Pitbull-Attacke: An Süleymans Sarg
Sandro Brotz | Aktualisiert um 02:17 | 04.12.2005
Heute wird der kleine Süleyman († 6) in der Türkei zu Grabe getragen. SonntagsBlick traf die Eltern, bevor sie in die Heimat abflogen. Sie haben ihr einziges Kind verloren. Was hat dieser Pitbull-Halter nur angerichtet!
«Süleyman, jetzt bist du ein
Vogel, der ins
Paradies fliegt»
(Aus dem Abschiedsgebet)
Als die sechs Männer den kleinen Sarg in den Raum tragen, sackt Bekir Yildirim (30) zusammen. Er stöhnt, zittert am ganzen Körper. Sein Gesicht ist bleich. Freunde kümmern sich um ihn, bringen ihm Wasser. Der da am Boden liegt, ist Süleymans Vater. Aus einem anderen Raum im Türkisch-islamischen Zentrum in Buchs AG dringt lautes Weinen herüber. Als das Abschiedsgebet beginnt, bricht eine der Frauen zusammen.
Die da so herzzerreissend weint, ist Süleymans Mutter. Die Mimar-Sinan-Moschee in Buchs ist am Freitagabend um 19 Uhr voller Menschen. Mehr als hundert Trauernde nehmen nach dem Freitagsgebet Abschied von Süleyman Yildirim, geboren am 24. September 1999 im Kantonsspital Aarau.
Er wurde nur 6 Jahre und 68 Tage alt.
«Es ist so schwierig, die richtigen Worte zu finden», sagt der Vorbeter zur Menge. Er hat Tränen in den Augen. Wie alle anderen auch. Sie blicken auf den kleinen Sarg mit dem grünen Gebetsbuch, der auf einem Tisch steht.
«Diese Bilder hätten wir uns ersparen können, wenn die Behörden früher reagiert hätten», flüstert Hasan Serttas (32), der Präsident der Moschee.
«Fassungslos versuchen wir, den sinnlosen Tod zu begreifen»
(Aus der Todesanzeige der Behörden in Oberglatt ZH)
Vor dem Abschiedsgebet hatte der Vater erzählt, wie er den letzten Tag mit seinem Sohn erlebte. Sie tobten draussen im Schnee herum, kauften Geschenke, darunter eine Playstation. «Süleyman war voller Leben», sagt Bekir Yildirim, der Vater. Wenn er über ihn spricht, starren seine geröteten Augen ins Leere. Die Tasse Kaffee rührt er nicht an, die Zigarette brennt nieder, ohne dass er einmal daran gezogen hätte.
Im Zürcher Institut für Rechtsmedizin hat der Vater die Leiche seines Sohnes gesehen. «Der Kopf war mit einem weissen Tuch abgedeckt», sagt er leise. Jeder weiss, was das heisst: Die Gerichtsmediziner wollten dem Vater den Anblick nicht zumuten.
«So etwas Schlimmes habe ich in zwölf Dienstjahren als Polizeisprecher noch nicht gesehen»
(Werner Benz, Kantonspolizei Zürich)
Adile Yildirim (26) erträgt es nicht, den kleinen Sarg zu sehen. Die Mutter von Süleyman wird ohnmächtig vor die Moschee in Buchs getragen. Angehörige flössen ihr Wasser ein. Wer sie in diesen Tagen von Oberglatt ZH gesehen hat, muss ihr keine Fragen stellen. Ihr Gesichtsausdruck fragt verzweifelt: Warum mein Kind? Warum dürfen solche Hunde frei herumlaufen? Warum gibt es kein Verbot?
«Süleyman», flüstert sie nur immer wieder. «Süleyman.» Seit der Trennung von ihrem Mann war die gelernte Coiffeuse alleinerziehende Mutter. Drei Kampfhunde haben ihr am Donnerstag das Liebste in Stücke gerissen. Wird Pitbull-Halter Morris Castellarin (41) jemals begreifen, was er angerichtet hat?
Schweigend versammeln sich die Angehörigen nach dem Andachtsgebet in der Wohnung von Süleymans Tante. Draussen vor der Türe stehen dutzende von Schuhpaaren. Drinnen wird die Stille nur durch Wehklagen durchbrochen.
Es ist ein Meer von Tränen.
«Ich möchte, dass du wieder lebst»
(Aus einem Brief eines Gspänlis von Süleyman)
Es ist bitterkalt, als der Leichenwagen am Samstagmorgen auf dem Flughafen Zürich-Kloten vorfährt. Er bringt den kleinen Sarg. Behutsam wird er in den Frachtraum der Turkish-Airlines-Maschine gehoben. An Bord von Flug TK 1908 nach Istanbul sitzen zwei Menschen, die ihr Glück verloren haben: Süleymans Eltern. Die Mutter wird von Angehörigen gestützt, schliesslich sogar in einem Rollstuhl durch die Passkontrolle gebracht.
Vom Flughafen in Istanbul geht es weiter nach Antalya, dann nochmals drei Stunden im Auto in den Süden des Landes. Zuerst nach Kumashlar, ins Heimatdorf der Mutter. Später nach Camköy, ins Heimatdorf des Vaters. Dort werden die sterblichen Überreste des Buben heute Sonntag beigesetzt.
So endet eine Lebensreise.
In einem kleinen Sarg.
Zu früh.
Viel zu früh.
MITARBEIT: ERDINC ISPARTALI UND BEAT KRAUSHAAR
AUS DER TÜRKEI
MORGEN IM BLICK:
ABSCHIED VON SÜLEYMAN IN DER TÜRKEI
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