Betonter Beton: Sehnsucht nach urbaner Härte
Günter Hack | Aktualisiert um 11:40 | 06.04.2006
Fotograf Andreas Muhs (40) und Journalist Oliver Elser (33) bereisen das Niemandsland Berlin. Die Gebäude, die sie auf ihren Expeditionen entdecken, scheinen alle auf die Abrissbirne zu warten. Mit ihrem Projekt «Restmodern» zeigen sie uns, dass es auch architektonische Verbrechen mit Charme gibt. Und was wir sehen könnten, wenn wir hinschauen würden.
SonntagsBlick.ch: Seit wann arbeiten Sie an «Restmodern"?
Oliver Elser: Begonnen hat es im Jahr 2001 mit einem Kneipengespräch zwischen dem Architekturfotografen Andreas Muhs und mir über die «übersehenen Architekturperlen» in Berlin. Daraus entwickelte sich das Projekt, einen «Architekturführer der anderen Art» zu machen, der auf die anerkannten Höhepunkte verzichtet. Andreas Muhs begann dann zu fotografieren und im Jahr 2003 hatten wir bereits rund 600 Aufnahmen, von denen wir eine Auswahl von zunächst 90 Bildern ins Netz gestellt haben. Der Erfolg hat uns selbst überrascht.
Wie gehen Sie dabei vor? Wandern Sie einfach mit der Kamera durch die Stadt, oder gibt es eine Systematik?
Nein, es gibt keine Systematik, jedenfalls nicht in einem strengen Sinne. Aber andererseits haben wir bei der Auswahl durchaus Kriterien: Wir suchen Bauten, die individuell sind. Obwohl man der Nachkriegsarchitektur ja das Gegenteil nachsagt, lässt sich doch ein verblüffender Reichtum an architektonischen Formen entdecken, der in keinem Architekturbuch bisher erwähnt wurde. Wenn ein Architekt versucht hat, aus dem engen Korsett des damaligen «Bauwirtschaftsfunktionalismus» auszubrechen, dann wird es für uns interessant. Unser «Verfahren» ist, nachdem wir die Objekte in den uns bekannten Bezirken erfasst haben, die uns bereits früher aufgefallen waren, vom absichtsvollen Verfahren mit dem Auto bestimmt: Andreas Muhs kurvt abseits der gewohnten Strassen herum. Dadurch wird die Auswahl auch vom Zufall bestimmt. Die Lust am Entdecken ist seine Motivation, immer wieder ins Auto zu steigen. Aber es gab auch schon Hinweise aus dem Publikum, also von den Besuchern unserer Seite, denen wir gerne nachgefahren sind.
Vor 25 Jahren schrieb der bekannte US-Schriftsteller Tom Wolfe einen langen und einflussreichen Essay, in dem er Nachkriegs-Modernismus und «International Style» als gesichtslose Kisten-Architektur verdammte. Diese Ansicht wird wohl mittlerweile von den meisten Menschen geteilt. Jetzt bringen Sie ein Buch heraus, in dem Sie einen geradezu liebevollen Blick auf diese Bauten und ihre Schrulligkeiten werfen. Was kann man an der Nachkriegsmoderne mögen?
In vielen Projekten, und seien sie auch noch so trostlos in ihrer heutigen Erscheinung, kann man die Aufbruchstimmung dieser Epoche spüren. Städte auf mehreren Ebenen, neue Materialien, demokratisches Wohnen erst in der Nachkriegszeit war die Gesellschaft, wenigstens für kurze Zeit, soweit, die Utopien der Moderne Wirklichkeit werden zu lassen. Dass dabei oft daneben gehauen wurde, wollen wir gar nicht leugnen. Wirklich gelungene Beispiele, wie die Siedlung Halen bei Bern, gibt es wenige. Trotzdem mögen wir die vielen, vergleichsweise missratenen Berliner Bauten. Auch die Mietskasernen der Gründerzeit hat man einst abreissen wollen. In den vergangenen Jahren zeichnet sich auch bei der Nachkriegsarchitektur ein Richtungswechsel ab: Immer mehr junge Leute interessieren sich für diese Zeit und ziehen aus dem Altbau beispielsweise in den neunten Stock eines Waschbeton-Plattenbaus mit phänomenalem Ausblick.
Von wegen Plattenbau: Bekanntestes Beispiel für den Umgang mit der Nachkriegs-Moderne in Berlin sind wohl die Vorgänge um den «Palast der Republik». Sehen Sie vor allem die Bauten der ehemaligen DDR bedroht?
Nein, obwohl bei den DDR-Bauten die Ablehnung noch schärfer ist. Man straft die Architektur, meint aber das politische System. «Umgang» heisst ja meist Abriss. Ein Irrsinn, den Palast der Republik «rückzubauen», wie der offizielle Begriff lautet, obwohl das Gebäude ähnliche Qualitäten hatte wie das «Centre Pompidou» in Paris. In Berlin wird gerade über das «Internationale Kongress-Zentrum» (ICC) diskutiert, das sich im Westteil befindet. Es ist profitabel, aber seine Raumfahrt-Ästhetik hat wenige Freunde ausserhalb von Architektenkreisen. Aber wir meiden bewusst diese «dicken Brocken», sondern wenden uns dem zu, was verschwindet, ohne dass es jemand bemerkt.
Ist es nicht gut, wenn einige dieser Bauten verschwinden? Bei den Banlieue-Aufständen in Frankreich spielte ja auch die Architektur eine wichtige Rolle.
Bei den Arbeiter-Aufständen in Berlin 1918/19 spielten auch die Massenwohnungen der damaligen Zeit, eben jene «Mietskasernen», eine wichtige Rolle. Heute lieben sie alle. Karl Marx´ Kollege Friedrich Engels hat Ihre Frage sehr gut beantwortet: Die sozialen Verhältnisse sind das Problem, nicht die Architektur. Gleichzeitig ist es für die Weiterentwicklung der Architektur immer gut, wenn einige Bauten verschwinden. Restmodern.de zielt nicht darauf ab, alle Bauten der Nachkriegszeit unter Denkmalschutz zu stellen. Vieles sieht nur auf dem Foto gut aus, in der Realität gruselt es einen.
Beim Betrachten der Bilder stellt sich so eine Art Caspar-David-Friedrich-Effekt ein. Man blickt auf Ruinen und auf tote Ideen.
Kopien von Caspar David Friedrichs Gemälden hingen zwar in den spiessigsten deutschen Wohnstuben, aber in dieser Ruinen-Romantik steckt auch etwas sehr Fortschrittliches: In toten Gemäuern entsteht neues Leben. Wir würden uns sehr freuen, wenn die restmodern-Bilder ein Anstoss wären, Über die totgesagten Ideen neu nachzudenken.
Sie haben nun genügend Material gesammelt. Wann soll das Buch erscheinen?
Einen Verlag haben wir, aber nicht aus Berlin, sondern aus dem ebenfalls sehr restmodernen Rüsselsheim, einer Industriestadt bei Frankfurt am Main. Doch das Buch erscheint nur, wenn es auch ein Publikum dafür gibt. Seit Anfang April suchen wir 500 Vorbesteller, was natürlich eine Menge ist. Aber wird sind recht zuversichtlich. Restmodern.de war drei Jahre lang ein reines Internet-Projekt mit hoher Resonanz. Unter den ersten Vorbestellern sind nicht nur Berliner, sondern auch auffallend viele Schweizer, die sich vielleicht nach etwas urbaner Härte sehnen, sowie Leute aus New York und London.
Mehr Beton: restmodern.de
Die tägliche Dosis Härte: Restmodern bei Flickr
Oliver Elser: Begonnen hat es im Jahr 2001 mit einem Kneipengespräch zwischen dem Architekturfotografen Andreas Muhs und mir über die «übersehenen Architekturperlen» in Berlin. Daraus entwickelte sich das Projekt, einen «Architekturführer der anderen Art» zu machen, der auf die anerkannten Höhepunkte verzichtet. Andreas Muhs begann dann zu fotografieren und im Jahr 2003 hatten wir bereits rund 600 Aufnahmen, von denen wir eine Auswahl von zunächst 90 Bildern ins Netz gestellt haben. Der Erfolg hat uns selbst überrascht.
Wie gehen Sie dabei vor? Wandern Sie einfach mit der Kamera durch die Stadt, oder gibt es eine Systematik?
Nein, es gibt keine Systematik, jedenfalls nicht in einem strengen Sinne. Aber andererseits haben wir bei der Auswahl durchaus Kriterien: Wir suchen Bauten, die individuell sind. Obwohl man der Nachkriegsarchitektur ja das Gegenteil nachsagt, lässt sich doch ein verblüffender Reichtum an architektonischen Formen entdecken, der in keinem Architekturbuch bisher erwähnt wurde. Wenn ein Architekt versucht hat, aus dem engen Korsett des damaligen «Bauwirtschaftsfunktionalismus» auszubrechen, dann wird es für uns interessant. Unser «Verfahren» ist, nachdem wir die Objekte in den uns bekannten Bezirken erfasst haben, die uns bereits früher aufgefallen waren, vom absichtsvollen Verfahren mit dem Auto bestimmt: Andreas Muhs kurvt abseits der gewohnten Strassen herum. Dadurch wird die Auswahl auch vom Zufall bestimmt. Die Lust am Entdecken ist seine Motivation, immer wieder ins Auto zu steigen. Aber es gab auch schon Hinweise aus dem Publikum, also von den Besuchern unserer Seite, denen wir gerne nachgefahren sind.
Vor 25 Jahren schrieb der bekannte US-Schriftsteller Tom Wolfe einen langen und einflussreichen Essay, in dem er Nachkriegs-Modernismus und «International Style» als gesichtslose Kisten-Architektur verdammte. Diese Ansicht wird wohl mittlerweile von den meisten Menschen geteilt. Jetzt bringen Sie ein Buch heraus, in dem Sie einen geradezu liebevollen Blick auf diese Bauten und ihre Schrulligkeiten werfen. Was kann man an der Nachkriegsmoderne mögen?
In vielen Projekten, und seien sie auch noch so trostlos in ihrer heutigen Erscheinung, kann man die Aufbruchstimmung dieser Epoche spüren. Städte auf mehreren Ebenen, neue Materialien, demokratisches Wohnen erst in der Nachkriegszeit war die Gesellschaft, wenigstens für kurze Zeit, soweit, die Utopien der Moderne Wirklichkeit werden zu lassen. Dass dabei oft daneben gehauen wurde, wollen wir gar nicht leugnen. Wirklich gelungene Beispiele, wie die Siedlung Halen bei Bern, gibt es wenige. Trotzdem mögen wir die vielen, vergleichsweise missratenen Berliner Bauten. Auch die Mietskasernen der Gründerzeit hat man einst abreissen wollen. In den vergangenen Jahren zeichnet sich auch bei der Nachkriegsarchitektur ein Richtungswechsel ab: Immer mehr junge Leute interessieren sich für diese Zeit und ziehen aus dem Altbau beispielsweise in den neunten Stock eines Waschbeton-Plattenbaus mit phänomenalem Ausblick.
Von wegen Plattenbau: Bekanntestes Beispiel für den Umgang mit der Nachkriegs-Moderne in Berlin sind wohl die Vorgänge um den «Palast der Republik». Sehen Sie vor allem die Bauten der ehemaligen DDR bedroht?
Nein, obwohl bei den DDR-Bauten die Ablehnung noch schärfer ist. Man straft die Architektur, meint aber das politische System. «Umgang» heisst ja meist Abriss. Ein Irrsinn, den Palast der Republik «rückzubauen», wie der offizielle Begriff lautet, obwohl das Gebäude ähnliche Qualitäten hatte wie das «Centre Pompidou» in Paris. In Berlin wird gerade über das «Internationale Kongress-Zentrum» (ICC) diskutiert, das sich im Westteil befindet. Es ist profitabel, aber seine Raumfahrt-Ästhetik hat wenige Freunde ausserhalb von Architektenkreisen. Aber wir meiden bewusst diese «dicken Brocken», sondern wenden uns dem zu, was verschwindet, ohne dass es jemand bemerkt.
Ist es nicht gut, wenn einige dieser Bauten verschwinden? Bei den Banlieue-Aufständen in Frankreich spielte ja auch die Architektur eine wichtige Rolle.
Bei den Arbeiter-Aufständen in Berlin 1918/19 spielten auch die Massenwohnungen der damaligen Zeit, eben jene «Mietskasernen», eine wichtige Rolle. Heute lieben sie alle. Karl Marx´ Kollege Friedrich Engels hat Ihre Frage sehr gut beantwortet: Die sozialen Verhältnisse sind das Problem, nicht die Architektur. Gleichzeitig ist es für die Weiterentwicklung der Architektur immer gut, wenn einige Bauten verschwinden. Restmodern.de zielt nicht darauf ab, alle Bauten der Nachkriegszeit unter Denkmalschutz zu stellen. Vieles sieht nur auf dem Foto gut aus, in der Realität gruselt es einen.
Beim Betrachten der Bilder stellt sich so eine Art Caspar-David-Friedrich-Effekt ein. Man blickt auf Ruinen und auf tote Ideen.
Kopien von Caspar David Friedrichs Gemälden hingen zwar in den spiessigsten deutschen Wohnstuben, aber in dieser Ruinen-Romantik steckt auch etwas sehr Fortschrittliches: In toten Gemäuern entsteht neues Leben. Wir würden uns sehr freuen, wenn die restmodern-Bilder ein Anstoss wären, Über die totgesagten Ideen neu nachzudenken.
Sie haben nun genügend Material gesammelt. Wann soll das Buch erscheinen?
Einen Verlag haben wir, aber nicht aus Berlin, sondern aus dem ebenfalls sehr restmodernen Rüsselsheim, einer Industriestadt bei Frankfurt am Main. Doch das Buch erscheint nur, wenn es auch ein Publikum dafür gibt. Seit Anfang April suchen wir 500 Vorbesteller, was natürlich eine Menge ist. Aber wird sind recht zuversichtlich. Restmodern.de war drei Jahre lang ein reines Internet-Projekt mit hoher Resonanz. Unter den ersten Vorbestellern sind nicht nur Berliner, sondern auch auffallend viele Schweizer, die sich vielleicht nach etwas urbaner Härte sehnen, sowie Leute aus New York und London.
Mehr Beton: restmodern.de
Die tägliche Dosis Härte: Restmodern bei Flickr
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