Sackgasse Heim–WM

  • Aktualisiert am 19.01.2012
  • Von Thomas Renggli und Dino Kessler

In 27 Tagen will die Schweizer Nationalmannschaft an der Heim-WM grosses Kino bieten. Doch Trainer Ralph Krueger weist die potenziellen Hauptdarsteller vor die Tür.

Stellen Sie sich vor, die Fussball-Euro 08 hätte ohne unsere Besten stattgefunden. Ohne Alex Frei, Tranquillo Barnetta und Diego Benaglio. Bloss weil es Trainer Köbi Kuhn so gewollt hätte.

Unmöglich.

Nicht so im Schweizer Eishockey. Ende April beginnt in Bern ein Jahrzehnt-Anlass, die Weltmeisterschaft. Unsere Nati fordert in der Vorrunde unter anderem Titelverteidiger Russland. Neuneinhalb Monate später ein weiterer Höhepunkt: Unserer Hockey-Nati kommt die Ehre zu, das Olympia-Turnier in Vancouver gegen die USA zu eröffnen. Besondere Ereignisse verlangen besondere Massnahmen – und Hauptdarsteller, die bereit sind, dem Erfolg alles unterzuordnen und über den eigenen Schatten zu springen.

Anders in der Hockey-Nati. Headcoach Krueger bleibt Alleinherrscher, trotz mittelmässigem Leistungsausweis (Siehe Artikel rechts). Die meisten Schweizer Schlüsselspieler in den diesjährigen Playoffs (Reto von Arx, Michel Riesen, Marcel Jenni, David Aebischer) besitzen keine Chance auf ein WM-Aufgebot.

Grund: Sie teilen Kruegers Vorstellungen nicht in allen Punkten. Und dafür kennt man in der geschützten Werkstatt des Schweizer Eishockeyverbands nur ein Verdikt: Hausverbot, lebenslänglich.

Der Ursprung des Zerwürfnisses zwischen Krueger und Von Arx, Riesen, Jenni & Co. ist an sich lächerlicher Natur. Bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City scheiterte die Nati schon im Vorturnier. Reto von Arx und Marcel Jenni spülten den Frust in der Mormonenstadt mit ein paar Bierchen herunter. Krueger witterte «Verrat» und schickte beide Sünder per Luftpost nach Hause.

Zwar erhielten die Ungehorsamen später nochmals ein Aufgebot, doch ideologisch war mit der olympischen Sumpftour der Bruch vollzogen. Spieler, die sich nicht bedingungslos dem Kollektiv- (bzw. Defensiv-)Gedanken unterordnen, haben in der Nationalmannschaft nichts zu suchen.

Resultat: Die Nati übt den sportlichen Stillstand.

In ihrer aktuellen Besetzung ist die Schweizer Auswahl nur dann zu einer Parforceleistung fähig, wenn sich die Topnationen in der Aufwärmphase befinden. So etwa bei den Vorrunden-Siegen an Olympia 2006 (gegen Tschechien und Kanada) oder an der WM 2008 in Kanada (gegen Schweden). Steht aber wirklich etwas auf dem Spiel, gehen bei den Schweizern die Lichter aus.

Damit unsere Heim-WM zum Erfolg wird, muss ein frischer Mann her. Einer, der statt eines esoterischen Wohlfühl-Zirkels eine erfolgsorientierte Zweckgemeinschaft formt. Einer, der die Karten neu mischt – und die Türen für die Besten öffnet.

Einer wie der Davoser Erfolgscoach Arno Del Curto.

Doch zumindest vordergründig ist das noch kein Thema. Denn Ralph Krueger befindet sich in einer Position, von der jeder andere Trainer nur träumt. Der Hockey-Verband verweigert sich der K-Frage. Offiziell gilt die Meinung, dass an dieser Heim-WM «mehr als der siebte Platz nicht drin liegt».

Künftig wird diese Verwaltermentalität aber kaum mehr geduldet – wenn Philippe Gaydoul im Sommer die Verbandsspitze übernimmt. Der Denner-CEO und designierte Präsident von Swiss Hockey wird neue Visionen und frischen Wind in den eissportlichen Mikrokosmos bringen.

Gaydoul ist in Sachen Eishockey ein Quereinsteiger. Doch die Erfolgsgeschichte des HC Davos kennt er genau. Das könnte spannend werden – und Arno Del Curto neue Jobperspektiven eröffnen. Früher oder später.

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