Box-Kolumne «Kevin, wer?»

  • Publiziert: 23.10.2009, Aktualisiert: 02.01.2012
  • Von Patrick Mäder

Der stellvertretende BLICK-Sportchef Patrick Mäder über Kevin Johnson, der am 12. Dezember Weltmeister Vitali Klitschko in Bern herausfordert.

Wenn dieser Mann im Boxring eine nur halb so gute Figur macht wie auf dem Plakat, das für seinen Kampf gegen Vitali Klitschko wirbt, dann werden wir am 12. Dezember alle entzückt sein.

Ein Six-Pack-Traumbody ist da zu sehen. Der gehört, so stehts auf dem Plakat, zu einem gewissen Kevin Johnson. Kevin, wer? Ach ja, da gabs in den Siebzigern doch mal einen australischen Songwriter mit diesem Namen: „Rock n Roll – I gave you the best years of my life“. Nein, der kanns nicht sein.

Dieser Modellathlet da auf der Bühne hat die besten Jahre noch vor sich … vielleicht. Wenn er denn den Kampf gegen Dr. Eisenfaust einigermassen heil übersteht.

Johnson nur ein weiteres Opfer von Klitschko

Der Kevin Johnson vom Plakat, der sich heute real und in ganzer Grösse in Bern an der Pressekonferenz in Bern präsentierte, selbstbewusst und unerschrocken, ist als Boxer ein No-Name. Nur ein weiteres Opfer von Vitali Klitschko, dem K.o.-König der WBC-Division des Schwergewichts. Johnsons Bilanz tönt zwar gut: 23 Kämpfe, 22, Siege, davon 9 durch K.o., 1 Unentschieden, 0 Niederlagen.

Die Null in der letzten Spalte ist wichtig. Sie lässt sich unabhängig vom wahren Niveau des Boxers verkaufen. Das Wort „ungeschlagen“ dient als Rechtfertigung (oder soll man sagen Entschuldigung?), dass es überhaupt zu dieser Kampfpaarung kommt.

Kevin Jonson hat keinen Leistungsausweis. Der Kampf gegen Klitschko kommt für ihn viel zu früh. Seine bisher härteste Herausforderung bestand er im September 2008 gegen Bruce Seldon.

Johnsons bisher einziger Gegner, der schon mal einen WM-Gürtel und eine gewisse Reputation trug. Johnson siegte durch technischen K.o. in der Fünften, allerdings mit dem Makel, dass sein Gegner schon 41 Jahre alt war.

Und jetzt das. Der grosse Auftritt gegen Vitali Klitschko, die grosse Chance vom No-Name zum Champ aufzusteigen, vom Bettler zum König. Der erste richtige Gegner und gleich ein Titelkampf. Kein Vorwurf! Dafür kann Johnson nichts, wer würde sich diese Chance entgehen lassen.

Wer Angst zeigt, hat verloren

Chris Arreola, der bislang letzte, den Klitschko verprügelte, war zerstört, nachdem ihm sein Trainer aus dem Kampf nahm, um ihn vor weiteren Treffern zu schützen. Arreola, ein harter Kerl mit einem grossen Herz und unglaublichen Nehmerqualitäten: Er weinte hemmungslos im Ring. Johnson wird die Bilder gesehen haben. Anmerken liess er sich an der Pressekonferenz nichts. Wer Angst zeigt, hat verloren.

Der Mann aus New Jersey hat zwar wenig Power in seinen Fäusten, aber zumindest Mut und das verdient unseren ganzen Respekt. Er ist ein smarter Kerl, technisch versiert, mit schnellen Händen, hungrig nach Anerkennung.

Seine Erfolgschancen sind minimal. Sie liegt in seiner Rolle als David. Denn für Klitschko wie für alle anderen Goliaths gilt: Es gibt keine einfachen Kämpfe im Boxsport, nur solche, die weniger schwierig sind als andere.