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Ich bin drin

Von Eva Wittwer | Aktualisiert um 18:28 | 10.02.2007

Im World Wide Web brodelts: Nutzer werden zu Machern, Nobodys zu Stars. «Web 2.0» ist das Schlagwort dazu. Ob in privaten Weblogs, auf Mitmach-Seiten wie MySpace oder in unzähligen Communitys: Das neue Netz ist Bühne und Kontaktbörse für Millionen. Das eröffnet viele neue Möglichkeiten



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Naddy ist 22 und sieht aus wie eine Mixtur aus Elvis-Fan und Punk. Die langen schwarzen Haare sind vorne zu einer Tolle aufgetürmt. Fünf Piercings schmücken Gesicht und Nabel. Naddys Nickname ist Tussi Deluxe. Den benutzt sie, wenn sie durch Kontaktportale wie MySpace oder Tillate surft, und das tut sie nicht selten mehrere Stunden pro Tag.

Ihren WG-Partner, den 19-jährigen Bankangestellten Christoph, hat Naddy auf der Homepage der ehemaligen Schweizer Popgruppe Tears kennengelernt, für die beide ein gewisses Faible hatten. Fernbedienungen, Digitalkameras, MP3-Player, Laptops überall: «Wir sind fast nonstop online.» Die Zürcher WG betreibt das Internetportal www.stars-backstage.com, eine Art Selfmade-«Bravo» fürs Internet. Über eine halbe Million Besucher haben sich schon eingeklinkt – 3000 davon sind in der Community mit Forum und Chat angemeldet. Um an Geschichten für ihre Website zu kommen, treiben sich Naddy und Christoph nächtelang in den VIP-Zonen der Clubs herum, an den Hintertüren der Konzertlokale, an Aftershow-Partys und Pressekonferenzen – stets bewaffnet mit ihren Digitalkameras. In der «Kommandozentrale», einem kargen Zimmer voller Monitore und Kabelsalat, wird die Ausbeute dann ins Netz gehängt. Egal ob über Mia Aegerter, Jeanette Biedermann oder Weltstar Pink – Hauptsache, die Berichterstattung ist authentisch. Im Netz, wo jeder mitmachen kann, gilt das Prädikat «handgestrickt» als Gütesiegel. Unersetzlich ist dabei Beweismaterial in Form von Digitalfotos und verwackelten Filmchen. Christophs persönliches Lieblingsvideo zeigt, wie Britney Spears nach einer Pressekonferenz zu ihrer Limo stolziert und Naddy, erklärte Britney-Hasserin, dem Popstar ein herzhaftes «Bitch!» hinterherruft.

Die Zeiten sind vorbei, als das Internet von pickligen Sonderlingen mit dicken Brillengläsern gemacht wurde. Die neuen Nerds sind Leute wie Naddy und Christoph, die in einer hellen Vierzimmerwohnung leben, ein Sexualleben haben und samstags im Kaufleuten Party machen. Keine Sozialautisten, sondern Menschen mit einem intakten sozialen Umfeld im «real life». Denn nur wer in der Wirklichkeit Dinge erlebt, ganz egal was, hat im Netz auch etwas zu erzählen. Und genau darum geht es ja im «Web 2.0».

Der Begriff steht für die Renaissance des Internets nach dem Platzen der Dotcom-Blase vor sechs Jahren und ist bei Experten seiner Unschärfe wegen etwa so beliebt wie ein Computervirus. Denn hinter dem Schlagwort verbergen sich nicht, wie die Versionsnummer 2.0 suggeriert, neue Technologien ähnlich wie bei einer neuen Software, sondern die Menschen: Das Web der zweiten Generation ist sozial. Erinnerte das Internet früher an eine riesige Bibliothek, mutiert es nun zu einer gigantischen Beziehungskiste. Auf den neuen Websites finden Freizeitfotografen zueinander, präsentieren Hobbyfilmer sich und ihre vermeintlichen Talente, berichten mitteilungsfreudige Schreiber in Weblogs aus ihrem Alltag. Im WWW herrscht das grosse Jekami: Wussten einst nur wenige, wie man Internetseiten «macht», kann heute jeder seine Website erstellen – und diese mit Inhalt füllen.

In der riesigen Stahlkonstruktion des MFO-Parks in Zürich-Oerlikon stehen in Daunenjacken verpackte Gestalten herum, Kameraobjektive stechen wie grosse Nasen in alle Himmelsrichtungen. Es ist ein herrlicher Wintertag, eiskalt, der Himmel stahlblau – wunderbar zum Fotografieren. Die «Züriflickrs» sind unterwegs: Normalerweise kommunizieren die Hobbyfotografen online in der Foto-Community Flickr miteinander, doch einmal im Monat treffen sie sich «in echt», um ihrem Hobby zu frönen.

Flickr ist, wie das Videoportal YouTube und die Kontaktbörse MySpace, ein Musterbeispiel für eine Web-2.0-Anwendung: Auf dem 2004 gegründeten Portal lassen sich digitale Fotos speichern und so Freunden auf der ganzen Welt zeigen. Die online gestellten Bilder können von andern Mitgliedern kommentiert, es können interessenspezifische Groups gegründet werden – wie die Züriflickrs. Knapp drei Millionen angemeldete Hobbyfotografen haben mehr als 250 Millionen Fotos auf der Datenbank des Betreibers gespeichert.

Ein gigantisches Fotoalbum, in das auch Emma Rogerson, 22, mit wenigen Mausklicks ihre Bilder einklebt, seitdem sie sich vor sechs Monaten eine Digitalkamera gekauft hat. Die Engländerin arbeitet beim Agrobusiness-Unternehmen Syngenta in Basel und würde sich nie als Internetfreak bezeichnen. «Als ich mich bei Flickr anmeldete, erwartete ich erst mal gar nichts», sagt sie. «Doch dann mailten mich die Züriflickrs an, weil ihnen meine Fotos gefielen, und ich wurde Mitglied.» Jetzt sieht sie die Gruppe als «einen absoluten Glücksfall, menschlich und auch für meine doch noch fragwürdigen Fotokünste». Ohne die Kommentare der anderen User würde sie sich kaum verbessern, ist Emma überzeugt. Ihre stylishen Selbstporträts hinterlässt die Modebegeisterte bei der Flickr-Gruppe Wardrobe_remix, eine «Do-it-yourself street fashion community» – und erhält darauf Feedback von andern Fashionistas, die wiederum ihre eigenen Fotos zur Beurteilung durch die Gemeinschaft aufschalten.

«Communitys werden in Zukunft noch enorm viel wichtiger werden», prophezeit Internet-Experte Urs Gasser. Gasser, ein Kenner des Web 2.0., lehrt Informationsrecht an der Uni St. Gallen. «Wer gleiche Interessen hat, verlinkt sich global.» Hundefreunde treffen sich in virtuellen Fifi-Klubs und in Lifestyle-Foren beraten sich amerikanische mit deutschen Hausfrauen über die Qualität von Haarspülungen – Kaffeeklatsch auf einen Klick.

Nach diesem Prinzip funktionieren auch Freizeitportale wie Tillate.com, Usgang.ch und Partyguide.ch – die helvetischen Ausgaben von MySpace und Co. Die früheren Online-Partyführer haben sich in den vergangenen Jahren zu hyperverlinkten Kommunikationsplattformen gewandelt. Abertausende klicken sich täglich durch die Balz-Zonen aus Bits und Bytes. Der Branchenleader Partyguide.ch hat derzeit rund 250 000 aktive Mitglieder, die täglich rund 80 000 Nachrichten im internen Mailsystem verschicken und nochmals rund 80 000 im Realtime-Chat. Und die Gründer, die vor wenigen Jahren noch allabendlich durch die Clubs zogen und fröhliche Partypeople ablichteten, setzen heute Millionen um und geben Interviews in Wirtschaftsmagazinen.

Auch Jenny Aebi, 24, verbrachte täglich mehrere Stunden auf Partyportalen wie Tillate.com, bis sie «merkte, dass die Leute dort immer jünger und primitiver wurden». Jetzt hat sie nur noch ein Konto bei Sexyandfamous.com. Auf der Schweizer Lifestyle-Plattform ist die blonde Immobilienkauffrau und Aerobic-Instruktorin unter ihresgleichen – die Community besteht aus 1800 männlichen und weiblichen Beautys mit einem Durchschnittsalter von 26 ½ Jahren. Wer in die Gemeinschaft aufgenommen werden will, muss erst mal ein «Voting» durch Schon-Mitglieder über sich ergehen lassen. Das Hauptkriterium der Prüfung: gutes Aussehen. Die Durchfallquote beträgt 75 Prozent. Wers geschafft hat, darf dafür mit Gleichgesinnten chatten, nach Lust und Laune flirten und wird zu exklusiven Partys eingeladen, wo man dann wiederum unter sich ist.

Eine Kontaktbörse gigantischen Ausmasses: Das ist auch Second Life. In der virtuellen Welt leben derzeit 3,3 Millionen User, täglich registrieren sich 20000 neue – und designen sich einen «Avatar», ihr virtuelles Alter Ego. Sie kaufen Land, bauen Häuser und Parks, produzieren Güter, eröffnen Geschäfte – und amüsieren sich an Traumstränden und Partys. Fast wie im echten Leben also – «nur geht eben alles viel einfacher, auch der Kontakt», sagt Stephan Schönthal. Der 37-jährige Küchenchef aus Bern verbringt täglich mehrere Stunden im SL, wo er eine Disco und eine Shopping Mall besitzt. «Für viele ist Second Life eine riesige Flirtzone», glaubt der Cyberfreak, «es wird gebaggert wie verrückt.» Im virtuellen Raum ist eben alles möglich, hier erst werden Träume wahr: im realen Leben gestresste Mutter, im SL Femme fatale, in der Wirklichkeit ein Loser, im Second Life ein Sonnyboy. Hier einsam, dort beliebt: Viele, vor allem Frauen, würden in der virtuellen Welt nach Anschluss suchen, ist Schönthal überzeugt – manch eine Lady hätte ihm schon via Chat-Modus ihr Herz ausgeschüttet. «Und ich höre sogar zu. Was ich im richtigen Leben nicht unbedingt machen würde. Da habe ich ja keine Zeit.»

Wie Jenny und Stephan machen sich Millionen andere selbst zum Inhalt des Internets. Die Grenzen zwischen online und offline, zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit verschwinden dabei immer mehr. Bereits gibt es Online-Detekteien, die darauf spezialisiert sind, bestimmte Inhalte aufzustöbern und zu löschen. Denn, so Rechtsexperte Gasser: «Das Internet hat ein Elefantengedächtnis.» Web-Archive bunkern Daten für die Ewigkeit: Ein längst vergessenes Nacktfoto kann eine Karriere, ein allzu intimer Blog-Eintrag eine langjährige Freundschaft ruinieren. «Stehen persönliche Daten erst mal im Web, ist es enorm schwer, sie da wieder rauszubekommen», weiss Gasser. Doch je mehr Authentizität gefordert wird, desto mehr vermischen sich privates und öffentliches Leben. Dessen bewusst sind sich die wenigsten.

Besonders das Videoportal YouTube («deine Glotze») ist eine fiese Kiste. Auf dem derzeit wohl bekanntesten Web-2.0-Unternehmen werden pro Tag mehr als 100 Millionen Filme abgerufen, täglich kommen 65 000 neue Videos dazu. Ob Kate Moss beim Koksen oder Vreni Hungerbühler beim Rüeblirüsten – mit nichts als einer Schürze an: Alles wird in die Wundertube reingemurkst – und kommt millionenfach wieder raus. Manchmal mit surrealen Folgen: Kate Moss kokst fröhlich weiter, nur reicher und berühmter als je zuvor. Und ein unbeholfener Teenager wurde zum grössten Internetstar aller Zeiten: 900 Millionen Mal wurde das Filmchen des Lichtschwerter schwingenden Dickerchens angesehen, mehr als jedes andere YouTube-Video. Die ganze Welt lachte über «The Star Wars Kid» – der 15-jährige Schüler erlitt darob einen psychischen Zusammenbruch.

Das wird Urs, 17 und Eddie, 19, nicht passieren – auch wenn sie sich mit Fug und Recht zu den helvetischen YouTube-Stars zählen können. Um ihre Pingu-Filmchen im Balkan-Slang, entstanden aus purer Langeweile, ist ein regelrechter Kult entstanden. Bis heute haben eineinhalb Millionen YouTube-Besucher einen der rotzfrechen Clips angeklickt – und es kommt vor, dass die beiden Lehrlinge aus dem aargauischen Bremgarten im Ausgang Gleichaltrige ihre eigenen Sprüche rezitieren hören: «Das war am Anfang schon ein bisschen unheimlich.»

Vielleicht ist es unheimlich, auf jeden Fall ist es neu. Noch nie zuvor hat es ein Medium gegeben, in dem absolute inhaltliche Basisdemokratie herrschte, Konsumenten zu Machern wurden und jeder eine Stimme hat. Nicht wenige gehören Selbstdarstellern auf der Suche nach einem Publikum. Fragt sich nur: Wenn irgendwann alle auf der Bühne stehen – wer sitzt dann noch im Zuschauerraum?
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Rapper in Vollmontur (siehe Film mitte)

Die Genfer Flughafenfeuer-
wehr hatte während der Weihnachtszeit einen kreativen Schub: Sie drehte in Vollmontur auf dem Flughafengelände ein Rap-Video und stellte das Filmchen ins Internet, wo es schnell zum Renner avancierte. Innert Tagen haben sich Zehntausende das Werk auf YouTube angesehen. Der Kommandant, der von der ganzen Aktion nichts gewusst hatte, nahms gelassen: «Da haben meine Jungs doch einen super Job gemacht!»

«Uns war einfach langweilig»

Urs (17) und Eddie (19) (Foto: Nandor Nagy)
Urs (17) und Eddie (19) (Foto: Nandor Nagy)

Da vertonten die Lehrlinge einige Folgen der Trickserie «Pingu» mit ihrer ureigenen Version des Balkan-Slangs – und schufen unfreiwillig einen Kult. Fast zwei Millionen Mal wurden die Filmchen auf YouTube angeklickt. Alle wollten sehen, wie das drollige Knetfigürchen Pingu «Pardy» feiert, sich mit Wodka besäuft und seine ganze Umgebung mit «Du huere Michi!» anfährt. Der Ausdruck ist eigentlich ein skurriles Relikt aus Urs’ und Eddies Schulzeit – jetzt rezitieren ihn Jugendliche landauf landab. Und auf www.hueremichi.ch gibts T-Shirts mit dem Slogan zu kaufen.

«Ich bin mein eigener Boss»

Stephan (37) (Foto: Daniel Rihs)
Stephan (37) (Foto: Daniel Rihs)

Schlossherr, Partyveran-
stalter und Besitzer einer Shopping-Mall – aber nur im Internet. Stephan lebt auf www.secondlife.com mit einer virtuellen Identität ein zweites Leben. In seinem ersten ist der Berner stellvertretender Küchenchef – und findet das auch gut so: «Club-Besitzer zu sein, wäre mir zu unsicher.
Und zu anstrengend.»

«Das Ganze ist sehr abstrakt»

Emma (22) (Foto: Nandor Nagy)
Emma (22) (Foto: Nandor Nagy)

Die Engländerin ist Mitglied der Foto-Community Flickr. Auf Emmas persönlicher Seite www.flickr.com können Freunde in ihrer Heimat und überall auf der Welt sehen, wie schön die Schweiz ist. Und was Emma so treibt, wenn sie nicht gerade an ihrem Arbeitsplatz bei Syngenta in Basel sitzt. Einmal im Monat trifft sich Hobbyfotografin Emma mit den «Züriflickrs» – einer Gruppe von gleichgesinnten Flickr-Members: «Diese Leute machen die Sache für mich erst real.»

«Hier sind wir unter uns»

Jenny (24) (Foto: Pascal Mora)
Jenny (24) (Foto: Pascal Mora)

Die Immobilienkauffrau aus Kloten ist Member bei www.sexyandfamous.com. Zu der Schweizer Web-Community wird nur zugelassen, wer gut aussieht – wer schon Mitglied ist, darf bei Neubewerbungen Jury spielen. Jenny war von Anfang an dabei, chattet und frischt ihr Profil mit neuen Fotos auf. Auch sonst ist sie ständig online, kommuniziert mit ihrem Bruder in Hongkong und mit dem über Australien und die USA verteilten Rest der Verwandtschaft.

«Hauptsache echt»

Naddy (22) und Christoph (19) (Foto: Pascal Mora)
Naddy (22) und Christoph (19) (Foto: Pascal Mora)

In einer WG in Zürich-Seebach entsteht das Online-Magazin www.stars-backstage.com. In bester «Bravo»-Manier berichten die Verkäuferin und der Bankangestellte von Aftershows und Hintereingängen – und haben dabei jede Menge Spass. Egal ob Hallenstadion oder Leutschenbach, Mia Aegerter, Jeanette Biedermann oder Weltstar Pink: Hauptsache, die Berichterstattung wirkt authentisch

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