Kein K.o.-Schlag! Klitschko besiegt Haye nach Punkten

  • Publiziert: 03.07.2011, Aktualisiert: 02.01.2012
  • Von Patrick Mäder aus Hamburg

HAMBURG - Jetzt ist klar: David Haye hat mehr Dynamit auf der Zunge als in den Fäusten. Wladimir Klitschko gewinnt den Krieg im Ring. Nicht hoch überlegen, aber klar verdient.

Der Himmel scheint vor dem Kampf schon mehr zu wissen über das Schicksal von David Haye (30) an diesem Abend. Dunkle Wolken umhüllen die HSV-Arena in Hamburg, der Wahlheimat von Wladimir Klitschko (35). Es regnet.

Trotzdem sind über 40000 Fans gekommen. Ein Drittel davon Engländer. Sie sind so laut, dass Haye in der Höhle des Löwen ein Heimspiel hat. Noch weiss der Brite nicht, dass ihm das nichts nützen wird.

David Haye, dieser Provokateur, mit Traumkörper, respektloser Rüpel und Selbstvermarkter. Er lässt alle warten, kommt verspätet aus der Garderobe. Fortsetzung seines Psycho-Kriegs, den er seit zwei Jahren gegen Klitschko führt.

Doch so gross seine Klappe ist, so klein wirkt er unmittelbar vor Kampfbeginn im Angesicht seines Gegners, der sieben Zentimeter grösser ist und auf ihn herabschaut.

Wladimir Klitschko, gekränkt und angefressen von den vielen Sticheleien im Vorfeld des Kampfes, von Fotos mit abgetrennten Köpfen, verbalen Tiefschlägen, den gellenden Pfiffen der englischen Fans. Doch er zeigt in diesem Moment keine Verachtung, keine Angst. Er scheint bereits in einem anderen Seelenzustand zu schweben. Mitten im Kampf. Im Kampf um die Krone im Schwergewicht.

Das Publikum um ihn herum aber kocht und stampft. Wladimirs älterer Bruder tigert herum.
Aus Vitalis Augen blitzt die Besorgnis. «Es ist unendlich schwieriger zuzuschauen, als selber zu boxen», sagt er.

Die Glocke und los gehts. Man hört die dumpfen Schritte, das Quietschen der Schuhe, den scharfstössigen Atem der Boxer. Beide beginnen aggressiv. Wladimir, praktisch aufrecht, macht das Tempo.

Er setzt auf seine Führhand, sie kommt schnell, kerzengerade, mit einer Wucht, die man ausserhalb des Ringes kaum sieht, dafür hört.

Haye macht sich klein, jeder seiner Muskeln ist angespannt, wie bei einer Raubkatze, die gleich zum Sprung ansetzen wird. Er lauert, zappelt, weiss, dass die beeindruckende Schnelligkeit sein wirkungsvollstes Argument ist: reinspringen, treffen, zurückschnellen. Und er springt immer wieder in den ersten Runden. Und kehrt jeweils grinsend in seine Ecke zurück. Für ihn ist das ein ziemlich guter Anfang.

Beide Boxer treffen, sind brandgefährlich. Es ist ein Kampf mit Zündstoff. Sogar die Pausen sind voller Dynamit. Hier die Crew um Haye, die um ihren Champ herumwuselt, ihn volllabert. Da Vitali, der seinem Bruder Ratschläge an den Kopf schreit. Fraglich, wie viel sich ein Boxer tatsächlich merken kann in solchen Momenten voller Adrenalin. Was beide Kämpfer bestimmt verstanden haben: Der Kampf ist auf Messers Schneide.

Der Himmel rumort. Man riecht den Schweiss. Bemerkt plötzlich, wie sich der Kampfrhythmus ändert. Das Stampfen der Fans, das Kreischen der Betreuer, Klitschko wird immer besser, Haye scheint müde zu werden, rutscht immer wieder aus. Oder geht er freiwillig auf die Knie?

Ab Runde 7 ist die Box-Sensation kaum mehr möglich. Haye verliert seine grösste Waffe, die Schnelligkeit. Klitschko wird immer selbstsicherer. Er hat ihn, das weiss er bereits. Doch zu viel riskieren will der Ukrainer nicht, kann er nicht. So muss er am Ende über die volle Distanz von zwölf Runden. Es wird ihn nicht stören.

Er hat Haye das Maul gestopft, ihn als Weltmeister entthront. Nun besitzen die Klitschkos alle vier bedeutenden Titel im Schwergewicht. Sie sind am Ziel ihrer sportlichen Träume.

Und David Haye? Immerhin umarmte er nach Kampf-Ende seinen Besieger. Aber er wird weiter brüllen, bis er eine neue WM-Chance bekommt. Vielleicht dann gegen Wladimirs Bruder Vitali.

Klitschko Haye
Alter 35 30
Grösse 198 cm 191 cm
Gewicht 110 kg 96,5 kg
Kämpfe 58 26
Siege 55 25
K.o’s 49 23
Titel WBO, IBF, IBO WBA

Hamburg (De) – WM-Titelvereinigung im Schwergewicht

Wladimir Klitschko (Ukr/IBF- und WBO-Weltmeister) s. David Haye (Gb/WBA-Champion) einstimmig nach Punkten (117:109, 118:108, 116:110). – Wladimir Klitschko damit auch WBA-Champion.

So lief der Fight im Ticker

Ende 12. Runde
Der Kampf ist vorbei. Der prognostizierte K.o. bleibt aus. Jetzt müssen die Kampfrichter entscheiden.

12. Runde
Konter von Klitschko. Links-Rechts-Kombination.

12. Runde
Starke Rechte von David Haye!

Ende 11. Runde
Noch eine Runde! Wer riskiert nochmals?

11. Runde
Wieder fliegt Haye auf die Knie. Der Ringrichter zählt ihn an.

11. Runde
Zweitletzte Runde. Schafft hier einer noch den K.o.?

Ende 10. Runde
Zwei, drei Schläge Hayes treffen Klitschko am Hinterkopf. Beide sind sie am Limit und gekennzeichnet vom hartem Fight.

Ende 9. Runde
Doch noch ein guter Treffer von Klitschko. Eine Runde für ihn.

9. Runde
Haye überrascht Klitschko mit seinen Rushs. Der findet immer noch kein Rezept gegen die defensive Taktik des Briten.

Ende 8. Runde
Haye geht erneut zu Boden. Aber nicht wegen eines Treffers Klitschkos. Wieder reicht Haye Beschwerde ein beim Ringrichter. Diesmal ohne Folge.

Ende 7. Runde
Diese Runde geht an Haye. Von einem K.o. sind die beiden weit entfernt.

7. Runde
Kaum sind die beiden im Clinch geht Haye auf die Knie. Der beschwert sich beim Ringrichter, er sei von Wladimir runtergedrückt worden. Rodriguez entscheidet: Ein Punktabzug für Klitschko.

Ende 6. Runde
Die sechste Runde ist Geschichte. Kein packender Treffer. Nach wie vor leichte Vorteile für Klitschko. Er ist der aktivere Kämpfer.

Ende 5. Runde
Klitschko drückt Haye mit einigen wuchtigen Schlägen in die Seile. Dann kurze Unachtsamkeit bei Wladimir. Der Brite kontert eiskalt, drängt seinerseits Klitschko in die Defensive.

5. Runde
Geschickt weicht Haye den Attacken Klitschkos aus. Wenige Zentimeter trennen den Ukrainer vom Volltreffer.

Ende 4. Runde
Haye versucht immer wieder von unten an Klitschko ranzukommen. Ganz starker Kampf von beiden bisher.

4. Runde
Leichte Vorteile für den Ukrainer.

Ende 3. Runde
Jetzt geht’s richtig ab. Zuerst Haye am Drücker. Dann der Konter von Klitschko. Es bleibt hochspannend!

3. Runde
Kurzer Aufschrei im Publikum. Haye erwischt Klitschko erstmals.

Ende 2. Runde
Klitschko erwischt Haye ein erstes Mal. Die Rechte kommt durch.

2. Runde
Noch kein Volltreffer. Obwohl beide mit einer sehr offenen Deckung agieren.

Ende 1. Runde
Dieser David Haye ist gefährlich. Klitschko darf nicht unachtsam werden. Aber der Ukrainer ist natürlich viel zu erfahren, um in diese Falle zu tappen.

1. Runde

Anfeuerungsrufe für Klitschko. Haye lauert auf Konter.

1. Runde
Haye sofort in der Defensive. Aber er verteidigt sich gut. Klitschko kann noch keinen Treffer setzen.

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Der Kampf beginnt! Endlich!

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Nicht mehr lange, dann steigt der Boxfight des Jahrzehnts.

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Vorstellung des Ringrichters: Genaro Rodriguez.

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Schtsche ne wmerla Ukrajina – übersetzt: Noch ist die Ukraine nicht gestorben. So der Titel der ukrainischen Nationalhymne.

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God Save the Queen – die englische Nationalhymne erklingt. Die vielen britischen Fans johlen mit, sorgen für Fussballatmosphäre.

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Dr. Steelhammer ist im Ring angelangt. Auch er ist dick eingepackt.

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Allerdings nicht all zu lange.

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Die Temperaturen im HSV-Stadion sind kühl. Haye, eingepackt in eine Wärmefolie, wartet im Ring auf seinen Kontrahenten. Ein Nachteil für den Briten. Und natürlich, als hätte man es nicht kommen sehen. Klitschko lässt seinen Gegner warten.

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Klitschko spricht im Einspieler von «Bestrafung». Er ist hochmotiviert. Der 50. K.o. soll her!

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Buffer kündigt Wladimir Klitschko an. Der Ukrainer hat für einmal sicherlich die Hälfte des Publikums gegen sich.

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Haye hat’s geschafft! Er steht im Ring. Wie reagiert Wladimir Klitschko? Lässt er sich ebenfalls viel Zeit?

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Der Weg zum Ring entpuppt sich als sehr schwierig. Die britischen Fans rasten komplett aus, wollen ihr Idol kaum durchlassen.

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Zwölf Minuten lang hat er Klitschko und das Publikum warten lassen.

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Jetzt kommt er! Ganz langsam schreitet der Brite in Richtung Ring. Eilig hat er’s definitiv nicht.

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Ratlosigkeit herrscht bei den Organisatoren. Niemand weiss, welches Spielchen hier David Haye treibt.

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Die Verzögerung passt den Fans natürlich überhaupt nicht. Gellendes Pfeifkonzert in der HSV-Arena.

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Wenig überraschend lässt sich David Haye viel Zeit! Er bleibt noch in der Kabine, wenn er denn überhaupt dort ist.

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Michael Buffer, wer sonst, kündigt die Titanen an. David Haye wird zuerst aufgerufen.

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Drei Gürtel stehen heute Abend auf dem Spiel. Wladimir Klitschko ist Inhaber des IBF- und WBO-Gürtels. David Haye ist aktueller WBA-Champion.

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Viele David-Haye-Fans sind im Stadion. Sorgen für Stimmung. Die Atmosphäre ist gigantisch.

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Alles ist bereit für den Fight des Jahrzehnts. Wladimir Klitschko vs. David Haye! 45000 Zuschauer werden den Kampf live in der HSV-Arena mitverfolgen – trotz Regen. Blick.ch berichtet ab 23.00 Uhr vom Mega-Event.

Berner Gabor Veto siegt im Schatten von Haye und Klitschko

Während alle Kameras auf den grossen Fight Haye vs Klitschko gerichtet sind, kämpft ein Berner im Vorprogramm um Anerkennung. Gabor Veto auf dem mühevollen Weg nach oben.

Es ist ein erhebendes Gefühl, unter freiem Himmel in einem Stadion zu sitzen, das gefüllt ist mit über 40000 Boxfans. Diese Vibrationen zu spüren, die erwartungsfrohen Gesichter. Menschen, die nur darauf warten, in Extase zu geraten. Wie muss das erst für die Kämpfer sein? Vorallem für die Boxer an diesem Abend in Hamburg, die sonst nicht im Rampenlicht stehen.

Im Vorprogramm des Klitschk-Haye-Kampfes dürfen sich Kämpfer vor grossem Publikum präsentieren, die davon träumen mal als Haupt-Act bei so einem Event auftreten zu können. Es ist ihre grosse Chance, sich zu zeigen. Einer davon ist Gabor Veto. Ein 22-jähriger Ungar aus Varpalota, der seit Januar in Bern zu Hause ist.. Als «Grosse Hoffnung im Superleichtgewicht» wurde er am Tag vor dem Kamf zur Wiege-Zeremonie aufgerufen. Scheu wirkt er, bodenständig, austrainiert mit seinen 65 Kilo. Mit dem Bruder wohnt er in Bern-Bethlehem in einer Dreieinhalbzimmerwohnung. Tagsüber trainiert Gabor, nachts arbeitet er als Logistiker. Geschlafen wird morgens ein paar lausige Stunden. Auf alles andere, was junge Männer in diesem Alter so machen, verzichtet er. Alles für den Traum von einem grossen Fight in Amerika.

Zum vierten Mal boxt Veto bereits im Rahmen eines Klitschko-Fights. Hamburg ist trotzdem neu für ihn. In einem Fussballstadion vor so vielen Leuten zu boxen, das ist etwas Einmaliges. «Die Ambiance motiviert mich zusätzlich, mein Ziel zu erreichen. Ich will meinen Gegner unbedingt K.o schlagen. So kann ich ein bisschen Werbung für mich machen.» Sein Gegner ist James Kimori, ein 34-jähriger Kenianer, ein guter Test für Veto, der vom Berner Oliver Dütschler gemanaged und vom Burgdorfer Boxer Nuri Seferi trainiert wird.

Es wird ein zäher aber guter Kampf. Ausgeglichen bis in die letzte, die achte Runde. Da hat der Berner die bessere Kondition. Und zwanzig Sekunden vor Ende trifft seine Rechte voll. Kimori geht schwer K.o., muss später notfallmässig ins Spital geracht werden. Veto hat erreicht, was er sich vorgenommen hatte. Er bleibt ungeschlagen und zementiert den Ruf als «grosse Hoffnung». Seine Bilanz: 25 Kämpfe, 25 Siege, 19 Knockouts. Beeindruckend.

Lange kann er sich aber nicht darüber nachdenken. Am Sonntag um 17.00 fliegt er zurück in die Schweiz. «Ich muss direkt zur Arbeit», sagt er. Es macht ihm nichts aus. Die Erfahrung von Hamburg hilft ihm hilft in der Vorbereitung auf den nächsten Kampf. Am 15. Oktober tritt er gegen den Afrikaner Michael Kizza (34) an, um den vakanten GBU Titel im Super Leichtgewicht. Zwar kein bedeutender Verband. Aber Veto dürfte sich im Falle eines Sieges Weltmeister nenne. Was ihm einen weiteren kleinen Schritt näher an seinen Traum bringen würde. Den Traum vom grossen Fight.