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Journalismus: Neue Nachrichten

Ronda Hauben | Aktualisiert um 10:24 | 31.01.2006

Viele Menschen sind mit den Massenmedien unzufrieden. Eine neue Nachrichten-Website möchte ihre Leser mitbestimmen lassen, welche Informationen wichtig sind.



Newsvine, so heisst die neue Site, befindet sich noch im Beta-Stadium. Das heisst: Zur Zeit können nur Nutzer an dem Projekt teilnehmen, die dazu eingeladen worden sind. Ähnlich wie bei Googles GMail dürfen die Newsvine-User aber auch eigene Einladungen verschicken. Sobald die Testphase vorbei ist, soll die Site für die breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Rückgrat von Newsvine, das seit dem 6. Januar online ist, stellen klassische Agenturmeldungen von Associated Press (AP) dar. Die Sportmeldungen kommen von dem US-Anbieter espn.com. Die User können diese Artikel kommentieren oder selbst welche schreiben. Ausserdem ist es einfach, externe Quellen über Links einzubinden. Auch einen Chat gibt es.

Macht sich ein Nutzer daran, einen Artikel auf Newsvine zu schreiben, wird er jedoch schnell feststellen, dass er mit den vielen Agenturmeldungen um Raum und Platzierung auf der Einstiegsseite kämpfen muss. Das führte dazu, dass viele der Meldungen, die von den Nutzern verfasst wurden, in schwer zugänglichen Unter-Sektionen der Website landeten.

Es gibt aber auch Möglichkeiten, in der Platzierung nach vorne zu rutschen. Eine davon ist, von der Newsvine-Mannschaft als guter Schreiber ausgewählt und «Featured Writer» zu werden. Artikel, die viele Kommentare generieren, kommen auch nach vorne. Gefällt den Lesern ein Artikel besonders, dann klicken sie auf einen Favoriten-Button. Artikel mit vielen solchen Klicks erhalten vom System einen attraktiven Platz.

Newsvine-Chef Mike Davidson möchte den Lesern auf seiner Site eine angenehme Umgebung bieten. «Die meisten grossen Nachrichtenportale bieten den Nutzern nicht die Teilnahmemöglichkeiten, die sie wünschen.» Wer die grösste Zahl von passiven Konsumenten zu Mitproduzenten auf seiner Nachrichtensite machen kann, hat gewonnen, glaubt Davidson.

Bisher hat Davidson fünf feste Mitarbeiter. Es gelang ihm, Risikokapital von der Investment-Firma Second Avenue Partners zu erhalten, die, wie Newsvine selbst, in Seattle sitzt. Die Investoren, so Davidson, seien alte Online-Profis, die bei Microsoft, ESPN und Amazon ihr Geld gemacht hätten.

Newsvine möchte sich in den US-Trend der sogenannten «Citizen Reporters» einklinken und eine Nachrichten-Site sein, die ihren Nutzern eine Stimme gibt. Nicht nur professionelle Journalisten sollen sich äussern können, sondern jeder, der eine gute Nachricht hat. Ein Pionier auf dem Gebiet des «Bürgerjournalismus» ist die von Oh Yeon Ho gegründete und bis heute geleitete südkoreanische Online-Zeitung OhmyNews, die im Februar 2000 im Rahmen der Demokratiebewegung entstand.

OhmyNews ist ein kommerzielles Unternehmen, das sich über Werbung finanziert und seinen Autoren kleine Honorare bezahlt. Die Nachrichten dort kommen entweder von den angestellten Redaktoren oder von Bürgerjournalisten. Allerdings behalten sich dort die Redaktoren die Entscheidung vor, wo welcher Artikel auf der Site platziert wird. OhmyNews sieht sich als Vorkämpfer der Demokratie gegen die traditionell konservativen Massenmedien Südkoreas. In dem lange von Militär-Regimes unterdrückten Land hat freie Meinungsäusserung einen hohen Stellenwert. OhmyNews ist angetreten, die herrschende Machtkonzentration und Korruption in Südkorea zu bekämpfen, wo das Internet eine bedeutend wichtigere Rolle in der politischen Meinungsbildung spielt als in Europa. So unterstützte OhmyNews 2002 den späteren Sieger der Präsidentschaftswahlen Roh Moo-hyun.

Newsvine dagegen hat keine solchen Ambitionen und präsentiert sich als ein rein kommerzielles Unternehmen, dessen Ziel es ist, das Amazon oder Ebay der Nachrichten-Websites zu werden. Mike Davidson möchte auch ein Bezahlungssystem einbauen, das den freien Autoren je nach Beliebtheit ihrer Artikel einen Teil der Werbeeinahmen ausschüttet. Diese Mechanik integriert die Autoren allerdings eher in den Anzeigenverkauf, anstatt sie wie Journalisten zu behandeln. Autoren brauchen Geld, aber ihre Bezahlung so unmittelbar an die Werbeeinnahmen zu koppeln, wird die Qualität ihrer Arbeit nicht unbedingt steigern.

Immerhin 80% der Inhalte auf Newsvine sind Agenturmeldungen von AP und ESPN. Das widerspricht der Idee des Bürgerjournalismus, wie sie beispielsweise bei OhmyNews verwirklicht wurde. Beim Bürgerjournalismus geht es schliesslich darum, dass die geschriebenen Artikel auch veröffentlicht und kommentiert werden können. Das geht aber nicht, wenn sie in schwer zugänglichen Bereichen der Website versteckt werden. Dabei sind gerade die von den Benutzern geschriebenen Beiträge die, die Newsvine von beliebigen anderen Nachrichten-Sites unterscheiden. Agenturmeldungen findet man schliesslich überall. Ohne angemessene Bezahlung ist aber niemand wirklich motiviert, gut recherchiert Artikel zu schreiben.

Bleibt noch das Problem mit dem Copyright. Während auf OhmyNews die Autoren alle Rechte an ihren Artikeln behalten, nimmt sich Newsvine das Recht heraus, die dort publizierten Werke nach Belieben weiterverwerten zu dürfen. In einigen Blogs und Foren lösten diese Bestimmungen Empörung aus. Immerhin würden die Autoren alle ihre Rechte an der eigenen Arbeit verlieren. Mike Davidson versucht, die Wellen zu glätten: «Wir werden mit den Texten nichts tun, was nicht in der Absicht des Autors lag. Ich kann Ihnen nur versichern, dass wir nichts Böses im Sinn haben. Es ist in der Tat wichtig, dass diese Aspekte unseres Projekts hinterfragt werden.»

Martin Roesgen, ein Newsvine-Benutzer aus Deutschland, glaubt, dass die Site eine wichtige Rolle spielen könnte: «Blogs und Foren sind heute eine Kraft, mit der man rechnen muss. Viele Leute wollen sich nicht mehr nur auf eine einzige Nachrichtenquelle verlassen, weil wir wissen, wie einfach es heutzutage ist, Informationen zu manipulieren. Besonders wichtig finde ich die von Newsvine-Nutzern angelegten ´Seeds’, also die kommentierten Links zu anderen Quellen im Web. Dort finde ich oft mehr Details zu Themen, die mich interessieren. Ich kenne keine andere Website, auf der Agenturmeldungen und von Benutzern erstellte Artikel in dieser Grössenordnung miteinander publiziert und kombiniert werden.»

Aus den Kommentaren der meisten Newsvine-Benutzer lässt sich herauslesen, dass sie zum Erfolg des Projekts beitragen möchten. Das ist ein ermutigendes Zeichen. Die Diskussionen können zu neuen Konzepten im Nachrichtenjournalismus führen, die einer demokratischen Gesellschaft besser gerecht werden als die Produkte der traditionellen Massenmedien.
Will die Nutzer zu Reportern machen: Newsvine
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