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Es gilt das gesprochene Wort: Möchten Sie Schweizer werden, Alexander Pereira?

ZÜRICH – Er ist eine der schillerndsten Figuren im Schweizer Kulturbetrieb: der Zürcher Opernhaus-Intendant Alexander Pereira. Patrick Rohr traf ihn diese Woche zum Gespräch – am Morgen nach einer Premiere, die fast geplatzt wäre, weil der Vater des Hauptdarstellers überraschend gestorben ist.

Von Patrick Rohr | Aktualisiert um 00:17 | 19.01.2008
Auf der Bühne des Zürcher Opernhauses: Alexander Pereira, der gerne Sänger geworden wäre, spielt Patrick Rohr eine Operetten-Szene vor. (Peter Gerber/BLICK)
Auf der Bühne des Zürcher Opernhauses: Alexander Pereira, der gerne Sänger geworden wäre, spielt Patrick Rohr eine Operetten-Szene vor. (Peter Gerber/BLICK)
Letzte Nacht haben Sie ja wahrscheinlich nicht sehr viel geschlafen?
Pereira: Nein, nach den Aufregungen von gestern! Ich bin ja kein Panzertier. Wenn völlig unerwartet der Vater des Hauptdarstellers stirbt, der eine Rolle spielt, die so unheimlich schwer zu singen ist, dass das niemand anders auf der ganzen Welt kann –klar hängt da die Vorstellung an einem seidenen Faden.

Was belastete Sie mehr: das Schicksal des Sängers oder dass Sie möglicherweise die Premiere hätten absagen müssen?
Man wird mir das jetzt vielleicht nicht glauben, aber wenn sich herausgestellt hätte, dass der Sänger unmöglich hätte singen können, hätte ich kein Problem gehabt, dem Publikum zu sagen: «Entschuldigt bitte, aber es geht nicht, es waren höhere Mächte im Spiel.» Doch der Sänger war überzeugt, dass sein Vater gewollt hätte, dass er singt, weil er sehr stolz auf die Karriere seines Sohnes war. Also trat er auf.

Wieso denken Sie, dass man Ihnen das nicht glauben würde?
Weil man wahrscheinlich denkt, dass ich nur eines im Kopf habe – meine Premiere zu retten. Das wäre ja auch nicht unehrenhaft, aber ich bin überzeugt, dass es so etwas wie eine vom Schicksal vorgezeichnete Linie gibt. Und diese schicksalsbedingten Entwicklungen muss man zulassen.

Sie sind überzeugt, dass alles vorgezeichnet ist?
Ja. Der freie Wille bedeutet nicht, dass ich machen kann, was ich will, sondern nur, ob ich den vom Schicksal vorgezeichneten Weg auch tatsächlich gehe.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich arbeitete mal bei Olivetti…

…wo Sie Schreibmaschinen verkauften…
…ja, und Rechenmaschinen und Bankenterminals. Das lief ganz gut. Ich war erfolgreich und machte gute Umsätze. Gleichzeitig hatte ich aber den Wunsch, Opernsänger zu werden. Ich studierte 12 Jahre lang Gesang, mit kolossaler Intensität. Ich wollte schon als Kind ein berühmter Sänger werden, war später überzeugt, dass man mich schon längst hätte entdecken müssen. Als das nicht geschah, begann ich Konzerte zu organisieren, um mir selber Auftritte zu verschaffen.

Und trotzdem klappte es nicht mit der Karriere?
Nein, irgendwann kam aber die Konzerthausgesellschaft in Wien auf die wahnwitzige Idee, diesem Olivetti-Verkaufsleiter, der in seiner Freizeit Konzerte organisierte, die Leitung eines der grössten Musikinstitute anzubieten. Da fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen, dass ich nicht Gesang studiert hatte, um selber Sänger zu werden, sondern um in meinem neuen Beruf möglichst viel Verständnis für den Sängerberuf zu haben.

Solche Zeichen zu sehen und zu akzeptieren, ist nicht ganz einfach.
Ja. Wenn ich heute in einem Saal sitze und ein schönes Stück sehe, tut es mir oft weh, dass ich nicht mitsingen kann. Ich habe übrigens gerade letzte Nacht geträumt, dass man mir für ein sehr gutes Honorar eine Rolle angeboten hat.

Klingt nach einer unverarbeiteten Niederlage.
Ja, sonst hätte man mir wohl nicht im Traum diese Rolle angeboten. Aber das Schicksal muss man akzeptieren. Auch wenn es damals natürlich schmerzhaft war zu akzeptieren, dass es das Ende meiner Sängerkarriere bedeutete. Dafür hat mir aber das Schicksal auch etwas sehr Schönes gegeben: Künstlern eine Heimat bieten zu können, ist eine wunderbare Aufgabe.

Und trotzdem ist da dieser unerfüllte Traum einer Sängerkarriere. Was hätten Sie da bekommen, was Sie heute nicht bekommen?
War es die Hoffnung auf Applaus und Anerkennung? Der Wunsch, geliebt zu werden? Ich weiss es nicht. Mein Vater starb, als ich zweijährig war. Er war damals Österreichischer Botschafter in Indien und der Uno-Vermittler in der Kaschmirkrise. Auf dem Weg zu einem Einsatz stürzte er dann mit Flugzeug ab, seine Maschine war Ziel eines Attentats.

Und weil Sie nie väterliche Anerkennung bekamen, suchten Sie sie auf andere Art?
Es ist schwer zu sagen, vielleicht ja.

Sie hielten vor Jahren einmal ein Referat, in dem Sie sagten, die Musik könne die Liebe ersetzen. Hat die Musik möglicherweise in der Kindheit die Liebe des Vaters ersetzt?
Das kann man so sagen, ja. Auf jeden Fall war da etwas, das mir so viel gab, dass ich mich darauf einlassen wollte. Es trug nicht den Namen «Vater», aber es wärmte mich und half mir, in mir zu ruhen.

Sie standen viele Jahre später wieder vor einer wichtigen Entscheidungsfrage, 2005, als Sie das
Angebot bekamen, an die renommierte Mailänder Scala zu gehen. Sie sind nicht gegangen. Haben Sie auch da den richtigen Weg genommen?

Ich glaube schon. Aber endgültig werde ich Ihnen diese Frage erst in vier, fünf Jahren, am Ende meiner Tätigkeit in Zürich, beantworten können. Aber heute schon kann ich sagen, dass die Frage damals nicht ganz so schwer zu entscheiden war.

Warum?
Weil ich überzeugt war, in Zürich in den nächsten fünf Jahren künstlerisch mehr erreichen zu können.

Der Wille, künstlerisch noch mehr zu erreichen, war also grösser als die eigene Eitelkeit.
Als ich vor 16 Jahren nach Zürich kam, sagten alle: «Ach, der geht doch nach drei Jahren sowieso wieder.» Jetzt, wenn mein Vertrag dann ausläuft, werde ich der längst dienende Intendant in ganz Europa sein – und der Intendant, der an der Zürcher Oper am längsten in Amt und Würden war. Es kommt noch etwas anderes dazu: die Kleinheit des Hauses, die Intimität. Die Beziehung zwischen Publikum und Bühne ist in Zürich sehr intensiv. Letztlich geht es also nur um die Qualität. Allein sie kann einen glücklich machen.

Dann sind Sie also völlig gefeit vor Ruhmsucht?
Niemand ist gefeit vor Ruhmsucht. Aber solange man nicht völlig abhebt, kann man sie unter Kontrolle halten.

Werden Sie in Zürich alt werden?
Ich habe mir diese Frage noch nie wirklich gestellt. Wahrscheinlich werde ich erst am Tag meiner Pensionierung darüber nachdenken. Ich fühle mich sehr wohl in der Schweiz, aber wo ich alt werden will – keine Ahnung.

Hat man Ihnen noch nie angeboten, Schweizer Bürger zu werden – so wie Udo Jürgens, dem anderen berühmten Österreicher in der Schweiz?
Doch, ich wurde einmal angefragt, aber ich glaube, die Anfrage war nicht so intensiv. Auf jeden Fall war meine Antwort: «Eigentlich bin ich Wiener.»

Sie schliessen eine Schweizer Bürgerschaft also nicht ganz aus?
Es ist doch nicht so wichtig, was man ist. Viel wichtiger ist, dass man es schafft, sich irgendwie einzubringen. Und die Tatsache, dass ich Wiener bin, hat dem Zürcher Opernhaus ja auch geholfen. Die Schweizer haben in kulturellen Dingen nämlich einen Minderwertigkeitskomplex, da kann ein bisschen Internationalität gar nicht schaden.

Noch ein Wort zur Liebe...
Darüber rede ich nicht!

Warum?
Weil ich dazu alles gesagt habe, was es zu sagen gibt.

Anmerkung der Red: Pereira sorgte letztes Jahr für Schlagzeilen wegen seiner Liaison mit der 20-jährigen Brasilianerin Daniela Weisser.
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Alexander Pereira (l.) spricht in seinem Büro im Opernhaus mit Patrick Rohr. (Peter Gerber/BLICK)
Alexander Pereira (l.) spricht in seinem Büro im Opernhaus mit Patrick Rohr. (Peter Gerber/BLICK)

Vom Schreibmaschinen- Verkäufer zum Opernhaus-Direktor

Alexander Pereira ist am 11. Oktober 1947 in Wien als Sohn eines österreichischen Diplomaten geboren. Nach einer Ausbildung in Marketing und Verkauf arbeitete er zwölf Jahre für Olivetti, zuerst als Schreibmaschinenverkäufer in Frankfurt, später als Geschäftsstellenleiter in Berlin. Parallel dazu liess er sich in Gesang ausbilden. 1984 wurde Pereira Generalsekretär der Konzerthausgesellschaft Wien. Sieben Jahre später, 1991, kam er als Intendant ans Zürcher Opernhaus. Pereira ist Vater zweier Kinder. Seit etwas mehr als einem Jahr ist er mit der Brasilianerin Daniela Weisser (21) zusammen.

Dieses Stück gibt Alexander Pereira preis

Diesen Dirigentenstab, den ein Dirigent hier im Opernhaus zurückgelassen hat. Er steht für mich für einen weiteren unerfüllten Traum – einmal eine Mozart-Oper wie «Figaros Hochzeit» oder «Cosí fan tutti» zu dirigieren. Das muss das Schönste sein im Leben! Aber man muss ja auch von Dingen träumen, die nie in Erfüllung gehen werden – einige Träume sollen Träume bleiben.

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