TV-Checker Padrutt über «Terror - Ihr Urteil» Entscheiden wir nun öfter übers Film-Ende?

Es war einer der spannendsten TV-Abende der letzten Zeit: Das TV-Experiment «Terror – Ihr Urteil» bot Hochspannung von der ersten bis zur letzten Minute und regte zum Nachdenken an. Das interaktive Format könnte Zukunft haben – egal ob im Länderverbund oder nur bei SRF.

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Der Filmabend nach dem Theaterstück «Terror» des Bestsellerautors und Juristen Ferdinand von Schirach ist trotz viel diskutierten Schwächen gelungen. Das klassische, aus der Philosophie bekannte Dilemma, ob man unschuldige Menschen töten darf, um eine grösser Anzahl zu retten, wurde dicht und kontrovers erörtert. Auch wenn nicht zu sehen war, was im Flieger mit den 164 Passagieren passierte, auch ohne Actionsbilder wie im 9-11-Streifen «Flug 93», denen so ein Film eigentlich folgen müsste, blieb man bis zum Urteil dran. Hervorragend: Martina Gedeck als Staatsanwältin und Lars Eidinger als Verteidiger. Fazit: Theater im Fernsehen, schon lange totgesagt – es funktioniert offenbar immer noch.

Darf man den Zuschauer über so ein Thema abstimmen lassen?

Natürlich liefert «Terror – Ihr Urteil» Angriffsflächen. Es geht jetzt aber nicht darum, sich nur auf die Schwächen zu fokussieren. Natürlich ist fraglich, ob man die Zuschauer über so ein wichtiges Thema abstimmen lassen darf. Vermutlich nicht. So kritisierte der ehemalige deutsche Bundesminister Gerhart Baum die Ausstrahlung. Die Menschen würden im Kern über das deutsche Grundgesetz abstimmen. Doch das stehe nicht zur beliebigen Disposition, befand er.

Trotz Angriffsflächen und Schwachpunkten von «Terror – Ihr Urteil» zeigt sich aber, dass Spielszenen als Denkanstoss für eine Diskussion immer noch funktionieren. SRF muss nur im Archiv kramen – in den 1970-er Jahren hat man mit dem Format «Telearena» einen Strassenfeger. Bereits die erste Folge der jeweils mehrere Stunden dauernden Sendung schlug ein wie eine Bombe: Es gab Spielszenen zum Thema «Sterbehilfe», die mehrmals unterbrochen und von 160 Studiogästen kontrovers diskutiert wurden. Es wurde viel gestritten, auch intern, und die Moderatoren wechselten sich ab.

Schwule sorgten für Gerede

Das Format wurde immer wieder geändert – aber jede Sendung war ein Ereignis. André Kaminski fungierte anfänglich als Dramaturg. Doch es gab bald Krach. Für ihn war das Theater wichtiger als die Diskussion. Von der «Telearena» mit Hans-Ulrich Indermaur ging der Weg zur «Telebühne» mit Andreas Blum  sowie zu späteren Sendeformen wie «Telefilm» mit Heidi Abel und «Telespiel» mit Jürg Jegge.

Immer wieder gab es Skandale: In der «Telearena» zum Thema Homosexualität vom 12. April 1978 bekamen Schwule erstmals ein Gesicht am Fernsehen. Sie durften sich selbstbewusst äussern, mussten sich nicht mehr verstecken. Noch Monate später wurde über die Sendung geredet.

«Eurovision» aufleben lassen

Vielleicht sollte man sich bei SRF Gedanken machen, ob man nicht so ein Format – natürlich in moderner und strafferer Form – einmal pilotieren sollte. Möglich, dass es immer noch funktioniert. Ob es am Ende Film- oder Theaterszenen sind, über die man debattiert, müsste man testen.

Der Film «Terror – Ihr Urteil» hat mit 349‘000 Zuschauern und einem Marktanteil von 19.4% im Gesamtpublikum eine für SRF 2 gute Quote erzielt. Die Zahlen beweisen: Der Film funktioniert. Jetzt wäre es sicher sinnvoll, über eine Fortsetzung dieses interaktiven Formats nachzudenken. Und wer weiss, vielleicht wäre das eine Möglichkeit, die gute alte Tante «Eurovision», die in der Unterhaltung dem Untergang geweiht ist, in neuer Form aufleben zu lassen. Ich bin jedenfalls gespannt, was passiert.

Publiziert am 18.10.2016 | Aktualisiert am 18.10.2016
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6 Kommentare
  • Julian  Wolf 18.10.2016
    Top! Hochspannend! .......
    Und diese Leute merken nicht, dass sie manipuliert werden. Unglaublich!
    Wie wärs mit dieser Ueberlegung: Es kommt auf ARD, ORF in der CH und wir alle sollen dafür sensibilisiert werden. Jetzt werden sich die Schäfchen fragen: Ja worauf denn?
    Einfach einmal nachdenken bitte!
  • Peter  Leo 18.10.2016
    Wenn ein Sender mit auf solche Art Einschaltquoten generieren muss, nährt das meinen Glauben, dass es nur noch in eine Richtung geht.
  • Michael  Keller aus Baden
    18.10.2016
    Wie schon oft zitiert, fernsehen wird gemacht um Zuschauer zu unterhalten. In einem Ernstfall darf ein Pilot nicht selbst entscheiden. Dafür fehlt ihm schlicht der Überblick über die Gesamtsituation. Das muss ein Stab machen unter der Leitung eines Bundesrates. Wenn man sich vom TV löst, wo man immer alle Seiten kennt, kennt in Wirklichkeit nur jeder seine Sicht. Der Rest ist Vermutung und aufgrund dieser darf niemand alleine über einen Abschuss entscheiden.
  • CG  18.10.2016
    Es war einfach nur TOP!!! Endlich mal was zum Ansehen. Von Anfang bis Ende, Spannung, interssant und mal keine Werbung.
    • Artur  Nuttli , via Facebook 18.10.2016
      Mal gefragt weshalb keine Werbung drin war? Schauen sie lieber Tatort, die sind genauer als solche Sendungen. Was gestern diskutiert wurde, ist noch nie geschehen! Es gab Flugzeugentführungen - JA - aber noch nie sagte der Terrorist ich fliege jetzt in ein Fussballstadion. Wenn er das will, merkt man es erst wenn er bereits am Boden ist! Vor 30 Jahren wurde über der Schweiz ein Flugzeug runtergeholt, erst vor kurzem hiess es das ein Terrorist drin war. Nennt man das Beweis?
  • Simon  Gfeller aus Belp
    18.10.2016
    Ich fand es hochspannend. Jedoch hätte die Frage am Ende auch lauten können: Würden sie sich opfern um mehrere Leben zu retten?