Lars Leuenberger verlor trotz Titel seinen Job «Frage mich selbst, wie ich das geschafft habe»

Verrückter kann ein Jahr kaum sein. Beinahe wurde Lars Leuenberger (41) gefeuert, dann führte er den SC Bern zum Titel, musste aber trotz Erfolg gehen – und ist bis heute arbeitslos.

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NLA Schweiz

Platz Mannschaft SP Tore Punkte
1 SC Bern 41 128:96 86
2 ZSC Lions 42 137:100 86
3 EV Zug 39 124:85 82
4 Lausanne HC 40 131:104 74
5 HC Davos 40 119:109 59
6 EHC Biel 41 120:117 58
7 HC Lugano 42 117:140 55
8 Genf-Servette HC 41 101:116 54
9 EHC Kloten 41 117:134 49
10 SCL Tigers 42 99:122 49
11 HC Fribourg-Gottéron 40 102:136 42
12 HC Ambri-Piotta 41 100:136 41

Eishockey

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Herr Leuenberger, angenommen, Sie müssten Ihrem Jahr eine Schlagzeile geben. Wie sähe die aus?
Lars Leuenberger: Ziel erreicht.

Sie blicken mit positiven Gefühlen zurück?
Es war ein wunderschönes Jahr. Was wir in Bern erreichten, trauten uns nur wenige zu. Eine pickel­harte Zeit. Doch im März starteten wir durch.

Trotzdem sind Sie seit acht Monaten arbeitslos.
Viele fragen, wie es mir geht. Klar, ich habe keinen Job. Dafür aber eine gesunde Familie und zwei Kinder, die sich wahnsinnig freuen, dass ihr Papa so viel Zeit hat. Ich sehe sie aufwachsen, wie sie sich entwickeln. Das geniesse ich. Zudem hole ich nach, was ich in den letzten 20 Jahren verpasst habe.

Was sprechen Sie an?
Ich verreise mit der Familie am Wochenende in die Berge, gehe Ski fahren. Und vor zwei Wochen war ich mit Kollegen in Zermatt. Für so etwas hatte ich sonst nie Zeit.

Hatten Sie nie Mühe?
Ich brauchte sicher Zeit, bis ich akzeptieren konnte, dass ich keinen Job habe. Der Anfang war nicht leicht.

Spielte es eine Rolle, dass Ihre Frau Nicole Berchtold arbeitet?
Nein, das tut nichts zur Sache. Nicole hat immer gearbeitet. Wir leben ja nicht mehr im 19. Jahrhundert, als die Frau nur am Herd stand.

Hätten Sie gedacht, dass es so schwierig wird, einen Job zu bekommen?
Es gibt neben dem SCB elf NLA-Klubs. Viele haben ihren Trainer. Als es im Frühjahr in Kloten und als U20-Nati-Trainer nicht klappte, wusste ich, dass es Herbst wird.

Jetzt ist Weihnachten. Dabei wären Sie fast Biel-Trainer geworden, sprachen auch mit Ambri.
Es gab diverse Gespräche in dieser Zeit, die nicht publik wurden. Ein spannendes Business. Ich bleibe zuversichtlich. Mir ist wichtig, dass meine Tage eine Struktur haben.

Was tun Sie?
Ich stehe mit den Kindern (Luis ist 5, Milo wird am Montag 3, Anm. d. Red.) um sieben Uhr auf, gehe ins Fitness, analysiere Teams und schneide Videos. Hin und wieder halte ich Referate, bin bei Teleclub als Experte im Einsatz oder bilde mich im Ausland weiter. So reiste ich zu Antti Törmänen nach Finnland und ich werde Guy Boucher in Ottawa besuchen. Ich will bereit sein, wenn ich wieder an der Bande stehe.

Welche Rolle spielt Ihre Familie?
Eine sehr grosse. Als man mir damals in Bern die Chance als Head-Coach gab, meinte meine Frau: «Mach das. Egal, was passiert. Wir stehen das durch und werden einen Weg finden.» Nun haben wir einen Weg gefunden und sind glücklich.

Welches war der härteste Moment?
Die Niederlagen Anfang Jahr. Das Team wurde immer unsicherer, der Druck ständig grösser. Ich musste als unerfahrener Trainer viel Überzeugungsarbeit leisten. Die Mannschaft zusammenzuhalten war extrem hart.

Sie gaben sich stets cool und abgeklärt. In Ihnen muss es doch auch mal gebrodelt haben?
Du kannst nichts vorspielen. Natürlich wurde ich in der Garderobe mal laut. Hätte ich aber den Hampelmann gemacht, wäre das Team auseinandergefallen.

Wäre Sportchef Alex Chatelain nicht gewesen, CEO Marc Lüthi hätte Sie im Februar gefeuert. Das konnte Ihnen kaum egal gewesen sein.
Ich wusste, dass dies passieren konnte. Doch ich war wie in einem Film, befand mich auf einer Mis­sion und blendete alles andere aus. Viele Trainer werden nie die Chance haben, den SCB zu coachen. Ich aber bekam sie und sagte mir: Egal was passiert, da gehe ich durch.

Reden Sie weiter.
Es wäre ein verdammt hartes Business, wäre ich immer gleich eingeschnappt. Gut war, dass meine Kinder noch jung waren. Sie haben mich nie gefragt, weshalb ich schon wieder verloren habe. Meine Familie ist meine Insel. Zu Hause konnte ich stets auftanken.

Drei Tage vor den Playoffs wurde Ihnen dann gesagt, dass Sie Ende Saison gehen müssen.
Als mich Lüthi in sein Büro bat, sagte ich noch zu meinem Assistenten: Das wars dann wohl. Ich habe es akzeptiert, mit Marc zwei, drei Sätze gesprochen und ging zurück an die Arbeit. Ich wusste, am nächsten Tag stehe ich wieder vor der Mannschaft. Die will wissen, wie wir den ZSC schlagen. Hätte ich sie enttäuschen sollen? Bloss wegen mir? Nein!

Wie konnten Sie das so locker wegstecken?
Es gibt immer wieder Hürden zu bewältigen. Und jeder hat die Fähigkeit, über sich hinauszuwachsen. Das wird dir aber erst hinterher so richtig bewusst. Heute frage ich mich manchmal selbst, wie ich das geschafft habe.

Was trieb Sie an?
Die Leidenschaft für den Sport und den Klub. Ich war nicht einfach bloss ein Angestellter. Schauen Sie nach Schweden oder Finnland. Dort sind viele mit ihren Klubs verwurzelt, holen so wohl noch ein paar Prozente mehr Leistung heraus. Vielleicht erzielten die beiden Nationen auch deshalb so grosse Fortschritte, weil sie mit Einheimischen arbeiten.

Ist es hierzulande ein Nachteil, Schweizer zu sein?
Man hat in einen Schweizer weniger Vertrauen als in einen Ausländer. Das ist Fakt. Es gibt in der NLA nur noch Arno Del Curto.

Worauf führen Sie das zurück?
Schwierige Frage. Vielleicht klingt dieselbe Botschaft in Englisch besser als auf Schweizerdeutsch. Schade ist man vom Weg abgekommen. Ich hatte gehofft, unser Titel würde einen Schub geben.

Böse Zungen behaupten, der SCB wäre auch mit einem Kartoffelsack an der Bande Meister geworden.
Dann wäre Arno ja sechsmal ein Kartoffelsack gewesen. Oder Crawford. Natürlich brauchts eine gute Mannschaft. Die hatten auch wir. Doch die musste auch geführt werden. Und auf mein System, das ich auf die Playoffs hin eingeführt habe, fand keiner eine Antwort.

Haben Sie den Eindruck, Sie müssten sich jeweils rechtfertigen?
Nein, das würde ich auch nicht tun. Aber ich habe mir oft die Frage gestellt, wie das wirkt? Da kommt ein 41-Jähriger, räumt alles ab, gewinnt gegen den Stanley-Cup-Sieger 4:0, gegen den erfolgreichsten Schweizer und das grosse Lugano 4:1. Das scheint so unglaublich, dass einige es mit Glück in Verbindung bringen. Hätte es ein 50-Jähriger aus der NHL geschafft, er wäre vielleicht der Held gewesen.

Spüren Sie mangelnde Wertschätzung?
Überhaupt nicht. Noch heute wird mir auf der Strasse oder beim Einkaufen gratuliert. Schlussendlich haben wir gewonnen. Der Erfolg gibt mir recht.

Ihre Kinder haben von allem nichts mitbekommen?
Wenig. Ihnen war auch nicht bewusst, dass ich Meister wurde. Etwas vom Schlimmsten aber war, als ich Luis mitnahm, um mein Büro zu räumen. Plötzlich fragte er, was ich eigentlich mache. Erklären Sie das mal einem Vierjährigen.

Was haben Sie ihm geantwortet?
Dass was Neues kommt. Er wollte wissen, ob er denn nicht mehr zu Fräne (Material-Chef Frank Kehrli, Anm. d. Red.) dürfe und die Eismaschine sehen könne.

Wie ist es heute?
Luis besucht die Hockey-Schule. Kinder haben so viele Eindrücke. Heute gefällt ihnen das, morgen etwas anderes.

Waren Sie wieder mal an einem SCB-Spiel?
Ja, gegen Langnau vor einem Monat. Ich wollte auch wissen, wie es sich anfühlt, wieder die Halle zu betreten.

Und wie wars?
Egal. Die nächste Frage (lacht).

Sie waren mit Marc Lüthi essen?
Ja, wir beide konnten ein paar Dinge aus der Welt schaffen. Wir gingen nicht im Streit auseinander.

Wie viel Zeit geben Sie sich eigentlich noch?
Diese Saison.

Und wenn sich nichts ergibt?
Es wird sich etwas ergeben.

Wie sind Sie mit dem EHC Biel verblieben?
Wir werden wieder miteinander reden.

Publiziert am 25.12.2016 | Aktualisiert am 26.12.2016
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7 Kommentare
  • Anna  Rusch 26.12.2016
    Den Titel in Bern holte sich vor allem sein Team und sich mit Arno vergleichen zu wollen, ist etwas des Guten zu viel! Es stehen im Frühling auch wieder in den unteren Ligen, viele begnadete Schweizer Trainer auf der Strasse und die kommen beim RAF nicht so gut weg wie er seit fast einem Jahr und seinen excl. Freizeitaktivitäten!
  • Jack  Wolf aus Rorbas
    26.12.2016
    Nur eine Frage der Zeit bis er wieder einen Job hat, was er mit dem SCB geleistet hat ist unglaublich. Vom Druck dem er ständig ausgesetzt gewesen ist ganz zu schweigen. Viel Glück Läse, bis bald wieder an der Bande.
  • Tashunka  Blue aus Watt
    26.12.2016
    Richtig...Herr Kohler. Die Schweizer Macher und Erfinder sind nicht die Grossen.. Beispiele kann man im Bereich Hockey noch erweitern und sagen der Unihockey Erfinder ist auch ein Schweizer und trotzdem wird dies kaum beachtet.. Immerhin ist Unihockey mittlerweile die Schweizer Sportart Nummer Fünf, in der Schweiz...
  • Markus  Kohler aus thun
    26.12.2016
    Leuenberger ist Schweizer, das ist in diesem Land in vielen Fällen ein grosser Nachteil punkto Karriere. Im Hockey sollte man Amerikaner, Kandier oder Schwede sein und in der Medizin Deutscher. In diversen Branchen gibt es einen Inländernachteil, letztlich geht es um einen "Minderwertigkeitskomplex", der in diesem Land ein Hindernis für "inländisches Schaffen" darstellt.
    • Tashunka  Blue aus Watt
      26.12.2016
      Richtig Herr Kohler. Der Unihockey Erfinder ist auch ein Schweizer, und das ein ETH Turnlehrer... aber es ergeht ihm genau so, wie sie beschreiben. kaum einer will das zur Kenntnis nehmen.. Vielleicht sollte er eben auch ein Schwede oder Kanadier sein....
    • Anna  Rusch 26.12.2016
      @Kohler: diese Länder die Sie aufgezählt haben, würden einem Schweizer Coach nie einen Job geben, wie wir deren Landsleute fette Saläre für mässige Leistungen ausbezahlen, seit Jahrzehnten! Aber unseren beschränkten Markt der Trainer wird von denen beherrscht und besetzt und deren Agenten und zu viele Sportchefs. sind fast alle ehem. Schweizer Spieler! Hat man da noch Fragen, wohl kaum!
  • Tashunka  Blue aus Watt
    26.12.2016
    Die Zeit kommt. dass Lars Leuenberger wieder an der Bande steht.
    Optimistisch und Zuversichtlich ist er ja selbst, und das ist gut so.
    Auf der anderen Seite ist das halt auch das Los der Profitrainer...mal da mal dort .. und mal halt keinen Job
    Viel Glück Lars, es kommt gut... wie du ja selber sagst...