Er nennt sich «The Tiger», aber Wladimir Klitschko macht aus Tony Thompson ein hilfloses Kätzchen und steckt es in den Sack. Die neue eindrückliche Bilanz des Champions: 61 Kämpfe, 58 Siege, 51. Knockouts.
Klitschkos Rechte hat Thompson nicht kommen sehen, sie brettert ihm ins Gesicht wie ein Donnerschlag die Nacht zerreisst. Mit so einem Schlag könnte man ein Haus einreissen. Vier Runden hat der amerikanische Herausforderer mitgeboxt, mutig und herzhaft. Doch jetzt liegt er am Boden, rafft sich zwar wieder auf und führt den Kampf fort, doch er ist geschlagen. Sein Traum von der grossen Boxsensation zerstiebt in einer Seifenblase. Intuitiv versucht er sich an Klitschko festzuklammern. Ein Eingeständnis, dass er keine Antwort mehr hat. Es ist unmöglich nachzudenken, oder gar das Resultat des Nachdenkens umzusetzen, wenn man mal einen solchen Treffer kassiert hat.
Für den Amerikaner ist es jetzt ein Kampf mit einem Eimer Wasser gegen die Hölle. Ein aussichtsloser Kampf. Dieser Klitschko ist zu stark, zu clever, zu schwierig zu treffen. Immer wieder findet die rechte Faust des Champions Kinn oder Wange von Thompson. Herz, Mut und Leidenschaft können im Leben viel ausrichten, aber nicht alles. An diesem Abend reichen sie nicht aus, um diese Weltmeister-Maschine zu stoppen.
Die ersten Runden waren noch ein Abtasten mit den Führhänden, die sich wie Klingen im Fechten kreuzten. Thompson boxte mutig und herzhaft. Seine Taktik war offenbar die, seinen Gegner so oft zu treffen wie möglich, nicht mit dem einen entscheidenden Schlag, sondern dutzende Mal. Doch dem Vierzigjährigen fehlt die Kraft im Punch. Kein Vergleich mit der Power von Klitschko. Der hart trifft, sich danach sofort wieder zurückzieht, die Distanz wahrt und dann wieder brettert.
Jetzt ist es die Sache klar und Klitschko könnte dem Spektakel ein Ende setzen, würde er mutiger kämpfen. Bruder Vitali in der Ring-ecke treibt seinen Bruder an. «Mach ihn fertig. Jetzt!» Aber Mut beinhaltet beim Boxen das Risiko, selber getroffen zu werden, und das will Wladimir auf jeden Fall verhindern. Bei Schwergewichtlern kann ein einziger Schlag an die richtige Stelle ausreichen, um den Gegner ins Land der Träume zu schicken.
Doch Thompson ist weit weg von einem solchen Schlag. Das merken auch seine Frau Sydnee und drei seiner Kinder, die nach Bern mitgereist sind und jetzt in der ersten Reihe am Ring mitleiden. Klitschko hat mit seiner Klasse aus Tony the Tiger eine schlaffe Katze gemacht, die man in den Sack stecken oder in Rente schicken kann. Jedenfalls eine, die dringend Streicheleinheiten braucht. Der Amerikaner schwankt wie ein Baum, an dem sich ein Holzfäller mit einer schweren Axt zu schaffen macht. 22 000 Fans in der Arena sind aus dem Häuschen.
Thompson bringt in der 6. Runde die Führhand nicht mehr hoch, sucht an den Seilen und hinter der Doppeldeckung Schutz. So boxt jemand, der in Gedanken woanders ist, womöglich bei der Vorstellung wie es wäre, wenn man einfach aufgibt. Doch solche Gedanken muss er sich nicht mehr machen. Klitschko setzt dem Kampf ein Ende. Diskussionslos verteidigt er seine vier WM-Gürtel. Und Thompson ist einer mehr in der langen Liste von Opfern, die versuchten den Champion zu stürzen und dabei kläglich scheiterten.
Schwergewichts-WM (IBF,WBA, WBO, IBO) vor 22'000 Zuschauern in Bern: Wladimir Klitschko (Ukr/TV) s. Herausforderer Tony Thompson (USA) durch K.o. in der 6. Runde.
Rahmenprogramm. Frauen-WM (um vakante WIBF-WM sowie Verteidigung des GBU-WM-Titels im Superbantamgewicht/10 Runden à 2 Minuten): Aniya Seki (Bern/55,0 kg/jetzt 20:2, 1 vorzeitig, 2 Remis) s. Eva Marcu (Un/55,0 kg/7:5, 2 vorzeitig) einstimmig nach Punkten (99:92, 99:93, 99:92). - Seki damit GBU-WM-Titel erfolgreich verteidigt und neu WIBF-Weltmeisterin.
Restliche Profikämpfe. Mittel (6 Runden à 3 Minuten): Tony Harrison (USA/70,0 kg/8:0, 8 vorzeitig) s. Flavio Turelli (Montreux/70 kg/10:6, 1 vorzeitig, 2 Remis) durch TKO 1. Runde. - Mittel (8): Istvan Szili (Frenkendorf/72,2/16:0, 6 vorzeitig) s. Daniel Urbanski (Pol/71,8/21:10, 5 vorzeitig, 3 Remis) einstimmig nach Punkten (80:70, 80:70, 80:70). - Cruiser (8): Nuri Seferi (Burgdorf/90,3/32:6, 19 vorzeitig) s. Giulian Ilie (Rum/It/88,2/18:6, 5 vorzeitig, 2 Remis) durch Mehrheits-Entscheid der Punktrichter (77:77; 78:72 und 78:73),
Schwer (4 Runden): Ivo Andelic (Trimmis/118,5/6:1, 3 vorzeitig, 1 Remis) - Ergun Mersin (Bern/129,0) nach Redaktionsschluss.
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