Spion & Spion: Die CIA jagt Dick Marty
Die CIA wird es nie zugeben, aber alles spricht dafür: Der Schweizer Dick Marty (60), der die Folterknechte jagt, wird von ihnen ausspioniert.
Der Tessiner FDP-Ständerat und seine Mission: Im Auftrag des Europarats in Strassburg (F) soll der Ex-Mafiajäger beweisen, was die ganze Welt bisher nur vermutet. Die USA verschleppen, verstecken und verhören in ihrem Krieg gegen den weltweiten Terror systematisch ihre Gefangenen. In geheimen Lagern, wohin die CIA-Häscher die angeblichen Terroristen bringt, wird auch Folter angewendet.
«Ich stelle den Krieg gegen Terrorismus nicht in Frage», sagt Marty, «aber er muss mit rechtsstaatlichen Mitteln erfolgen». Folter sei «nicht effizient und kontraproduktiv».
Jetzt nimmt die CIA den Jäger aus der Schweiz ins Visier. «Es würde mich nicht erstaunen, wenn ich abgehört werde», sagt Marty am Rande der Wintersession in Bern zu SonntagsBlick. Er geht davon aus, dass die CIA versuchen wird, «zu erfahren, welche Informationen mir vorliegen». Und mehr noch: «Eine Taktik könnte sein, mich als Person zu diskreditieren», sagt Marty.
Der Jäger wird zum Gejagten. Geheimdienstexperten sind sich einig: Der grosse Lauschangriff der CIA auf Marty hat bereits begonnen. «Die Amerikaner werden mit hunderprozentiger Sicherheit alles daran setzen, das Wissen von Herrn Marty in Erfahrung zu bringen», sagt Erich Schmidt-Eenboom (53), Leiter des Instituts für Friedenspolitik in Weilheim (D).
Der renommierte Geheimdienstfachmann ist überzeugt, dass der US-Geheimdienst «alle elektronischen Mittel ausschöpfen wird». Ein hochrangiger Schweizer Geheimdienstler, der anonym bleiben will, stützt diese Aussagen. «Die CIA wird vor allem wissen wollen, wer Martys Informanten sind», sagt er.
Für den Schweizer Sonderermittler bedeutet das konkret:
- Jedes Gespräch mit seinem Samsung-Handy wird mitgehört
- Jedes E-Mail auf seinem Macintosh-Laptop landet bei der CIA
- Jedes Fax von und an ihn wird von den US-Schnüfflern abgefangen
Dass es sich dabei nicht um Hirngespinste handelt, zeigen drei bekannt gewordene Fälle aus der jüngeren Vergangenheit:
- In Genf liess die CIA eine japanische Wirtschaftsdelegation aushorchen, die sich auf Gespräche mit den Amerikanern vorbereitete.
- Im Irak schleusten sich Agenten in eine Gruppe von UN-Abrüstungskontrolleuren ein. Die Inspektoren fühlten sich dadurch für Spionagezweck e
- missbraucht.
In New York hörte der Geheimdienst Mitglieder des UN-Sicherheitsrates ab, um deren Einstellung zum geplanten Irak-Krieg zu kennen.
In all diesen Fällen setzte die National Security Agency (NSA) im Auftrag der CIA modernste technische Mittel ein (siehe Artikel rechts). Im CIA-Hauptquartier in Langley (Virgina) will man weder Martys Mission noch seine Bespitzelung kommentieren. «Das werden wir auch in Zukunft nicht tun», sagt eine Sprecherin.
Unbeirrt vom mächtigen Gegner ermittelt der ehemalige Staatsanwalt weiter. «Es mag naiv tönen», sagt Marty, «aber ich bin im Dienste einer guten Sache unterwegs und das ist der beste Schutz.»
Entführungen und Folter: Chronologie eines Skandals
1995 gibt US-Präsident Bill Clinton der CIA einen neuen Befehl: Ab sofort soll der Geheimdienst mutmassliche islamistische Terroristen überall auf der Welt aufspüren, sie verhaften und der Justiz in ihren Heimatländern überstellen. Folterverhöre auch mit Todesfolge nimmt das Weisse Haus dabei billigend in Kauf.
Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 gilt ein neuer Befehl von Präsident George W. Bush. Von nun an werden Terrorverdächtige in geheimen Gefängnissen der CIA gehalten. Vizepräsident Dick Cheney verteidigt die als «innovative Verhörmethoden» umschriebene Folterpraxis in diesen Lagern selbst dann noch, als sich die internationalen Proteste häufen.
Aufgeschreckt worden sind vor allem die Europäer durch Presseberichte über geheime Gefangenentransporte der CIA und Geheimgefängnisse des Dienstes in Osteuropa.
Hunderte von Flügen des Geheimdienstes durch den europäischen Luftraum wurden inzwischen für die letzten beiden Jahre nachgewiesen. Allein die Schweiz hat seit 2003 mehr als 70 Überflüge und vier Landungen in Genf festgestellt. Zwei dieser Flüge dienten der aussergerichtlichen Überstellung des ägyptischen Hasspredigers Abu Omar, den ein CIA-Kommando am 17. Februar 2003 in Mailand entführte und an die Militärjustiz in Kairo auslieferte.
Am 7. November beauftragte der Europarat den ehemaligen Schweizer Staatsanwalt Dick Marty mit der Aufklärung der Vorwürfe gegen die CIA.










