Leser fragen, Schriftsteller Thomas Meyer antwortet «Meine Mutter behandelt mich respektlos»

Meine Mutter behandelt mich (52) seit jeher respektlos. Ich fühle mich immer noch wie ein kleines Kind.

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Offenbar ist Ihre Mutter mit sich selber sehr unglücklich. Denn niemand, der nur wenig Selbstvertrauen hat, vermittelt anderen ein grosses. Nur wer in sich selbst Freude und Beständigkeit gefunden hat, dem ist es ein natürliches Anliegen, andere in dieser Entwicklung zu unterstützen – namentlich seine Kinder.

Das Verhältnis zu Ihrer Mutter ist von wechselseitiger emotionaler Abhängigkeit geprägt: Sie warten seit über einem halben Jahrhundert darauf, anständig behandelt zu werden (und können nochmals so lang darauf warten), während Ihre Mutter dringend Ihre Aufmerksamkeit benötigt. Nachdem sie nicht in der Lage ist, diese auf konstruktive Weise zu gewinnen, setzt sie halt auf negative Zuwendung – indem sie Sie fertig macht. Das ist nicht schön, aber es funktioniert: Sie beschäftigen sich permanent mit neuen und alten Verletzungen und mit deren Urheberin, die damit zur wichtigsten Person Ihres Lebens wird. Auch eine Art von Prominenz.

Es wäre geboten, den Kontakt abzubrechen – aber das hilft Ihnen nicht. Sie hätten dann zwar Ruhe, aber noch keinen Frieden. Vielmehr sind Sie aufgefordert, Ihre Mutter an einen Punkt zu verfrachten, wo sie in Ihrem Leben nur minimalen Schaden anrichten kann: Und sie, sobald sie neuerlich Grenzen überschreitet, was sie unter Garantie tun wird, wieder dorthin zu schaffen. Und vor allem müssen Sie sich von der Hoffnung verabschieden, dass Ihre Mutter eines Tages ihr bewährtes Psychoterrorregime beenden und durch ein Reich der Liebe ersetzen wird. Das ist nicht, was Gewaltherrscher tun. Weit eher sterben sie.

Erheben Sie sich also künftig und gehen Sie weg, wenn Ihre Mutter das nächste Mal zu Ihnen gemein wird. Kommentieren Sie den aktuellen Grund nicht weiter, sagen Sie auf Nachfrage nur: «Weil du gemein warst.» Kommt dann wieder was Gemeines, etwa ein Verweis auf Ihre Überempfindlichkeit, wiederholen Sie die Prozedur.

Ihre Mutter wird niemals begreifen, worin das Problem liegt, aber das muss sie auch nicht. Sie muss nur erleben, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat. Und Sie müssen erleben, dass Sie eine eigene Person sind, die bestimmen darf, was für Sie zu weit geht. Verschaffen Sie sich Respekt – geschenkt wird er einem nie.

Zur Person

Der Zürcher Schriftsteller Thomas Meyer beobachtet seine Mitmenschen seit nunmehr 41 Jahren. Das ist denen nicht immer recht. Haben auch Sie Fragen an ihn? magazin@sonntagsblick.ch, Betreff: «Meyer»

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Publiziert am 14.12.2016 | Aktualisiert am 14.12.2016
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2 Kommentare
  • Gabor  Posch 15.12.2016
    Nicht dass ich eine solche Mutter hätte, aber nach dem Lesen Ihres Artikels finde ich gerade dies eigentlich jammerschade. Da darbt er nun vor sich hin, der kleine, fiese Psychopath in mir, weil er einfach niemanden in seinem nahen Umfeld hat, dem er irgendwas auf besonders fiese Art heimzahlen müsste. Dafür hat mich die Kolumne zum Lachen gebracht, und das ist doch auch schon etwas.
  • Karin  Fust 14.12.2016
    Wow! Toller Bericht - nur schade, dass ich den nicht vor 30 Jahren schon lesen konnte. Mir ist es unverständlich, dass es soviele Menschen gibt, die sich und anderen das Leben schwer machen. Wir könnten es alle viel friedlicher haben... Wer braucht diesen selbstgemachten Stress? Niemand hat etwas davon.