Modrow 100: Modrow feiert
Dies ist eine Geschichte mit viel Himmel, Sonne und einer vollkommen erfrischten Gaby. Modrow kommt erst ganz am Ende vor.
Auch im Laufe eines Tages sieht Gaby sicher viele freundliche Gesichter. Ja, sie ist blond. Ja, ihre blauen Augen lächeln. Nein, ich grüble lieber über unser Leben. Das heisst nun nicht, dass ich ungern lache. Aber nachdenken über den Zustand der Welt und des Menschen Unglück im Allgemeinen wird man ja wohl noch dürfen!
Ernsthaftigkeit. Darum geht es mir. Ernsthaftigkeit.
Draussen strahlt an diesem schönen Sonntag die Sonne. Der Himmel zeigt sich in seinem herrlichsten Blau. Ein lauer Wind fährt durch die jungen Blätter. So kann das Leben sein: mild und entspannt. Mit dem Geruch frisch gemahlenen Kaffees und dem Knistern warmer Gipfeli. Auch die Neuigkeiten aus aller Welt geben zu beinahe keiner Sorge Anlass.
Die Natur zeigt sich in zartem Grün. Die Blüten treiben es in Rosa. Und es liegt ein Duft in der Luft, der selbst mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Vielleicht zahlt es sich sogar aus, den zweiten Kaffee und das dritte Gipfeli mit nach draussen zu nehmen, auf die Terrasse, an die Sonne.
So lässt sich eine ganze Kolumne bestreiten: mit Wärme, Himmel und frischem Lebensatem.
Von Modrow aber war heute noch gar nichts zu sehen. Obwohl sie doch heute ein Jubiläum hat. Sie bleibt davon gänzlich unbeeindruckt. Denn vieles kann sie: durchs Gesichtsfeld huschen, sich schnurrend streicheln lassen oder auch ihre Krallen an wertvollen Möbeln wetzen. Nur eines kann unsere Katze nicht: zählen. Die 100 ist ihr gleich, als wäre es die 47, die 28 oder 89. So ist es eben: Das Kätzische orientiert sich nicht an Zahlen, sondern am Dasein. Und das ist nun mal aus Prinzip unberechenbar.
Jetzt trappelt Modrow raus auf die Terrasse. Hält ihre Nase in den Wind, miaut ganz leise und schleicht dann an einen Platz, von dem sie sich die nächsten Stunden nicht wegbewegen wird.
Recht hat sie. So feiert man sich selbst.
Brief an Modrow
Liebe Modrow
Mit Interesse lese ich die Berichte Deines Herrchens. Er spricht mir aus dem Herzen. Wie sich Katzen doch gleichen! Sei es im Verhalten gegenüber dem Besitzer, sei es beim Fressen, sei es, wenn sie so tun, als würden sie schlafen – und sind doch hellwach, wenn in der Küche das Licht angeht und der Kühlschrank geöffnet wird. Lieb und lästig, tyrannisch und anschmiegsam, kratzbürstig und unterwürfig – nichts ist ihnen fremd.
Als mein Mann krank wurde und nicht mehr aus dem Haus konnte, habe ich unsere Mira beim Tierarzt abgeholt. Sie war lange nicht abgeholt worden – auch das gibt es. Erst durfte man sie kaum anrühren, sie hat mich sogar gebissen und ich musste eine Starrkrampf-Injektion machen lassen. Aber das ist längst vergessen, heute ist sie anschmiegsam und liebesbedürftig bis zum Gehtnichtmehr. Bei Besuch schmeichelt sie sich ein, dass es manchmal fast peinlich ist. Mit ihrem glänzenden schwarzen Fell, dem weissen Schnörrli und vor allem ihrem kleinen Wuchs macht sie einen niedlichen, sehr jugendlichen Eindruck – dabei hat sie 14 Jahre auf dem Buckel. Und als sie letzthin Nierenprobleme hatte, rannte ich jeden Tag zum Tierarzt für Injektionen, aber jetzt gehts ihr und mir wieder gut. Hoffentlich bleibts noch lange so.
Mit freundlichen Grüssen
Trudy Bischof, St. Gallen











