Modrow 97: Keine Chance
Neben Katzen sehen die Menschen ziemlich alt aus – jedenfalls wenn sie schlafen.
Modrow scheint in jeder Stellung schlafen zu können. Mit angewinkelten Pfötchen. Mit ausgestreckten Hinterläufen. Auf dem Rücken. Auf dem Bauch. Sie atmet immer ganz leise, fast unhörbar. Nur ihre Schwanzspitze bewegt sich manchmal zuckend – als würde sie im Traum nach einem Vogel haschen wollen.
Im Winter sucht die Katze Wärme. In den Sommermonaten liebt sie den Schatten. Immer aber liebt sie Ruhe.
Wir Menschen tun uns da schwerer. Wenn wir mal nicht in unserem gewohnten Bettchen übernachten dürfen, plagen uns Unbequemlichkeiten: Einmal hängt die Matratze zu sehr durch, dann ist das Kissen zu hart oder die Decke zu warm.
Hingegen Modrow: döst, büselt und schläft auf dem Schaffell, auf Teppich- und Steinboden, im Gras, auf Blumen, Betten und Pullovern.
«Das ist ein seliger Zustand», weiss Gaby, die selbst auch zu den Katzenwesen gehört. Sie schläft, an mich gelehnt, im Bus, neben mir im Auto, wenn ich am Steuer sitze, und in der Bahn zeigt sie sowieso immer ihren Ich-bin-so-müde-Augenaufschlag.
Katzen fahren freiwillig weder Bahn noch Bus noch Auto. Reisen ist gar nichts für sie: Mutwillige Ortswechsel sind zu vermeiden!
«Das ist ein seliger Zustand» – sagt Gaby. Auch wenn sie sich wiederholt … der Schlaf ist ja auch etwas, was sich wiederholt. Unsere Schlafstellungen bleiben übrigens ebenfalls immer gleich: Einmal Seitenmümmler, immer Seitenmümmler. Nicht nur das unterscheidet uns von Katzen.
Wir sehen auch wesentlich weniger anmutig aus, wenn wir schlafen. Schon gar nicht, wenn wir erwachen: Modrow braucht nicht Kamm, nicht Dusche, nicht Zahnbürste. Sie strahlt sofort nach dem Aufwachen wie ein Hollywoodstar. Gaby schaut mir über die Schulter: «Jetzt brauchst du aber meine Morgenrituale gar nicht erst ausbreiten», warnt sie.
Daran habe ich keine Sekunde gedacht.
Ich beschränke mich auf einen Satz: Gaby braucht bedeutend länger als Modrow, so auszusehen, dass ich neben ihr keine Chance habe.
Brief an Modrow
Hallo Modrow!
Heute bekommst du Post von einer alten Katzendame! Vor 20 Jahren kam ich mit meinem Cousin Maxli zu meinen Besitzern. Ihre zwei Kinder (sie sind nun leider aus dem Haus) verwöhnten uns sehr, wir durften öfters in ihrem kuscheligen Bett schlafen. Leider ist mein Cousin seit drei Jahren im Katzenhimmel!
Seit einiger Zeit nerve ich Tag und Nacht mit lautem Katzengejammer! Nein, Modrow, ich habe keine Schmerzen, mein Arzt meinte, weil ich nichts mehr höre, rufe ich mir selbst zu – finde ich clever! Mein Besitzer verwünscht mich des Öfteren, aber zum Glück verteidigt mich seine Frau, krault mich und erinnert ihn immer wieder an unsere gemeinsamen Jahre. Das ist Katzenliebe, gell Modrow!
Wie es wohl im Katzenhimmel ist? Ich glaube, es ist langsam an der Zeit, mir darüber Gedanken zu machen!
Liebe Katzengrüsse, Sandy
Wolfgang von Ow/Thayngen SH











