NHL-Blog von Doug Honegger

  • Publiziert: 14.05.2009, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Doug Honegger

BLICK-Eishockeyexperte und NHL-Fachmann Doug Honegger schreibt im NHL-Blog über die beste Liga der Welt und legt sein Augenmerk auf die Schweizer Spieler.

Streit beginnt mit einem Knall (5. Oktober 2009)

Mark Streit begann die NHL-Saison 2009/2010 mit einem Knall: 1 Tor, 1 Assist beim 3:4 nach Penalties gegen den amtierenden Stanley-Cup-Sieger Pittsburgh. Der Berner Verteidiger erhielt mit 26:24 Minuten am meisten Eiszeit aller Islanders. Die NHL hatte mit viel Spannung auf die Premiere des Nr.1-Draftpicks John Tavares gewartet. Der angehende Superstar der Islanders erfüllte die Erwartungen schon in seinem 1. NHL-Spiel mit einem Tor und einem Assist.

In Kalifornien enttäuschten die Anaheim Ducks ihr Heimpublikum mit einer 1:4-Niederlage gegen den erbitterten Rivalen aus San Jose. Im letzten Frühling hatten die Ducks in der ersten Playoffrunde für die Sensation gesorgt, als sie die topgesetzten Sharks in die Ferien schickten. Jonas Hiller stand als Nr. 1 im Tor, Luca Sbisa kam bei seinem Debüt für die Ducks auf rund 13 Minuten Eiszeit.

Alexander Owetschkin ist schon wieder Alexander der Grosse: Der russische Supertechniker buchte bei der Heimpremiere der Washington Capitals (6:4 gegen Toronto) 3 Skorerpunkte. Das gleiche Kunststück war ihm schon beim ersten Spiel der Caps (4:1 in Boston) geglückt. Owetschkin hat über den Sommer rund 5 Kilogramm an Muskelmasse zugelegt und wirkt jetzt noch dynamischer als letzte Saison – und das ohne an Tempo oder Beweglichkeit eingebüsst zu haben.

Meine Notizen des ersten Wochenendes:

– Colorado: Die Avalanche hat auf das richtige Pferd gesetzt: der 18-jährige Rookie Matt Duchene überzeugt durch Talent, Tempo und Durchsetzungsvermögen. Wird er der nächste Joe Sakic?

– Toronto: Wollen die Maple Leafs tatsächlich die Playoffs erreichen, müssen sie wohl auf Jonas «Das Monster» Gustavsson hoffen. Nr.1-Goalie Vesa Toskala hat schon am ersten Wochenende seine Schwächen unter Beweis gestellt.

– Montreal: GM Bob Gainey wird sich nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Andrei Markow fragen, warum er vor Jahresfrist Mark Streit ziehen liess. Markow wird nach einem Bänderriss 4 Monate ausfallen und hinterlässt als Powerplay-Spezialist eine grosse Lücke. Das ist die Chance für Yannick Weber, der nach ein paar Tagen bei Hamilton schon wieder zurück in Montreal ist.

Ein wahrer Segen (13.5.2009)

Eine wahrer Segen: die Flut von Entscheidungsspielen in den Stanley-Cup-Playoffs. Auf genau dieses Mass an Spannung und Dramatik hat die NHL gehofft. Die Entscheidungsspiele sind es, welche den NHL-Playoffs ihren unvergleichlichen Touch geben. Nach Washington am Montag schafften es zuletzt auch Anaheim und Boston ins siebte Spiel.

Die Ducks konnten dabei wieder auf einen spektakulär guten Jonas Hiller zählen – 38 Schüsse des Titelverteidigers entschärfte der Appenzeller.
Das Entscheidungsspiel findet in Detroit statt – eine schwierige, aber nicht unbedingt umögliche Aufgabe für die Ducks.

Für das sechste Spiel hatte Anaheim-Coach Randy Carlyle gepokert: Er vereinigte seine besten Kräfte im ersten Fünferblock – Pronger, Scott Niedermayer, Getzlaf, Perry und Bobby Ryan. Diese Kombination war es auch, welche den Ducks (neben Jonas Hillers Glanzleistung) das Playoff-Leben verlängerte: Perry und Getzlaf buchten je ein Tor und einen Assistpunkt. Unter der Ägide dieses Quintetts und mit Jonas Hiller in Bestform haben die Ducks eine echte Chance, den Titelverteidiger zu Hause in «Hockeytown» auszuhebeln.

Die Boston Bruins haben es tatsächlich zurück in die Serie geschafft – nach drei Niederlagen in Serie. Das 4:2 in Raleigh (Carolina) war eine taktische Meisterleistung der Bruins, orchestriert durch die magistrale Rückkehr des Giganten Zdeno Chara. Der hünenhafte Verteidiger hatte im 4. Spiel eine schwache Figur abgegeben; zuletzt vermochte er wieder seine Bestform auszuspielen – genauso wie Goalie Tim Thomas, der mit seinem wilden Stil an den tschechischen Klassiker Dominik Hasek erinnert. Auch Thomas führt in seinem Kasten wilde Tänze auf, lässt jegliche Eleganz vermissen, wird aber umso aggressiver und bissiger, je mehr auf dem Spiel steht.

Hinweis:

Die Pittsburgh Penguins haben sich in der NHL als zweites Team nach den Chicago Blackhawks für die Playoff-Halbfinals qualifiziert. Der letztjährige Stanley-Cup-Finalist setzte sich im entscheidenden siebten Spiel auswärts gegen die Washington Capitals diskussionslos 6:2 durch.

Treibt Hiller auch Detroit zur Verzweiflung? (28.4.)

Jonas Hiller und die Anaheim Ducks haben die Sensation geschafft und die topgesetzten San Jose Sharks in sechs Spielen eliminiert.

Anaheim stieg als Aussenseiter in die Serie gegen das punktbeste Team der Regular Season. Damals hatten zwei Fragen dominiert: Können die Sharks und Joe Thornton ihren Ruf als Playoff-Versager abschütteln? In den letzten vier Jahren hatte San Jose viermal die Pacific Division gewonnen, war aber nur einmal bis in die zweite Playoff-Runde vorgestossen. Die Antwort ist nein.

Die zweite Frage? Wie würde Jonas Hiller mit dem Druck als «Starting Goalie» umgehen? Nun, San Jose verzeichnete in jedem Spiel mehr Schüsse als Anaheim, und Hiller war ganz einfach nur spektakulär und fantastisch, kassierte in sechs Spielen nur 10 Tore und verbuchte zwei Shutouts.

Die nächste Frage für Hiller: Kann er auch den Titelverteidiger – die unglaublichen Detroit Red Wings – zur Verzweiflung treiben?

NHL-Schweizer überzeugen (21.4.)

Die helvetische Tradition von grossen Torhütern in der NHL wird von Jonas Hiller fortgeführt – ja vielleicht sogar neu definiert. Hiller bewegt sich in den Fussstapfen von David Aebischer und Martin Gerber, die mit Colorado und Carolina je einen Stanley Cup gewinnen konnten. Hiller ist aber der erste Schweizer Goalie, der in den Playoffs als Nummer 1 die Geschicke seines Teams massgeblich beeinflusst. Der Appenzeller war in den ersten beiden Spielen gegen die San Jose Sharks geradezu brillant und liess dabei nur zwei Gegentore zu.
Anaheim hatte die Playoffs erst nach einem soliden Endspurt geschafft, aber um gegen die favorisierten Sharks die nächste Runde zu erreichen, benötigen die Ducks mehr als nur ein paar Leaderfiguren wie die Gebrüder Niedermayer, Chris Pronger oder Ryan Getzlaf: Sie sind auf die Dienste eines erstklassigen Torhüters wie Jonas Hiller angewiesen.

Der Berner Yannick Weber hat in den Spielen 2 und 3 gegen die Boston Bruins mächtigen Eindruck hinterlassen. Weber ist für seinen harten Schuss von der blauen Linie bekannt (und gefürchtet), am Montag gelang ihm im zweiten Drittel der zwischenzeitliche Ausgleich mit einem wohlgetimten Handgelenkschuss. Noch beeindruckender war aber sein cleveres Puckmanagement – die Bestätigung dafür lieferte er mit dem Zuspiel zu Chris Higgins Tor im ersten Drittel. In seinen beiden ersten Playoff-Spielen überhaupt hat Weber viel Geschick und Grips bewiesen. In meiner Heimatstadt Montreal fragen mich viele Experten, ob Weber der nächste Mark Streit sein kann. Für eine definitive Antwort ist es natürlich noch zu früh, aber Weber zeigt im Moment gegen die Boston Bruins, dass er zweifelsohne über das Rüstzeug eines NHL-Verteidigers verfügt.

Auch Luca Sbisa kam in der heftig umstrittenen Serie gegen die Pittsburgh Penguins zum Einsatz – wenn auch nur während etwas mehr als 5 Minuten in der zweiten Partie. Aber die Coaches sehen alles; und was sie gesehen haben, war nur positiv: Sbisa hat viel Geschick im Umgang mit dem Puck gezeigt und sich nahtlos in die widerborstige Philosophie der Flyers eingefügt.

Eastern Conference

Doug Honegger über die vier Playoff-Paarungen der Eastern Conference.

Boston (1., 116 Punkte) vs. Montreal (8., 93 Punkte)

Die Bruins sind ein talentiertes, sehr hartes Team. Sieben Spieler haben 20 oder mehr Tore erzielt, dazu verfügt das Team aus Massachusetts mit Goalie Tim Thomas und Verteidiger Zdeno Chara über herausragende Spieler in der Defensive.

Montreal muss in den Playoffs des Jubiläumsjahres (100 Jahre Canadiens) auf Andrei Markow verzichten. Der russische Verteidiger war in der Regular Season Montreals konstantester Wert. Das Gleichgewicht fehlt beim Stanley-Cup-Rekordsieger (24 Titel) auch im Tor, Hoffnungsträger Carey Price war in dieser Saison schlicht und einfach nicht gut genug. Seit 1993 warten die «Habs» und Kanada auf einen Titel; zumindest für Montreal wird das Warten auch im Jubiläumsjahr weiter gehen.

Tipp: Boston in sechs Spielen.

Washington (2., 108 Punkte) vs. New York Rangers (7., 95 Punkte)

Die Affiche ist spektakulär: Alex Owetschkin und die heisseste Show der NHL attackieren den Broadway – ein Traum für die Marketingstrategen der NHL. Die offensichtliche Wahl wäre es, Owetschkin und die Capitals zu favorisieren.

Die Rangers haben den Tritt auch nach dem Trainerwechsel von Tom Renney zu John Tortorella nicht gefunden – aber in den Playoffs entscheiden vielfach die Torhüter über Erfolg und Drama. Die Rangers haben mit Henrik Lundqvist einen bewährten Goalie der Extraklasse, Washingtons Jose Theodore vermochte den Ruf des Unbeständigen nicht zu verwischen. Nicht zu vergessen: Sean Avery. Der kontroverse Flügel der Rangers wird in dieser Serie auf jeden Fall ein Faktor.

Tipp: New York Rangers in sieben Spielen.

New Jersey (3., 106 Punkte) vs. Carolina (6., 97 Punkte)

Die Devils waren meine frühen Favoriten, als Martin Brodeur nach 50 Spielen Verletzungspause sein Comeback gab. Waren, weil New Jersey und Brodeur gegen Ende der Regular Season einfach nicht konsistent genug gespielt haben.

Natürlich wäre es ein Fehler, ein Team mit Martin Brodeur im Tor abzuschreiben – aber die Carolina Hurricanes sind ein exzellentes Team. Die Abwehrreihen sind läuferisch auf höchstem Niveau und bewegen den Puck ausgezeichnet. Dazu kommt eine gut ausbalancierte Offensive, und zu guter Letzt verfügen die Südstaatler in Cam Ward über einen exzellenten Goalie. Seine Erfolgsbilanz seit Anfang März: 13 Siege, 4 Niederlagen.

Tipp: Carolina in sechs Spielen.

Pittsburgh (4., 99 Punkte) vs. Philadelphia (5., 99 Punkte)

Die Schlacht um Pennsylvania geht weiter: Letztes Jahr setzten sich die Penguins in der dritten Runde und in fünf Spielen durch. Die Flyers haben im letzten Spiel der Qualifikation gegen die Rangers den Heimvorteil vergeigt – und genau dies könnte diese Serie entscheiden.

Die Pens sind heiss, seit Dan Bylsma den Coaching-Job von Michel Therrien übernommen hat. Sidney Crosby hat mit Bill Guerin und Chris Kunitz endlich effektive Sturmpartner gefunden – und da wäre ja auch noch Topskorer Ewgeni Malkin…

Ich glaube kaum, dass die Flyers – obwohl sehr ausbalanciert und kompakt – über die Dauer der Serie genug Mittel finden, um die wiedererstarkte Offensiv-Power der Penguins auszuhebeln. Ausserdem hat Pittsburgh auf der Goalie-Position Vorteile, und Crosby wird nach einer – für seine Verhältnisse – durchschnittlichen Qualifikation in den Playoffs für Furore sorgen.

Tipp: Pittsburgh in sieben Spielen.

Western Conference

Doug Honegger über die Playoff-Paarungen der Western Conference.

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Eishockey