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«Nein, nein! Keine Fotos hier», sagt die Managerin des Sportgeschäfts bestimmt. Dabei will Andres Ambühl nur schauen, ob ihm die Farben der New York Rangers auch stehen. «Wenn Sie ein so grosser Fan der Rangers sind, können Sie sich gleich eins kaufen und müssen es doch nicht fotografieren», sagt die Frau. Ambühl grinst und beisst sich auf die Lippen. Wenn sie nur wüsste, dass der junge Mann mit der Zahnlücke vielleicht bald gut dafür bezahlt wird, in solch einem Shirt im Madison Square Garden aufzulaufen. Aber Ambühl ist kein Aufschneider. Er lässt das lieber sein Geheimnis bleiben.
Der Davoser ist in der Acht-Millionen-Metropole angekommen. Doch wo er derzeit lebt, gibt es nicht viel Grossstadt-Feeling. Trainiert wird in Tarrytown, geschlafen in einem Hotel in White Plains. Beides trostlose Vorstädte, wie es sie in Amerika zu Hunderten gibt.
«Es ist schon lustig. Die daheim denken immer: Der ist in New York. Da, wo immer Party ist. Aber in Tarrytown und White Plains ist gar nichts los», sagt Ambühl. Will man hier unter die Leute, geht man ins Einkaufszentrum. Viel mehr Ablenkung gibts in der nördlichen Peripherie New Yorks nicht. Einen Monat ist er nun weg von Daheim. Zu Beginn hat er sich schwergetan, einsam in einem schmucklosen Geschäftshotel zu wohnen. Doch jede Woche werden neue Teamkollegen am selben Ort einquartiert.
Und eine andere Perspektive macht ihn noch glücklicher. Seine Freundin unterbricht ihr Studium und kommt im Oktober. «Sie macht hier eine Sprachschule und bleibt für ein halbes Jahr hier», sagt er.
Klangvolle Namen
Trainiert hat er zwar bereits mit dem Team, aber das war nur das Vorgeplänkel für das eigentliche Trainingslager, das am Freitag begonnen hat. Erst jetzt ist Coach John Tortorella dabei. Und ab jetzt gilt es sich für die «Broadway Blueshirts», den Klub mit der magischen Ausstrahlung, aufzudrängen.
Die Rangers sind einer der ältesten NHL-Klubs, gehören zu den «Original Six». Beim viermaligen Stanley-Cup-Sieger ist über die Jahrzehnte fast alles aufgelaufen, was Rang und Namen hatte. Im Herbst seiner Karriere auch Wayne Gretzky.
Um die Jahrtausendwende hiessen die Stars Mark Messier, Eric Lindros, Theoren Fleury und Pawel Bure. Später kamen Alexej Kowalew, Jaromir Jagr oder Martin Rucinsky. Ein «Who is Who», das einem die Tränen in die Augen schiessen lässt. Doch auch die klangvollen Namen mit den Millionengehältern konnten nicht verhindern, dass die Rangers seit 1994 vergeblich auf den grossen Coup hoffen.
Auf der Internetseite des Klubs steht nun Andres Ambühl zuoberst auf der Spielerliste. Mit seiner Wichtigkeit hat das nichts zu tun. Noch ist er hier ein Nobody.
Das zeigt sich auch am Salär. Captain Chris Drury etwa verdient acht Millionen Dollar, Neuzugang Marian Gaborik 7,5 Millionen. Kommt Ambühl ins Team, wird ihm etwas mehr als eine halbe Million Dollar pro Saison gutgeschrieben. Muss er ins Farmteam Hartford Wolf Pack, sind es noch 65000. «Ich müsste auf viel Geld verzichten. Aber ich bin ja nicht wegen des Geldes hier», sagt der Davoser, der morgen seinen 26. Geburtstag feiert.
«Ich werde Gas geben»
Die Teamkollegen haben ihn gut aufgenommen. Auch die Stars wissen, wie es sich anfühlt, wenn man unten beginnt. Und dass es schnell gehen kann, dass man schnell wieder weg ist vom Fenster. Die Wirklichkeit in der AHL heisst oft Busreisen statt Erstklassflüge. Und Fünfsternehotels kennt man nur von aussen.
«Ich werde Gas geben. Ich bin einer, der immer voll geht, der forecheckt. Ich glaube schon, dass ich eine Chance habe», sagt Ambühl. Sein Nationalmannschafts-Kollege Mark Streit hat diesen Stress nicht mehr. Er ist für die New York Islanders zur unverzichtbaren Stütze geworden.
Streit gibt Ambühl eine reelle Chance. «Läuferisch ist er sowieso gut. Dazu ist er ein physischer Spieler. Schliesslich gehts für ihn darum, seine Rolle zu finden. Es gibt offensive Linien, defensive Linien und sogenannte Energy-Linien. Da sehe ich ihn durchaus.»
Gleichzeitig gilt: Klappe halten, jeden Job annehmen. Man müsse sich bewusst sein, dass die NLA und die NHL zwei verschiedene Sportarten bedeuteten. Schaffe er es jedoch ins Team, winke ihm das ganz grosse Erlebnis. «Die Rangers sind eine coole Adresse, haben eine tolle Organisation. Das ist eine Riesengeschichte für ihn», sagt Streit.
Wenn Anfang Oktober die Saison beginnt, will Ambühl im blauen Shirt stecken. Im Sportgeschäft mit der netten Dame müssten sie dann ihr Sortiment erweitern. Vorne Rangers, hinten «AMBUHL».
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Statt das Rangers-Shirt wird Andres Ambühl vorerst das Trikot des Hartford Wolf Pack tragen. (Getty)