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BLICK: Herr Klitschko, mögen Sie Kevin Johnson?
Vitali Klitschko: Wenn er eine Frau wäre, dann könnte ich diese Frage beantworten. Aber für Johnson als Mann habe ich keinerlei Emotionen.
Er hat Sie an der Pressekonferenz letzte Woche zum Lachen gebracht. Das ist eine Emotion.
Das war ein ironisches Lachen. Weil er sehr laut, sehr viel und selbstbewusst geredet hat. Und weil er meinen WM-Gürtel berührte, als würde der bald ihm gehören. Von mir aus kann er den Gürtel anschauen und streicheln. Mehr erlaube ich nicht.
Lassen Sie sich mit 38 noch von grossen Sprüchen vor einem Kampf beeindrucken?
Ich habe schon 40 Kämpfe gemacht und die Sprüche so vieler Gegner gehört. Es ist schwierig, mich noch zu überraschen. Normalerweise machen diejenigen Sprüche, die im Ring nichts zu bieten haben. Die starken Jungs haben das nicht nötig.
Kevin Johnson hat also nichts zu bieten?
Ich habe in seinen Augen gesehen, dass er selbstbewusst ist. Er ist psychisch stark. Ich habe auch Kämpfe von ihm gesehen. Technisch hat er einiges zu bieten. Der Kampf wird für mich nicht einfach, das steht fest.
Sie sind der Champ, sind in blendender Form. Johnson hat keine Erfahrung in grossen Kämpfen, keine Power in den Fäusten...
Wenn ich so denken würde, dann stünde ich auf dünnem Eis. Das wäre gefährlich. Bei uns gibt es ein russisches Sprichwort: «Tapferkeit lässt Mauern fallen.» Mit Mut und Können kann man fast alles erreichen.
Johnson ist überzeugt, dass er gewinnt.
Ich spüre, dass er keinen Respekt vor Klitschko hat. Er ist als Gegner eine harte Nuss.
Wir sind gespannt. Eine grosse Geschichte war auch das Handgemenge kürzlich im Stadtparlament von Kiew, in das Sie sich einliessen. Was war da los?
Es ging um die Abschaffung eines Anti-Korruptions-Artikels. Um viel Geld, das einige korrupte Politiker sich über Mehrheiten im Parlament beschaffen wollten. Es gab Tumulte. Ich war allein gegen viele, durfte aber natürlich meine körperliche Kraft nicht benutzen.
Was löste die Tumulte aus?
Meine Kritik an der Korruption. Ich verstehe mich zwar als Weltbürger, aber meine Wurzeln werde ich nie verleugnen. Ich wünsche meinem Land, der Ukraine, den Lebensstandard anderer europäischer Länder. Wir haben alle Möglichkeiten, aber nutzen sie nicht.
Weil die Korruption die Entwicklung stoppt.
Ja. Für mich ist es peinlich zu lesen, dass die Ukraine zu den korruptesten Ländern der Welt gehört. Es gibt viele politische Skandale. Die Wirtschaft funktioniert nicht. Wir wollen dieses System ändern. Deswegen bin ich politisch engagiert.
Wie schwierig ist es, als Boxer in der Politik ernst genommen zu werden?
Ich bedanke mich bei jedem, der mich nicht ernst nimmt. So macht es mir erst richtig Spass. Ich brauche meinen Kopf nicht zum Hinhalten, sondern zum Denken. Ich habe zum Glück noch alle Tassen im Schrank.
Haben Sie ein politisches Vorbild?
Winston Churchill. Und Bill Clinton kenne ich persönlich. Vorbild ist vielleicht das falsche Wort. Aber als Politiker und als charismatischen Menschen respektiere ich ihn sehr.
Sie setzen sich für die einfachen Leute in Ihrem Land ein, sind selber aber ein reicher Weltbürger. Kennen Sie denn die Sorgen der Menschen auf Kiews Strassen?
Ich fühle mich zwar in Los Angeles und Hamburg zu Hause, aber die meiste Zeit verbringe ich in Kiew. Ich kenne die Probleme der dortigen Bevölkerung sehr gut und spiele mich nicht als Star auf.
Was sind die Hauptprobleme?
Bei uns gilt: «Hast du Geld, bist du der König der Welt.» Fast alle sind käuflich. Richter, Politiker, Journalisten. Schauen Sie ins Gesicht unseres Präsidenten, dann wissen Sie, mit welchen Mitteln bei uns gearbeitet wird. Dagegen anzukämpfen ist gefährlich.
Sie sollten diesen Kampf sofort beenden. Sie sind in Gefahr.
Das sagt meine Frau auch. Sie findet, ich solle doch das Leben geniessen.
Warum tun Sie es nicht?
Ich kann doch nicht einfach tatenlos zuschauen, was mit meinem Land passiert. Wer seine Wurzeln vergisst, hat keine Zukunft. Ich liebe mein Land, meine Familie, meine Eltern. Ich kann und will nicht alle mitnehmen und komplett nach Los Angeles oder Hamburg umziehen, wo das Leben gut ist. Ich will, dass es auch in der Ukraine gut wird. Das ist mein Ziel.