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Ein Buch, ein Kind und neue Pläne

Von Roman Seiler | Aktualisiert um 09:39 | 26.09.2007

Thomas Matter meldet sich zurück. In einem Buch schildert der Banker neue Fakten und seine Sicht der sogenannten Swissfirst-Affäre.



Thomas Matter am Ufer des Zugersees. Seine Lebenspartnerin Marion Giger ist im vierten Monat schwanger. (Foto: Thomas Buchwalder)
Thomas Matter am Ufer des Zugersees. Seine Lebenspartnerin Marion Giger ist im vierten Monat schwanger. (Foto: Thomas Buchwalder)
Früher waren Börsenhändler graue Mäuse. Doch Anfang 1989 trat an der Basler Börse ein Team in roten Vestons auf. Die Idee stammte vom jüngsten Bankgesellen, einem 22-Jährigen. Sein Name: Thomas Matter.

Als kurz darauf die Angestellten des Bankvereins in Mützen zum Börsendienst erschienen, hatte Matter seine erste Schlagzeile. «Tenue-Krieg am Börsenring», titelte der BLICK. Matters Chef war zufrieden – auch weil die Mitarbeiter ihre Vestons selbst bezahlt hatten.

Die Episode stammt aus dem Buch «Swissfirst – Die verlorene Ehre einer Schweizer Bank». Es erscheint in wenigen Wochen im Zürcher Orell Füssli Verlag. Der Name des Autors: Thomas Matter.

«Es geht um Unternehmertum, Ambitionen und Intrigen», sagt Swissfirst-Gründer Matter, heute 41, und «um die Macht, die Dynamik und die Gewalt der veröffentlichten Meinung. Um das Versagen von Institutionen und die Zerstörung meines Lebenswerks.» Kurz: Der Mann, der vor einem Jahr im Zentrum des Krimis um die Fusion der Swissfirst Bank mit der Bellevue-Gruppe stand, hat das Geschehen aus seiner ganz persönlichen Sicht aufgezeichnet.

Matters Welt sind von Kindsbeinen an die Finanzmärkte. Wenige Jahre nach Abschluss seiner Banklehre gründet er 1994 das kleine Finanzinstitut ZFP Financial Products. Fünf Jahre später übernimmt er die Bank August Roth und integriert seine ZFP darin; im November 1999 geht das Unternehmen unter dem Namen Swissfirst an die Börse.

Ein mysteriöses Treffen

Ein ZFP-Kunde ist Rumen Hranov (61), gebürtiger Bulgare, Mathematiker, Physiker und Multimillionär. Ende der Neunzigerjahre machte er Matter mit einem führenden Schweizer Wirtschaftsmanager und Ex-Politiker bekannt. Den Namen nennt Matter in seinem Buch nicht – Insider wollen aber wissen, dass Matter damals Ulrich Bremi vorgestellt wurde, heute 77.

Hranov teilt Matter später mit, der einstige Zürcher Nationalrat wolle Aktionär bei der Swissfirst werden – dies dürfe aber nicht bekannt werden. Möglich sei der Deal zudem nur, wenn er, Hranov, mit einem gleich hohen Anteil an der Swissfirst beteiligt werde, also zu fünf Prozent. Matter in seinem Buch: «Aufgrund dieser scheinbar hervorragenden Referenz erklärten wir uns bereit, Hranov eine 10-Prozent-Beteiligung zu verkaufen.»

Gekauft hat Hranov die Titel noch vor dem Börsengang für weniger als 20 Franken das Stück. Später habe sich herausgestellt, dass Bremi nie an einer Beteiligung interessiert gewesen war. Diese Persönlichkeit habe nicht einmal von dem ganzen Vorgang gewusst, schreibt Matter: «Ich war völlig perplex, war doch damit klar, dass Hranov uns zwecks Erwerbs seiner Swissfirst-Titel getäuscht hatte.» Diese Behauptungen seien völlig unwahr, sagt ein Sprecher Rumen Hranovs.

Streit um den Aktienverkauf

Am 12. September 2005 wird bekannt, dass Matters Swissfirst mit der Zürcher Bellevue Gruppe fusioniert. Es ist eine komplexe Transaktion. Die Bellevue Holding beteiligt sich mit 50 Prozent an der Swissfirst. Im Gegenzug übernimmt die Swissfirst die Bellevue. Um die dafür notwendigen Titel zu erhalten, kauft Matter namens Swissfirst einem Dutzend Grossaktionären Aktien seiner Bank ab.

Und um sicherzustellen, dass die komplizierte Transaktion rechtmässig über die Bühne geht, lassen sich
die Swissfirst-Banker dabei durch renommierte Wirtschaftsanwälte beraten. Zudem wurden die Zürcher Staatsanwaltschaft und die für die Bankenaufsicht zuständige Eidgenössische Bankenkommission kontaktiert.
Die Sprachregelung gegenüber den Grossaktionären lautete, dass sie mit dem Verkauf eines Teils ihrer Titel zum Gelingen einer strategischen Partnerschaft beitragen könnten. Matter schreibt, die Insiderstrafnorm sei dadurch nicht verletzt worden. Die Vorschrift soll verhindern, dass Insider an der Börse aus geheimen Informationen Profit schlagen. Die Eidgenössische Bankenkommission bestätigt später die Rechtmässigkeit dieser Transaktion und stellt keine aufsichtsrechtlichen Mängel betreffend Insiderhandel fest.

Matter sagt auch: «Die Aktionäre konnten durch Verkauf eines Teils ihrer Positionen das Risiko einer positiven oder negativen Kursentwicklung aufteilen. Die meisten Aktionäre verkauften deshalb rund die Hälfte ihrer Aktien.»
Auch Hranov wurde gebeten, Titel zu verkaufen. Mit ihm traf sich Matter am 7. September 2005 im Zürcher Restaurant Seerose. Auch Hranov erfuhr nicht, mit wem Matter die Swissfirst fusionieren wollte: «Dieses strikt gesetzeskonforme Verhalten der Gleichbehandlung und der Vermeidung des Insiderstraftatbestandes sollte Hranov mir später als böswilliges Hintergehen ankreiden.» Denn nach der Fusion zog der Aktienkurs kräftig an.

Die Rache des Grossaktionärs

Am 4. November 2005, im Hotel Savoy am Zürcher Paradeplatz, liess Rumen Hranov durch seinen Anwalt vor Medienvertretern bekanntgeben, er habe gegen Thomas Matter Strafanzeige eingereicht. Matter habe ihn durch «falsche und irreführende Angaben dazu bewogen, die Hälfte seiner Swissfirst-Aktien zu verkaufen».

Das war der Auftakt zur sogenannten Swissfirst-Affäre. Zum eigentlichen Eclat kam es erst am 23. Juli 2006. Wirtschaftsjournalisten der «NZZ am Sonntag» hatten illegal beschaffte Unterlagen aus der Swissfirst-Gruppe zugespielt bekommen. Den Papieren war zu entnehmen, welche Pensionskassen und Versicherungen sich vor der Fusion von Swissfirst-Aktien getrennt hatten.

Zentrale Aussage der «NZZ am Sonntag»: Pensionskassen und Versicherungen hätten wegen des Verkaufs auf Gewinne von 20 Millionen Franken verzichtet. Die Zeitung stellte auch die Frage nach Schmiergeldzahlungen in den Raum. Thomas Matter habe von dem auf die Fusion folgenden Kursanstieg profitiert, da er keine Aktien verkauft habe. Diese Behauptungen waren falsch, wie unter anderem in internen und externen Berichten der Pensionskassen festgestellt wird.

Akribisch schildert der Bankier, welches gewaltige Mediengewitter sich nach diesem ersten Artikel über ihm entlud. Auch die Politik meldete sich zu Wort. Kritische Äusserungen von National- und Ständeräten sowie Bundesrat Hans-Rudolf Merz (64) hätten die Mediendebatte zusätzlich angeheizt, schreibt Matter.
Der öffentliche Druck hatte zur Folge, dass Kunden abwanderten. Die Bank verkaufte deshalb ihr Privatkundengeschäft. Weil sie durch die wochenlang andauernde «Affäre» ihren Ruf lädiert sah, wurde die Bank umfirmiert. Sie heisst heute wieder Bellevue Group. Matter trat als Firmenchef zurück.

Kein einziger Pensionskassenvertreter habe sich bei der Fusion persönlich bereichert, schreibt Matter. Dies wurde inzwischen durch verschiedene Untersuchungen bestätigt. «Auch, dass dabei irgendjemand zu Schaden kam, kann ich mit gutem Gewissen ausschliessen», schreibt Matter. Die Unschuldsvermutung sei in seinem Fall mit Füssen getreten worden, bilanziert Thomas Matter.

Rumen Hranov jedoch habe sein Ziel erreicht, ihm zu schaden. Nach der Fusion, so Matter, habe er von ihm erfolglos eine Millionenzahlung oder die Rückgabe seiner Aktien gefordert. Obwohl Hranov mit seiner Swissfirst-Beteiligung insgesamt über 60 Millionen Franken verdient habe. Die letzten fünf Prozent seiner Beteiligung verkaufte der gebürtige Bulgare nach der Fusion.

An der Tür zum Büro in Zug prangt das Mattersche Familienwappen. Heute verwaltet der Bankkaufmann nur noch sein eigenes Vermögen. Er schliesst nicht aus, in Zukunft einen Neustart als Unternehmer zu wagen. Doch das ist vorderhand Nebensache: Thomas Matter, der bereits drei Töchter aus erster Ehe hat, wird nochmals Vater. Seine Lebenspartnerin Marion Giger (32) ist im vierten Monat schwanger.
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Der Fall

5. bis 9. September 2005: Pensionskassen, Versicherungen und andere Eigner verkaufen Aktien der Swissfirst. Das ermöglicht die Fusion von Swissfirst mit der Zürcher Bellevue Group.

9. September 2005: Die Verwaltungsräte genehmigen die Fusion.

4. November 2005: Strafanzeige von Swissfirst-Aktionär Rumen Hranov (61) gegen Thomas Matter wegen Betrug, Insiderhandel und Veruntreuung.

14. Februar 2006: Ein Swissfirst-Kadermitglied übermittelt Kundendaten an einen Hranov-Vertrauten. Der
Ex-Angestellte wird am 23. März 2007 wegen Verletzung des Bankgeheimnisses verurteilt.

23. Juli 2006: Die «NZZ am Sonntag» meldet, Pensionskassen hätten durch den Aktienverkauf im Vorfeld der Fusion Verluste erlitten. Das löst eine Medienkampagne aus.

28. August 2006: Thomas Matter tritt unter dem öffentlichen Druck zurück.

20. Dezember 2006: Die Eidgenössische Bankenkommission kann keine straf- oder aufsichtsrechtlichen Verstösse bei der Fusion erkennen. Sie kritisiert lediglich Details bei der Transaktionsabwicklung.

2. August 2007: Gegen Rumen Hranov wird wegen falscher Zeugenaussagen im Zusammenhang mit seiner Anzeige gegen Matter ein Strafverfahren eröffnet.

Im Buch «Swissfirst – Die verlorene Ehre einer Schweizer Bank» präsentiert Matter brisante Unterlagen, die vieles in neuem Licht erscheinen lassen.
Im Buch «Swissfirst – Die verlorene Ehre einer Schweizer Bank» präsentiert Matter brisante Unterlagen, die vieles in neuem Licht erscheinen lassen.

Kommentar

Thomas Matter hat ein Buch geschrieben: «Swissfirst» mit Namen. Der SonntagsBlick nahm Einsicht.

Was bleibt von der hoch emotionalen Debatte des vergangenen Sommers, die auf Anschuldigungen des ehemaligen Swissfirst-Aktionärs Rumen Hranov zurückgeht?

Von «Skandal» war die Rede. Von «Insiderhandel» und «Schmiergeldern». Wie ein Flächenbrand erfasste die Affäre Medien, Politik und Behörden. Auch SonntagsBlick berichtete. Thomas Matter, Mitgründer und Chef der Swissfirst, musste seinen Hut nehmen.

Die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) hat Einzelheiten bei der Durchführung des Zusammenschlusses zwischen Swissfirst und Bellevue gerügt. Allerdings haben diese nichts mit den Hauptvorwürfen zu tun.

Bei der noch nicht beurteilten Auseinandersetzung zwischen Matter und Hranov steht weiterhin Aussage gegen Aussage.

Klar ist hingegen, dass sich die damaligen schweren Vorwürfe gegen Matter nicht erhärtet haben. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass keine Pensionskasse auf Gewinne verzichtet hat und es keine Schmiergeld-Zahlungen an Pensionskassen-Verwalter im Zusammenhang mit Swissfirst gab. Weiter war die Transaktionsstruktur beim Zusammenschluss rechtens und Matter hat keine Insidervergehen begangen. Beides hält der Bericht der EBK fest.

SonntagsBlick hat in der Berichterstattung über die Swissfirst Fehler begangen. Dafür entschuldige ich mich bei Thomas Matter.

SonntagsBlick steht für harte, aber faire Recherche. Wir werden die Ereignisse in der Schweizer Wirtschaft weiterhin kritisch hinterfragen. Dies gehört zu unserem Selbstverständnis. Genauso wie Faktentreue und kritisches Hinterfragen der eigenen Arbeit.

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