Der Brief, den die AlpTransit zur Beruhigung der Einwohner am 31. März an die vom Erdbeben betroffenen Tessiner Gemeinden schickte, in deutscher Übersetzung:
Sehr geehrte Stadtverwaltung,
Bezüglich Ihres Schreibens vom 28. März dieses Jahres nehmen wir wie folgt Stellung:
Am Samstag, den 25. März 2006 wurde um 22:42 Uhr im Inneren der Multifunktionsstation Faido ein Bergschlag registriert. Die Überprüfung des Tunnels durch die Verantwortlichen unserer Gesellschaft ergab Schäden an der Zementverschalung der Röhre und Abbröckelungen auf die Fahrstrecke. Dieses Phänomen ist in den vergangenen Monaten bereits mehrfach im Tunnel festgestellt worden. Bisher wurde es als Ereignis minderer Bedeutung eingestuft. Nach unseren Beobachtungen würde dieses Phänomen an der Oberfläche nicht den Eindruck einen Mini-Erdbebens empfinden. Der Schweizerische Seismologische Dienst der ETH hat bestätigt, dass es sich um ein Mini-Beben der Stärke 2,4 auf der Richter-Skala gehandelt hat. Das Institut geht nicht davon aus, dass es dabei zu Schäden an der Oberfläche kam.
Bereits im vergangenen Sommer hat die AlpTransit eine Zusammenarbeit mit dem Seismologischen Dienst begonnen. Dabei geht es um ein besseres Verständnis der Zusammenhänge dieser Phänomene im Inneren des Tunnels und den registrierten Mini-Beben. Zu diesem Zweck ist im Bereich der Media Levantina ein zusätzliches Überwachungs-System installiert worden. Die AlpTransit Sankt Gotthard AG weiss um die Sensibilität des Informationsbedarfs und dem Recht der Bevölkerung auf unmittelbare und transparente Benachrichtigung. Deshalb wurde die Bevölkerung bereits am 11. August 2005 durch eine Pressemitteilung über dieses Phänomen und seine Konsequenzen informiert. Im Verlauf der regelmässigen Sitzungen der «Inter-Kommunalen Kommission» wurden die betroffenen Gemeinden mit weiteren Details informiert. Der Kanton Tessin wurde, separat und vorab, am 18. Juli 2005 bei einem der regelmässigen Treffen zwischen der Direktion der ATG und Staatsrat Rechtsanwalt Marco Borradori informiert.
Wir erlauben uns, die Ereignisse der vergangenen Tage noch einmal kurz zu rekonstruieren:
Am Montag, den 27. März 2006, erhielt unsere Pressestelle eine Reihe von Medienanfragen zu dem Vorfall. Nachdem sie sich detailliert informiert hatte, nahm die Sprecherin in Interviews Stellung zu dem Ereignis. Diese Interviews wurden, gemeinsam mit den Erklärungen von Bürgermeister Roland David, am darauf folgenden Dienstag veröffentlicht. Diese Erklärungen wurden kantonal von den elektronischen Medien (TSI, Tele Ticino, RSI) sowie auf Landesebene von der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA) verbreitet. Am späten Nachmittag des Dienstags reagierte die AlpTransit auf die Besorgnis der Bevölkerung mit einer beigefügten offiziellen Stellungnahme, in der versichert wurde, dass nichts Gravierendes geschehen war. Während AlpTransit erklären konnte, dass es im Inneren des Tunnels zu keinem schweren Zwischenfall gekommen war, war sich die Gesellschaft der Tatsache nicht bewusst, dass das Ereignis an der Oberfläche als Schlag und Erschütterung wahrgenommen worden war. Von daher ist die in «La Regione» vom 30. März 2006 aufgestellte Behauptung von Bürgermeister R. David, der zufolge «AlpTransit versucht, die Situation herunterzuspielen», nicht akzeptabel.
Es ist nicht auszuschliessen, dass sich ähnliche Phänomene auch in Zukunft ereignen können. Nach derzeitigem Wissensstand ist es aber weder möglich, einen Zusammenhang zwischen den beiden Phänomenen zu beweisen noch Vorhersagen zu machen. Allerdings ist nicht mit Mini-Beben grösserer Intensität zu rechnen.
Um allen Haushalten im betroffenen Streckenabschnitt eine Beschreibung der derzeitigen Situation zukommen zu lassen, ist für die Ausgabe des «Prospetto Ticino» 01/06 eine Informationsseite zu diesem Thema geplant, die flächendeckend verteilt werden wird.
Wir hoffen, dass die Kommunalverwaltung uns umgehend über die Beobachtung dieser Phänomene informiert, um künftig unnötige und über die Medien ausgetragene Polemiken vermeiden zu können. Noch einmal erklären wir unsere absolute Bereitschaft zum Dialog und Gedankenaustausch zu jeder Gelegenheit.
Mit freundlichen Grüssen
AlpTransit Sankt Gotthard AG
Stefan Flury
Leiter Sektor GBG-S
Giosa Bullo
Pressesprecherin Tessin
Neat-Beben: Der Berg schreit
Peter Exinger | Aktualisiert um 10:12 | 02.04.2006
Erst trieben die Neat-Arbeiter Tunnel in den Gotthard. Jetzt schlägt das Massiv mit Erdbeben zurück.
Ein sonniger Samstag geht im Tessiner Dorf Faido seinem Ende entgegen. Windstill und kühl ist die Nacht des 25. März. Dann passiert, was dort noch niemand erlebt hat: Um 22.42 Uhr ertönt ein heftiger Knall, dann geht ein spürbares Zittern durch Gebäude, Tiere, Matten und Menschen.
Seit Jahren haben hier Arbeiter mit schwerem Gerät den Berg ausgehöhlt, Schächte gebohrt und Felsmaterial gesprengt. Spätestens in zehn Jahren sollen Züge mit 250 km/h durch den Berg rasen. Zwischen Erstfeld und Bodio entsteht auf 57 Kilometern der längste Tunnel der Welt, die Neat (Neue Eisenbahn Alpen Transversale). Und genau unterhalb vom Faido, ca. 15 Kilometer vom Südportal bei Bodio entfernt, bebte die Erde mit einer Macht von 2.4 Punkten auf der Richterskala.
Die Menschen reagieren verängstigt: «Die Leute sind am Samstagabend auf die Strasse gestürzt», berichtet Roland David (45), Faidos Gemeindepräsident, von seinem Schrecken. Da rätselten die Tessiner noch: Kam der Knall von einem Zugunglück? War ein Tankwagen auf der Gotthard-Autobahn explodiert? David: «Zuerst haben wir uns gewundert … dann hatten wir bloss Angst.»
Erst morgen Montag werden die vom Erdbeben betroffenen Gemeinden einen Brief von der Neat-Baufirma AlpTransit erhalten. Darin heisst es: «Es ist nicht auszuschliessen, dass sich ähnliche Phänomene auch in Zukunft ereignen können.» Nach einem Bericht in der Fernsehsendung «10 vor 10» am Donnerstag war eine Stellungnahme unausweichlich geworden.
Aber warum sprach die AlpTransit nicht schon vorher Klartext? Und wieso bezeichnet sie den Vorfall auch jetzt noch als «Phänomen»?
Kann es sein, dass die Arbeiten der Neat im Fels dieses schwerwiegende Erdbeben ausgelöst haben? «Ja», bestätigt der Bauleiter des Gotthard-Basistunnel Süd, Stefan Flury, «Seit wir hier graben, bebt die Erde.»
Das Epizentrum des Bebens vom vorigen Samstag lag unmittelbar neben dem Tunnel, nur rund 300 Meter im Erdinneren, direkt unter Faido. Das durfte niemand auf die leichte Schulter nehmen. Auch nicht die Bauleiter. Sofort stiegen sie in den Tunnel. Was sie vorfanden, bestätigte ihre Befürchtungen: Die bis zu 30 Zentimeter dicke Spritzbetonwand war abgeplatzt, der Geröllboden bin zu einem Meter hoch aufgeschüttet. Jetzt darf dort niemand mehr hinein – ein 300 Meter langen Teilstück des Tunnels ist bis auf weiteres gesperrt.
Bauleiter Flury registrierte überrascht: «Der Tunnel ist deformiert.» Es war nicht sein erster Rückschlag: «Seit letzten Sommer haben wir Schwierigkeiten, platzt nach Bergschlägen und Erdbeben immer wieder Betonmaterial von Wänden und Decke», sagt Flury.
Deswegen untersuchen seit Juli ’05 Professoren der ETH im Auftrag der AlpTransit die beängstigenden Geschehnisse. Erdbebenspezialist Stephan Husen hat sieben Seismometer um Faido stationiert sowie einen der Erdbebenmesser im Tunnel selbst. Der Wissenschafter lässt keinen Zweifel: «Das Beben hängt mit der Bautätigkeit zusammen. Die Gegend ist bislang nicht für Erdbebentätigkeiten bekannt.»
Wird der Bau des Gotthard-Basistunnels noch weitere Erschütterungen auslösen? Sind gar die Einwohner von Faido in Gefahr? Husen beruhigt, Gefahr für Menschen bestehe nicht. Doch dann schränkt er ein: «Prognosen können wir keine treffen, weil wir die Vorgänge noch nicht verstanden haben.»
Die AlpTransit steckt ohnehin in Schwierigkeiten. Die Beben könnten das 20-Milliarden-Projekt weiter verteuern – und verzögern. Sogar Toni Eder (46), Vizedirektor des Bundesamts für Verkehr, will einen Zusammenhang zwischen Tunnelbau und Erdbeben nun nicht mehr ausschliessen, sieht aber die Neat nicht in Gefahr.
Nur Faidos Gemeindepräsident Roland David hat ein definitives Urteil: «Jetzt rächt sich der Berg an den Menschen.»
Lesen Sie im SonntagsBlick, was uns die Neat kostet und was Toni Eder im Interview zu den aktuellen Problemen zu sagen hat.
Seit Jahren haben hier Arbeiter mit schwerem Gerät den Berg ausgehöhlt, Schächte gebohrt und Felsmaterial gesprengt. Spätestens in zehn Jahren sollen Züge mit 250 km/h durch den Berg rasen. Zwischen Erstfeld und Bodio entsteht auf 57 Kilometern der längste Tunnel der Welt, die Neat (Neue Eisenbahn Alpen Transversale). Und genau unterhalb vom Faido, ca. 15 Kilometer vom Südportal bei Bodio entfernt, bebte die Erde mit einer Macht von 2.4 Punkten auf der Richterskala.
Die Menschen reagieren verängstigt: «Die Leute sind am Samstagabend auf die Strasse gestürzt», berichtet Roland David (45), Faidos Gemeindepräsident, von seinem Schrecken. Da rätselten die Tessiner noch: Kam der Knall von einem Zugunglück? War ein Tankwagen auf der Gotthard-Autobahn explodiert? David: «Zuerst haben wir uns gewundert … dann hatten wir bloss Angst.»
Erst morgen Montag werden die vom Erdbeben betroffenen Gemeinden einen Brief von der Neat-Baufirma AlpTransit erhalten. Darin heisst es: «Es ist nicht auszuschliessen, dass sich ähnliche Phänomene auch in Zukunft ereignen können.» Nach einem Bericht in der Fernsehsendung «10 vor 10» am Donnerstag war eine Stellungnahme unausweichlich geworden.
Aber warum sprach die AlpTransit nicht schon vorher Klartext? Und wieso bezeichnet sie den Vorfall auch jetzt noch als «Phänomen»?
Kann es sein, dass die Arbeiten der Neat im Fels dieses schwerwiegende Erdbeben ausgelöst haben? «Ja», bestätigt der Bauleiter des Gotthard-Basistunnel Süd, Stefan Flury, «Seit wir hier graben, bebt die Erde.»
Das Epizentrum des Bebens vom vorigen Samstag lag unmittelbar neben dem Tunnel, nur rund 300 Meter im Erdinneren, direkt unter Faido. Das durfte niemand auf die leichte Schulter nehmen. Auch nicht die Bauleiter. Sofort stiegen sie in den Tunnel. Was sie vorfanden, bestätigte ihre Befürchtungen: Die bis zu 30 Zentimeter dicke Spritzbetonwand war abgeplatzt, der Geröllboden bin zu einem Meter hoch aufgeschüttet. Jetzt darf dort niemand mehr hinein – ein 300 Meter langen Teilstück des Tunnels ist bis auf weiteres gesperrt.
Bauleiter Flury registrierte überrascht: «Der Tunnel ist deformiert.» Es war nicht sein erster Rückschlag: «Seit letzten Sommer haben wir Schwierigkeiten, platzt nach Bergschlägen und Erdbeben immer wieder Betonmaterial von Wänden und Decke», sagt Flury.
Deswegen untersuchen seit Juli ’05 Professoren der ETH im Auftrag der AlpTransit die beängstigenden Geschehnisse. Erdbebenspezialist Stephan Husen hat sieben Seismometer um Faido stationiert sowie einen der Erdbebenmesser im Tunnel selbst. Der Wissenschafter lässt keinen Zweifel: «Das Beben hängt mit der Bautätigkeit zusammen. Die Gegend ist bislang nicht für Erdbebentätigkeiten bekannt.»
Wird der Bau des Gotthard-Basistunnels noch weitere Erschütterungen auslösen? Sind gar die Einwohner von Faido in Gefahr? Husen beruhigt, Gefahr für Menschen bestehe nicht. Doch dann schränkt er ein: «Prognosen können wir keine treffen, weil wir die Vorgänge noch nicht verstanden haben.»
Die AlpTransit steckt ohnehin in Schwierigkeiten. Die Beben könnten das 20-Milliarden-Projekt weiter verteuern – und verzögern. Sogar Toni Eder (46), Vizedirektor des Bundesamts für Verkehr, will einen Zusammenhang zwischen Tunnelbau und Erdbeben nun nicht mehr ausschliessen, sieht aber die Neat nicht in Gefahr.
Nur Faidos Gemeindepräsident Roland David hat ein definitives Urteil: «Jetzt rächt sich der Berg an den Menschen.»
Lesen Sie im SonntagsBlick, was uns die Neat kostet und was Toni Eder im Interview zu den aktuellen Problemen zu sagen hat.
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