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Die Entjungferung des Vorabends

Von Kurt Felix | Aktualisiert um 00:41 | 01.10.2007

Eine Anzahl prominenter Schweizer Zeitgenossen ist höchst amüsant in eine TV-Falle geraten. Im People-Magazin «Glanz & Gloria» haben sie unter der Rubrik «Doppelpack» allzu intime Fragen allzu offen beantwortet



Karina Berger, Missen-Betreuerin: «Ich weiss nicht, wie viele Männer ich schon hatte» (Foto: Michael Würtenberg)
Karina Berger, Missen-Betreuerin: «Ich weiss nicht, wie viele Männer ich schon hatte» (Foto: Michael Würtenberg)
Den Zuschauern schwoll wohl der Kopf, als Karin Berger vor laufender Kamera schmunzelte, sie würde onanieren. Fiona Hefti gab telegen zu, auch schon mal einen Orgasmus vorgespielt zu haben. Und Röbi Koller gestand, dass er gekokst habe. Wo nahmen diese Promis wohl ihre eigenen Worte her?

Falls Sie «Doppelpack» noch nie gesehen haben: Zwei populäre Persönlichkeiten werden zu unterschiedlichen Zeiten zu denselben Fragen interviewt. Ein Beispiel aus der Sendung vom 1. September: «Wissen Sie, was der G-Punkt ist?»

Bei der Ausstrahlung der Antworten wird das Bild gesplittet: Beide Gesichter gucken in das Objektiv der Kamera. Der Kopf links: «Der G-Punkt liegt oberhalb, etwa drei Zentimeter hinter dem Eingang der Vagina.» Der Kopf rechts: «G-Punkt – h at das etwas mit Geografie zu tun?» Mit dem Frage-und-Antwort-Spiel dieser Art trägt «Doppelpack» auf jeden Fall zur Entjungferung des
Vorabends bei. Und die Moralsirenen
heulen auf.

Auf die Frage eines Journalisten, wieso die Interviewpartner vor der Kamera derart offen über Intimes sprechen, sagte selbst «Glanz & Gloria»-Redaktionsleiter Daniel Pünter erstaunt: «Ich weiss nicht, woran es liegt, dass unsere prominenten Gäste im ‹Doppelpack› so ehrlich sind.»

Ich hingegen weiss, wie die Spezis der Schweizer Showbranche in die Fragenfalle tappen. Aus eigener Erfahrung. Meine Frau und ich standen nämlich vor ein paar Wochen auch schon in diesem verbalen Minenfeld.

Der Kameramann drückt den Selbstauslöser und verlässt den Raum. Man schaut, alleine gelassen, in die Linse. Die Reporterin im Hintergrund schüttet einen mit Fragen zu. Fast eine halbe Stunde lang. Da bleibt keine Zeit für einstudierte Betroffenheitsmimik. Auch schwafeln und krampfhaft witzeln geht nicht mehr. Vielleicht kann man die aufkommende Hilflosigkeit mit einem Lächeln übertünchen.

Was aber soll man antworten auf die Frage: «Haben Sie schon mal auf dem Balkon Liebe gemacht?» Sagt man Ja, steht anderntags im BLICK: «Kurt Felix trieb es auf dem Balkon!» Sagt man Nein, heisst es: «Felix lügt. Auf dem Balkon haben es doch schon alle gemacht!» Eigentlich müssten wegen den brisant angeritzten Themen bei den Interviewten alle Warnlampen glühen. Tun sie aber nicht, weil das Fernsehteam äusserst professionell vorgeht und seine Gäste mit einem hochgedrehten Fragerhythmus überrascht. Unprofessionell jedoch reagieren die Antwortgeber, wenn sie all ihre Intimitäten verraten.

Können sich nun Roman Kilchsperger, Ursus und Nadeschkin, Bernard Thurnheer, Rainer Maria Salzgeber und zwanzig weitere Promis auf solche Fragen vorbereiten? Jetzt, wo man weiss, was mit diesem Fragenkatalog auf einen zukommt? Nein. Denn SF schnürte alle «Doppelpacks», schon bevor die erste Weekend-Ausgabe von «Glanz & Gloria» am 25. August ausgestrahlt wurde. Übrigens: Meine Antwort zur Balkonsex-Frage fiel der Schere zum Opfer, denn aus dem Wust aller Fragen werden in der Regel nur drei Minuten gesendet. Richtig so. Denn wen hätte es schon interessiert, ob es meine Frau und ich tatsächlich auf dem Balkon getrieben haben. Oder?
ABO-SERVICE

Im Felix-Check

TV-Experte Kurt Felix analysiert im SonntagsBlick Magazin das Medium Fernsehen. (Foto: RDB)
TV-Experte Kurt Felix analysiert im SonntagsBlick Magazin das Medium Fernsehen. (Foto: RDB)

«DOPPELPACK»
Ein originelles TV-Format, mit einfachsten Mitteln produziert, aber mit hohem Wirkungsgrad.

Doppelt lustig
Je unterschiedlicher die Antworten, desto amüsanter ist das Frage-und-Antwort-Spiel.

Doppelt gefährlich
Geht es um Intimes und Sex, versinken die Interviewgäste oft im Sumpf unnötiger Geständnisse.

Doppelt nachdenken
Ist der bisherige Fragenkatalog für das jugendfreie Vorabendprogramm überhaupt geeignet?

Fiona Hefti, 27, Miss Schweiz 2004: «Ich habe auch schon mal gekifft» (Foto: Thomas Buchwalder)
Fiona Hefti, 27, Miss Schweiz 2004: «Ich habe auch schon mal gekifft» (Foto: Thomas Buchwalder)
Röbi Koller, TV-Moderator. (Foto: Graham Morrison)
Röbi Koller, TV-Moderator. (Foto: Graham Morrison)
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