Trotzdem möchte man sich wünschen, dass die Holländer beim Tanzen ein bisschen weniger laut sind. «Psssssst Jongens, wenn ihr dermassen grölt und schreit, kann unser Patient nicht hören, was ihm der Körper zuflüstern will.» Skalpell oder Massage? Körper denk darüber nach.
13. Juni: Die Zukunft hat einen Namen: Zubi!
«Es is schon so long hea!», sagt der alte Mann im Wiener Kaffeehaus und mir ist, als spräche er über die Schweizer Niederlage vom Mittwoch. Ja, es ist tatsächlich schon so lange her, dass man es fast vergessen hätte. Aber das gibt doch dem alten Wiener noch lang kein Recht, in alten Wunden zu wühlen. «Sei still du Schluchtenjodler!», sag ich zu ihm und erst da merke ich, dass er gar nicht vom Türkei Spiel spricht, sondern vom Österreicher Sieg gegen die Schweiz an der WM 1954.
Beschämt über mein Missverständnis verlasse ich das Kaffeehaus. Und apropos alte Männer: Draussen muss ich an einen andern alten Mann denken: Wie geht es eigentlich Pascal Zuberbühler? Was macht unser Ersatzgoalie, unser Oli Kahn für arme Leute, unser George Clooney vom Elektrodiscounter?
Müsste Köbi Kuhn seinem alten Torwart am Sonntag gegen Portugal nicht ein Abschiedsspiel gönnen? Die Idee gefällt mir und sofort telefoniere ich nach Zürich in die Sportredaktion und frage, ob man eine Kampagne mit dem Titel: «Bye, bye Zubi» starten könnte.
Ob es mir in die aufgeweichte Kappe geschneit habe, fragen meine Bosse. «Ein Abschiedsspiel für Zubi? Wer hat denn gesagt, dass Zuberbühler jetzt aufhört?» Freiwillig räume Zubi seinen Platz frühestens dann, wenn er nicht mehr ohne Gehhilfe aus dem Haus könne. Zuberbühler sei wie ein Schachtelkäse: Nicht wahnsinnig gut, aber ewig lange haltbar.
Daran hatte ich gar nicht gedacht. Es könnte stimmen. Abgesehen vom Nationalcoach hat bisher noch keiner offiziell seinen Rücktritt aus der Nati erklärt. Hitzfeld kann also die Zukunft mit dem alten Riesen aus dem Thurgau planen. Zuberbühler soll sich schon mal die nötigen Impfungen geben lassen. Südafrika, wir kommen! Hopp Schwiiz!
12. Juni: Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär
«Wie wollt Ihr meinen Kommentar zum Türkei-Spiel? Saignant oder à point? Oder doch gut durchgebraten?», habe ich die Bosse vom BLICK-Sport schüchtern gefragt? «Sei still und fahr nach Wien, du Kultur-Fuzzi», kam es böse zurück. Befehl ausgeführt! Hier sitze ich nun also an der schönen Donau und langweile micht zu Tode. Ich muss jetzt recherchieren, wie die Ösis vor ihrem Spiel der letzten Chance drauf sind.
«Spuckt ihr den Polen heute in die Randensuppe?», habe ich den ersten Wiener gefragt, der mir über den Weg lief. Doch der hat mich nur traurig angesehen und gemeint, da sei für Österreich wohl eh nichts zu holen. Es ist unglaublich, wie pessimistisch unsere Nachbarn im Osten drauf sind. «Goa ned guad schauts aus!», jammern sie im Chor. Dabei hat doch seinerzeit der österreichische Stürmerstar Hans Krankl mit seinem berühmten Ausspruch «Wir müssen gewinnen. Alles andere ist primär.» noch eine ganz andere Einstellung vorgelebt.
Aber das ist lange her. Zumindest in Wien sehen die Fans dem heutigen Show-Down im Ernst-Happel-Stadion mit Fatalismus entgegen. Der Trainer rede halt zu wenig mit der Mannschaft, sagt mir ein Würstlverkäufer im Fünten Bezirk. Dafür hätte ihm der legendäre Ernst Happel wohl die gleiche Antwort gegeben, die er einst als Trainer des HSV einem Spieler gab, der den ihn fragte, ob er mit ihm reden dürfe: «Wann´s red´n wollen, müssen´s Staubsaugervertreter werden. Ich brauche nur Fussballer.»
Nur ein einsamer Trunkenbold am Stephansdom singt lallelnd : «Immer wieder, immer wieder, immer wieder Österreich.» Wenigstens er glaubt an sein Team, denke ich noch, bis ich genauer hinhöre und vernehme, dass er nach dem «Immer wieder» nicht «Österreich», sondern «sanmer z weich!» gesungen hat.
11. Juni: Wo bleibt der italienische Kulturbeitrag?
Keine Ahnung wie es anderswo ist, aber seit Montagabend wartet ganz Bern vergeblich auf die traditionellen italienischen Hupkonzerte. In früheren Jahren bildete die orchestrierte Huperei aus dem Lande Giuseppe Verdis den kulturellen Background zu allen grossen Turnieren. Aber heuer? Was ist mit den Tifosi los? Hupe defekt? Alfa Romeo im Service? Vor lauter Telefonini keine Hand mehr frei? Oder geht ihr jetzt zum hupen in die Tiefgaragen? Cari Fratelli, wir machen uns ernsthafte Sorgen.
Anders präsentiert sich die Gemütslage bei den Tulpensöhnen. Die tanzen seit Tagen durch die Berner Altstadt wie Rumpelstilzchen auf Heineken-Entzug. Dabei schwärmen sie noch immer von den drei Öfen ihrer schnellen Ballzauberer. Mit Öfen meinen die Holländer natürlich Goals, denn zum Haschrauchen fehlt ihnen bei soviel Gesang ganz schlicht die Puste.
Einziger Wermutstropfen für das Berner Gewerbe ist die offenkundige Sparsamkeit der Holländer. Das Kürzel NL stehe für «Niente Lire», sagen die frustrierten Pizzabäcker am Waisenhausplatz.
Doch nun zum heutigen Showdown: Schweiz Türkei ist eine Affiche, die es in sich hat. Imperator Terim, der türkische Coach, sei angespannt wie Regenschirm, erzählen türkische Kollegen in gewohnt bildhafter Sprache. Terim angespannt wie ein Regenschirm? Vermutlich meinen sie einen Knirps.
Die Anspannung der Osmanen bildet steht im krassen Gegensatz zur eidgenössischen Lockerheit. In unserer Stammkneipe macht gegenwärtig eine Petition für gezielte Organspenden die Runde. Über 500 Leute hätten schon unterschrieben, behauptet einer. Die Forderung besagter Fan-Petition ist einfach und vernünftig, sie lautet: «Streller spende ein Knie für Frei.» Hopp Schwiiz!
10. Juni: Jubeln nach Prinz Poldi Prinzip
Was haben wir beim Torjubel nicht schon für Peinlichkeiten ansehen müssen: siebenfache Beckerfaust, Leibchen über den Kopf, Zwiesprache mit dem Himmel, Kunstturnereinlagen, angedeuteter Liebesakt und anderes mehr. Manche Fussballer sind bei erfolgreichem Abschluss zu jeder Lächerlichkeit bereit.
Es gibt sogar immer mehr Spieler, die nach verwandeltem Penalty jubeln, als hätte vor ihnen noch nie jemand vom Elfmeterpunkt aus getroffen. Dabei müsste sich jeder Schütze nach einem Elfer beim Goalie dafür entschuldigen, dass es ein derart ungerechtes Duell überhaupt gibt.
Gerade weil der Torjubel immer exzentrischer und immer doofer wird, muss an dieser Stelle Lukas Podolski gerühmt werden. Sein diskreter Jubel beim ersten Tor gegen Polen zeugt von Stil und Sportsgeist. Der Jubel nach PPP (Prinz-Poldi-Prinzip) sollte unbedingt Schule machen. Besonders wenn ein Spieler gegen einen ehemaligen Klub oder gegen sein Ursprungsland trifft.
Also lieber Hakan Yakin, mach es morgen gegen die Türkei wie Podolski gegen Polen. Schiess ein paar wunderschöne Tore und vor allem: Juble diskret! Denn erstens sieht ein diskreter Jubel am Fernsehen wesentlich besser aus, zweitens sollen die Türken nicht unnötig provoziert werden und drittens darfst du ruhig so tun, als täte es dir ein bisschen leid, gegen das Land deiner Vorfahren getroffen zu haben.
Konkret stellen wir uns vor, dass du dir den Ball jeweils von Inler zuspielen lässt und ihn spektakulär versenkst. Danach folgen ein leichtes Heben der Augenbraue bei Tor eins und allenfalls ein verschämtes Zurechtrücken einer Haarlocke bei Tor zwei. Beim dritten Treffer darf es dann ein sogar ein kurzes Lächeln sein. Hopp Schwiiz.
9. Juni: Heiliger Alex - unser Chef-Maskottchen
Köbi Kuhn hat Grösse in der Niederlage gezeigt. Match abhaken, Seite umblättern, den nächsten Sieg anstreben. Das waren sinngemäss zusammengefasst seine ersten Worte nach dem Eröffnungsspiel. Bravo, genau so spricht ein Champion! Wenn jetzt die ganze Fussballschweiz mitzieht, schaffen wir den Viertelfinal doch noch.
Allerdings sollte ab sofort jedes Detail stimmen. Von Alain Sutters Übergangsfrisur bis zu Zubis Ultra-Strong-Wet-Look muss ab sofort auch neben dem Rasen alles perfekt passen. An uns Fans solls jedenfalls nicht liegen. Wir träumen weiter. Besonders jetzt, wo unsere Nati mit Alex Frei einen neuen Spitzenfan hat.
Ja, Sie haben schon richtig gelesen. Der Heilige Alex, der Mann, der am Samstag trotz seines frühen Ausscheidens bester Spieler auf dem Platz war, ist ab sofort der Schutzpatron der leidgenössischen Fangemeinde. Alex Frei könnte ja jetzt seine Playstation einpacken und in die Ferien fahren. Doch was tut er stattdessen? Er bleibt bei der Mannschaft und unterstützt sie moralisch! Das ist wahre Grösse!
Eines steht jetzt schon fest: Wenn wir Ende Monat den Kübel holen, haben wir ihn Alex zu verdanken.
Klar stehen noch ein paar halbe Stürmer im Kader. Von Hakan Yakin hat es ja im Vorfeld geheissen, er sei ein halber Stürmer. Vonlanthen ist etwas wie ein halber Stürmer, Barnetta ebenfalls. Strelli ist in der gegenwärtigen Verfassung auch zirka ein halber Stürmer. Wenn wir alle unsere halben Stürmer zusammenrechnen, gibt das schon ein paar ganze Stürmer. Aber viel wichtiger als alle halben Stürmer der Welt ist unser Chef-Maskottchen auf der Bank. Alex, der Märtyrer an Krücken, der Winkelreid vom Joggeli, er wird es von aussen richten! Hopp Schwiiz.
Der Autor
Pedro Lenz ist Schriftsteller und wohnt in Bern. Während der EM schreibt der 43-Jährige in der Kolumne «Kopfstoss» täglich für den BLICK.
Lenz war nominiert für den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Seinen Auftritt übertrug «3Sat» am 28. Juni live.
8. Juni: Warum lacht Degen?
Einverstanden, wir haben verloren. Das ist Schicksal. Es gäbe viele Erklärungen für diese Niederlage: Erstens die Tragödie um Alex Frei. Zweitens das grenzenlose Pech. Drittens die schlaffen Zuschauer. Haben Sie zum Beispiel bemerkt wie Bundesrat Couchepin in seinem Logenplatz gegen den Schlaf ankämpfte? Klar, wenn schon die Magistraten ein Fussballstadion mit einer Chill-Out-Zone verwechseln, geht es nicht.
Ja und dann war da auch noch dieser so genannt Unparteiische. Wäre ich polemisch veranlagt, würde ich an dieser Stelle öffentlich fragen, ob dieser Schiri sonst auch immer erst auf ein drittes Hands im Strafraum wartet, bis er endlich einen Penalty pfeift.
Aber eigentlich wollte ich nur sagen, dass es für die gestrige Niederlage sehr viele vernünftige Erklärungen gibt. Wir sollten also den Kopf nicht jetzt schon in den Rasen Stecken. Noch ist nicht aller Plage Abend. Verlieren kann man immer, die Niederlage allein, ist noch nicht so schlimm.
Was uns wesentlich mehr zu denken geben sollte, ist das Lachen vom Degen. Da sitzt einer auf der Ersatzbank, schon das müsste einen Sportsmann masslos ärgern aber nein Philipp Degen lacht! Neben ihm sitzt sein Captain Alex Frei, traurig, enttäuscht, schwer verwundet an Herz, Stolz und Knie und Philipp Degen lacht! Die Schweiz ist null zu eins zurück, versucht vergebens aufzuholen, hat ein Riesenpech beim Lattenknaller vom Vonlanten – und Philipp Degen lacht!
Wer gestern Abend das Lachen von Philipp Degen gesehen hat, versteht vielleich, warum der grosse Stummfilm-Komiker Buster Keaton in seinen Filmen nie gelacht hat: Gute Komiker lachen selbst dann nicht, wenn es lustig ist. Schlechte Komiker machen es genau umgekehrt.
7. Juni: Alle für Alice
Jetzt aber! Das Rückwärtszählen hat ein Ende, der Anpfiff naht. Endlich können wir uns an den Tschechen einschiessen. Goalie Cech möge seinen Helm gut anschnallen, denn heute Abend werden ihm die Bälle nur so um die Ohren pfeifen. Aber vor dem offiziellen Anpfiff gibt es von mir noch einen kleinen Anpfiff für den Lämmli Ernst.
Der Herr Delegierte hat doch diese Woche behauptet, er habe im Einzelgespräch bisher noch jeden überzeugen können. Und so werde er auch unseren Zungenstrelli zum Rücktritt vom Rücktritt überreden können.
Aber darum gehts doch gar nicht Herr Lämmli. Marco Streller braucht kein Einzelgespräch. Was Streller braucht sind Ohrenstöpsel. Sonst meint er heute Abend, jeder Schiripfiff sei gegen ihn persönlich gerichtet. Also Herr Lämmli, lassen Sie Überzeugungskünsten und überlassen Sie Streller dem Ärzteteam.
In unserer Mannschaftz gibt es für das heutige Spiel noch genau drei Fragezeichen: Barnettas Fussgelenk, Müllers Knie und Strellers Psyche. Das Problem ist nur, dass sich die Psyche nicht einbandagieren lässt.
Aber gut, vielleicht ist ja dann am Ende alles halb so schlimm. Vom Senderos hat es ja vor ein paar Wochen auch geheissen, er sei psychisch angeknackst. Er habe nach dem Champions-League Out mit Arsenal gegen Liverpool in der Kabine geheult. Senderos sei ob seiner Leistung verzweifelt, wurde berichtet. Dabei hat er damals nur ein bisschen geweint, weil ihm eingefallen war, dass er heute Abend gegen den langen Koller ran muss.
Wäre ich unser Nati Trainer, würde ich es gegen Koller mit Auspfeifen versuchen. Jedes Mal wenn er zum Kopfball hochsteigt sollen die, die in seiner Nähe sind, pfeifen und behaupten, sie seien tschechische Fans.
Aber wahrscheinlich ist das gar nicht nötig, denn trotz Koller werden wir die Tschechen diskussionslos abtrocknen. Das ganze Team wird es richten. Köbi Kuhn soll wenigstens im Spiel keine Sorgen haben müssen.
Deshalb Jungs: Macht es für den Trainer! Das einzige Motto muss lauten: A.F.A. (Alle für Alice). In diesem Sinn Hopp Schwiz und bis morgen. Alle für Alice.











